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Univ.-Prof. Dr. Otmar Pachinger ist Direktor des Departments für Innere Medizin der MedUni Innsbruck und Präsident des Österreichischen Herzfonds.
 
Leben 4. Juni 2013

Wer andere begeistern will, muss selbst brennen“

Professor Otmar Pachingers Forschergeist und Tatendrang prägen seit über dreißig Jahren die kardiologische Landschaft Österreichs.

Cardio News Austria sprach mit dem profilierten Herzspezialisten über seinen persönlichen Werdegang und die Meilensteine seines Fachgebietes.

 

Was waren für Sie die größten kardiologischen Errungenschaften seit Abschluss Ihrer Facharztausbildung?

Pachinger: Ich möchte drei besonders herausragende Errungenschaften anführen. Erstens die erste erfolgreiche Koronardilatation durch Andreas Grüntzig im Jahre 1977 in Zürich. Dies war die Geburtsstunde der interventionellen Kardiologie, welche sich in den folgenden 35 Jahren enorm entwickelte. Zweitens die Überlegenheit der primären perkutanen Koronarintervention beim akuten Herzinfarkt; durch diesen Meilenstein konnte die Frühmortalität des akuten Myokardinfarktes von über 30 Prozent auf vier bis fünf Prozent reduziert werden. Und drittens die enormen Fortschritte auf dem Medikamentensektor. Mit Statinen, modernen Antihypertensiva, Thrombozytenaggregationshemmern, Antithrombotika und anderen wichtigen Medikamenten konnten entscheidende Verbesserungen im Verlauf von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erzielt werden. Von diesen drei Errungenschaften haben Millionen von Menschen profitiert.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen im Bereich Herzgesundheit?

Pachinger: Es besteht kein Zweifel, dass die Errungenschaften der Kardiologie und Herzchirurgie enorm zur Verbesserung der Lebenserwartung und -qualität beigetragen haben. Wir haben aber keine Zeit, uns auf diesen Lorbeeren auszuruhen, zumal der erzielte Erfolg deutlich gefährdet ist. Die zunehmende Verbreitung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen stellt eine enorme Bedrohung dar und bedarf einer klaren Kampfansage. In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Herzfond wurde daher ein Präventionsprojekt entwickelt, das auf 10- bis 12-jährige Teenager abzielt, und Eltern, Lehrer sowie Schulärzte mit einbezieht. Prävention in diesem Bereich ist enorm schwierig, aber ungeheuer wichtig.

Die Auswirkungen der Adipositas und Inaktivität im jugendlichen Alter führen nicht nur zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Problemen, Stoffwechselproblemen, orthopädischen Problemen und psychosozialen Störungen, sondern ebenfalls zu einer Reduktion der Lebenserwartung.

Sie gelten als Pionier der interventionellen Kardiologie. Wie wichtig ist für Sie Prävention ganz generell?

Pachinger: Ich habe die Bereiche Intervention und Prävention nie isoliert gesehen, sondern als wichtige Kombinationspartner. Seit Beginn meiner Laufbahn kläre ich jeden einzelnen meiner Patienten über seine persönliche Risikosituation auf. Ich habe mich nie damit begnügt, interventionell erfolgreich zu sein. Schließlich ist die Intervention immer nur eine Momentaufnahme. Zu einem positiven Gesamtbild muss der Patient selbst beitragen. Die Intervention kann vieles leisten, aber für die Langzeitprognose ist der Input des Patienten entscheidend. Die Raucherentwöhnung und eine konsequente Umsetzung des Nichtraucherschutzes auf politischer Ebene sind mir ein besonderes Anliegen. Die Menschen sind zwar heute viel gesundheitsbewusster als zu Beginn meiner Karriere, aber beim Lebensstil gibt es noch immer genug Schwachstellen.

Haben Sie ein bestimmtes Motto, das Sie konstant begleitet hat?

Pachinger: Brenne selbst für deine Ideen, dann wirst du auch andere begeistern. Das habe ich von meinen Lehrern gelernt und hoffentlich auf meine Mitarbeiter weitergegeben. Ich war in der glücklichen Lage, lauter charismatische Persönlichkeiten als Lehrer gehabt zu haben. Professor Kaindl in Wien, Professor Fleckenstein in Freiburg, Professor Bing und Professor Judkins in den USA waren große Vorbilder für mich! Neben allem Fachwissen haben sie mich gelehrt, dass ein guter Arzt von dem, was er predigt, vor allem selbst überzeugt sein muss.

Welche Erfahrungen haben Ihren beruflichen Weg am meisten geprägt, was waren ihre größten persönlichen Erfolge?

Pachinger: Wichtig in meinen frühen Jahren (1968) war, an der Etablierung des Faches Kardiologie am AKH Wien mitgewirkt haben zu dürfen. Der Pioniergeist, eine neue Disziplin auf die Beine zu stellen, hat mich nachhaltig geprägt. Als ich dann 1987 mit der Aufgabe betraut wurde extrauniversitär eine Kardiologie und Herzchirurgie am Klinikum Wels aufzubauen, konnte ich viel von diesem anfänglichen Pioniergeist konkret umsetzen. Die Aufgabe hat mich erfüllt, ich habe viele Erfahrungen gesammelt, die mir dann beim Aufbau der Kardiologie an der Universität Innsbruck sehr geholfen haben. Innsbruck war ja der letzte universitäre Standort, wo eine eigene Kardiologie gegründet wurde. Das war im Jahr 1997 und somit 30 Jahre später als in Wien.

