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Bei der Toilette, Genrefigur, 2. Hälfte 19. Jahrhundert, TVKM
© TLM 

Blick in die Ausstellung „Dreck“ im Tiroler Volkskunstmuseum; „Nützlicher Dreck“?

Blick in die Ausstellung „Dreck“ im Tiroler Volkskunstmuseum; Holzbadezuber; Wasserkübel, 18. Jahrhundert; Holzkanne, 17. Jahrhundert?; Sitzbadewanne; VKM

Flohfallen, 18. bis 19. Jahrhundert, VKM

 
Leben 11. Juni 2013

Sauber, sauber!

Unter dem bezeichnenden Titel „Dreck im Tiroler Volkskunstmuseum“ spürt die aktuelle Ausstellung nach, was es mit Schmutz und Sauberkeit kulturhistorisch auf sich hat.

Hygieia ist die griechische Göttin der Gesundheit. Davon ist auch der Begriff Hygiene abgeleitet. Der wiederum steht in klarem Kontrast zu Schmutz und Unsauberkeit. Aber Dreck gehört nun mal zum Leben.

Mehrere Sinne leiden bei Unsauberkeit: der Geruchssinn kann sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, dem Blick bleibt der Makel ebenfalls nicht verborgen. Nur gut, dass man Schmutz nicht hören kann. Spüren allerdings schon, sagt doch schon ein altes Sprichwort, gleichsam als Ermahnung zur Sauberkeit: „Nicht kratzen, waschen!“

Aber ist Dreck überall und generell verpönt? Gelten die Regeln der Sauberkeit immer und überall? Und gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land? Was etwa ist mit dem nicht sichtbaren, geistigen „Dreck“? Schließlich gibt es „schmutzige Gedanken“. Einige dieser Fragen werden in dieser Ausstellung beantwortet.

Alles eine Frage des Standpunkts

Alles hat bekanntlich mindestens zwei Seiten. So auch das Phänomen „Dreck“. Verschmutzte Kleidung kann nach einem langen Almsommer als sichtbarer Beweis dafür gelten, dass tüchtig zugepackt wurde. Denn wer nicht arbeitet, macht sich auch nicht schmutzig. Das Wesen von Dreck ist immer relativ. Es gibt Zeiten, da geht es einem eben buchstäblich dreckig, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Bei körperlicher Arbeit rinnt er eben, der Schweiß, das lässt sich nicht vermeiden. Aber dennoch bleibt immer ein gewisses Unbehagen. Denn Schmutz und Dreck sollten dort bleiben, wo sie unvermeidlich sind. Das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche, von der Kindheit angefangen, in der es zum Missfallen der Eltern, ohne ein gewisses Quantum Dreck eben nicht geht. Es ist nun mal vergnüglich in Wasserpfützen zu springen und in Erde oder Sand zu spielen. Ohne Dreck auf der Kleidung ist das nur der halbe Spaß und wird, wenn auch ohne rechte Begeisterung seitens der Erwachsenen, wohl oder übel akzeptiert. Ist denn ein wenig Dreck nicht auch gesund? Bei all jenen, die für Sauberkeit zu sorgen haben, sträuben sich bei solchen Fragen die Haare.

Hygiene als Gegenentwurf

Klarer Fall: Dreck ist unhygienisch und schenkt man der griechischen Göttin Hygieia Glauben, ungesund. Da ist in gewisser Weise etwas Wahres dran. Denn Dreck als permanenter Lebensbegleiter führt in der Regel zu keinen gesunden und damit wünschenswerten Lebensumständen. Auf diese Weise konnten über Jahrhunderte Seuchen und Epidemien entstehen. Diese Gefahr ist sogar im 21. Jahrhundert noch längst nicht gebannt. Das Bestreben um mehr Reinlichkeit hat schon früh begonnen. Die römischen Bäder und auch die Badehäuser des Mittelalters zeugen davon.

Das Alltagsleben auf dem Land wie in der Stadt war lange Zeit von Dreck und Unrat beeinträchtigt. Feldarbeit und Viehwirtschaft sind ohne Schmutz nicht möglich. Kuhmist spielt als Dung eine wichtige Rolle und Tiere suhlen sich oftmals im Schlamm, um Kühlung zu finden und sich so vor lästigen Insekten zu schützen. Auch in den Städten lag über Jahrhunderte vieles im Argen: keine funktionierende Kanalisation, stinkende Senk- und Abfallgruben, dazu der üble Geruch aus den Werkstätten der Färber und Gerber, die man aus diesem Grund möglichst außerhalb ansiedelte.

Heutzutage bietet die Untersuchung von Unrat und Dreck vergangener Jahrhunderte aber kurioserweise für die Stadtarchäologie ein reiches Forschungsfeld, um Erkenntnisse über das Alltagsleben früherer Zeiten zu gewinnen. Da wird mit wissenschaftlicher Akribie „im Dreck gewühlt“.

Bei musealen Exponaten werden Verschmutzungen allerdings selten konserviert, denn Dreck ist nicht mit Patina gleich zu setzen. Patina ist ein ausschließlich altersbedingtes Merkmal, das durch den täglichen Gebrauch entstanden ist.

Körperpflege als Ansichtssache

Während der Barockzeit nahm man es mit der Körperpflege nicht sehr genau. Flohfallen waren deshalb eine Notwendigkeit und keine Modeaccessoires. Kunstvoll aus Elfenbein gefertigt täuschen diese „Schmuckstücke“ nicht über ihren wahren Zweck hinweg. Auch die „Flohkratzer“ gehörten zu jenen Utensilien, um sich vorübergehend Linderung vor diesen Quälgeistern zu verschaffen. Bei Hofe war man also nicht zimperlich.

Ein interessantes Beispiel zum Thema mangelnder Körperpflege im 20. Jahrhundert findet sich in dem Band „Gehlüste“ von Gertraud Steiner über Alpenreisen und Wanderkultur. Der Landstreicher Bartholomäus Schreilechner vulgo „Federn-Bartl“ genannt, war zunächst Hilfsknecht, bevor er ein unstetes Leben führte. In Schichten aus Stroh, Lumpen, Papier gehüllt, das Ganze mit Stricken und Draht gesichert, durchstreifte er die Natur. Dass man ihn früher eher roch als sah, darf als sicher gelten.

Als es schließlich gelang, den Badescheuen doch dazu zu bewegen, in einen Zuber zu steigen, gab es eine Überraschung: „Seine äußerste Schale musste mittels Drahtschere entfernt werden. Die inneren Schichten lösten sich leichter. Wie eine russische Puppe wurde der Bartl, unter Entweichen beklemmender Gerüche, aus Lumpen und Unrat geschält, bis endlich der rosige Körper zum Vorschein kam, weder Grind noch Aussatz, weder Beulen noch Befall von Parasiten zeigend.“ Diese Schilderung ist einigermaßen verwunderlich und doch wurde dieser seltsame Naturliebhaber 83 Jahre alt. Ist Dreck also ein Garant für ein langes Leben? Das lässt sich so nicht sagen. Im medizinischen Bereich ist keimfreie Sauberkeit unerlässlich. Das Gegensatzpaar Dreck und Sauberkeit führt somit oft zu unauflösbaren Widersprüchen, bis hin zu kulturell bedingten Geboten und Verboten. Auch das ist eine Erkenntnis, die man als Fazit aus dieser Ausstellung ziehen kann.

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