Die Herzchirurgie in Wels, deren Aufbau unter Ihrer Federführung stattfand, ist nun der Gesundheitsreform zum Opfer gefallen. Stimmt Sie das traurig?

Pachinger: Hier muss man sich fragen, inwieweit es sinnvoll ist, einen Standort, der qualitativ und quantitativ hervorragend funktioniert, einfach aufzulassen, in der Meinung Kosten einzusparen. Kostenbewusstsein ist enorm wichtig, doch muss die Qualität erhalten bleiben. Diesem Aspekt gilt meine größte Sorge zur aktuellen Gesundheitsreform. Eine andere Entwicklung, die ich ebenfalls mit gewisser Sorge betrachte, ist jene der Überspezialisierung innerhalb der Kardiologie. In den USA geht der Trend eindeutig in diese Richtung. Aber wir sollten die USA nicht in allen Aspekten kopieren. Ich halte es für wenig sinnvoll, wenn sich ein Kardiologe ausschließlich bestimmten Einzelaspekten verschreibt, etwa der Behandlung von Vorhofflimmern, Lipidstoffwechselstörungen, Hypertonie, etc. Dafür sind die kardiologischen Krankheitsbilder zu komplex. Die Gefahr, als Schmalspur-Denker den gesamten Patienten aus den Augen zu verlieren, ist zu groß.

Wer als Arzt so erfolgreich sein möchte wie Sie, muss intensiv arbeiten. Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen?

Pachinger: Der Begriff Workaholic ist mir zu negativ besetzt. Ich sehe mich eher als jemanden, den seine Arbeit begeistert und der bereit ist, dafür viel Zeit zu investieren. Unter meinen großen Einsatz habe ich nie gelitten, der damit verbundene Stress war immer ein positiver. Stünde ich wieder vor der Wahl, würde ich wieder Medizin studieren, würde ich wieder Kardiologe werden und würde wieder alles geben. Ob auch die kommende Generation zu solch intensivem beruflichen Einsatz bereit ist, wage ich zu bezweifeln. Allerdings möchte ich diese Entwicklung nicht bewerten müssen.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihr großes medizinisches Engagement?

Pachinger: Die größte Kraftquelle ist meine Familie. Ich habe drei Töchter, zwei davon sind Ärztinnen. Meine Frau, die ich in jungen Jahren in den USA kennengelernt habe, unterstützt mich in allen wesentlichen Belangen.

Sportliche Aktivitäten und der geistige Austausch mit engen Freunden sind für mich ebenfalls ein wichtiger Ausgleich zum Berufsleben. Ich habe lange Zeit aktiv Fußball gespielt, gehe noch immer gerne Ski fahren und pflege meine Freundschaften. Das hält mich jung und fit. So bleibt das Leben spannend.

Sie sind seit kurzem Chief Editor der Section Cardiology der Wiener Klinischen Wochenschrift. Welche diesbezüglichen Pläne haben Sie?

Pachinger: Die Österreichische Kardiologische Gesellschaft hat bislang kein eigenes wissenschaftliches Journal gehabt. Nach langer Diskussion im Vorstand haben wir nun einen Weg gefunden, diese Situation zu ändern. In Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin und dem Springer Verlag ist es gelungen, die WiKliWo Cardiology auf die Beine zu stellen.

Diesen Teil der Wiener Klinischen Wochenschrift können Kardiologen künftig nutzen, um Konsensusberichte, Expertenstatements oder wissenschaftliche Originalarbeiten zu publizieren. Der Springer Verlag steht uns als kompetenter Ansprechpartner zur Seite. Es stehen mehrere Ausgaben pro Jahr zur Verfügung.

Würden Ihnen drei Wünsche frei stehen, was würden Sie sich für Ihre Fachdisziplin wünschen?

Pachinger: Vermeidung von Überspezialisierung, Kostenbewusstsein auch in der jüngeren Generation der Ärzte und Verbesserungen im Ausbildungssystem.

… und für Sie selbst?

Pachinger: Für mich selbst würde ich mir wünschen, die Eröffnung des Herz-Zentrums der Medizinischen Universität Innsbruck mitzuerleben. Alle wichtigen Player der Kardiologie unter einem Dach zu vereinen, war schon immer mein Traumziel. Ich habe für dieses Projekt gekämpft, es wurde umgesetzt, mittlerweile ist der Rohbau fast fertig, die Eröffnung ist für 2015 geplant. Ich bin überzeugt, dass das neue Zentrum den Standort Innsbruck national und international noch stärker festigen wird. Diesen Aufschwung nach Beendigung meiner aktiven Karriere verfolgen zu können, würde ich mir sehr wünschen.

Das Interview führte Anita Kreilhuber

Zur Person

Herr Professor Pachinger hat sein Medizinstudium mit „summa cum laude“ in Wien abgeschlossen. Es folgten Studienaufenthalte in Deutschland und den USA. 1986 baute er die kardiologische Abteilung am Krankenhaus Wels auf. 1997 wurde er Ordinarius für Kardiologie an der Uniklinik Innsbruck. Seit 2008 ist er geschäftsführender Direktor des Departments für Innere Medizin der MedUni Innsbruck.

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