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Anton Olbrich, Musikspielwerk mit zwei Melodien in einem Gehäuse aus Vogelaugenahorn, gefärbt.
© Ines und Franz Kling

Museale, extrem seltene Walzenspieldose mit Schnecke und Kette. Klassisches Gehäuse aus Obstholz, ebonisiert. Musikspielwerk mit vier Melodien. Schweiz, Anfang 19. Jh. (4)

Herrentaschenuhr mit Viertelstundenrepetitionund Musikspielwerk. Schweiz, Anfang 19. Jh., Ansicht des Uhr- und Spielwerks.

Karl Griesbaum, Singvogelautomat mit Gehäuse und Käfig aus Bronze, vergoldet. Das Gefiederte Vögelchen dreht sich und bewegt Schnabel, Flügel und Schwanz.

 
Leben 3. Juni 2013

Der gute Ton

In Adelskreisen und dem gehobenen Bürgertum sorgten Spieldosen mit musikalischer Unterhaltung über Jahrzehnte für Begeisterung.

Walzen- und Singvogel-Spieldosen gehören zu jenen besonderen Objekten, die immer wieder durch ihren Klang faszinieren. Ines und Franz Kling aus Wangen im Allgäu haben sich der Erhaltung dieser technisch-klingenden Wunderwerke verschrieben.

Die ständige Verfügbarkeit reproduzierbarer Musik ist heutzutage nichts Besonderes. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert sorgten Spieldosen mit ihrem teils umfangreichen Repertoire für musikalische Unterhaltung. Ursprünglich kamen die Spieldosen aus der Schweiz. Im Schweizer Jura, Kerngebiet der Uhrmacherei mit solch berühmten Manufakturen wie jener von Pierre Jaquet Droz wurden bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zudem die noch heute berühmten Automaten wie „La Musicienne“ oder „L`Ecrivain“ gefertigt. Im Genfer Uhrmacher-Atelier von Antoine Favre wurden Ende des 18. Jahrhunderts zunächst exquisite Uhren, und später die ersten Spieldosen erzeugt. Bald schon wurden die technischen Wunderwerke zu einem begehrten Exportartikel.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich erst nur wenige namhafte, auch heute noch tätige Uhren-Manufakturen etablieren können. Exquisite Taschenuhren waren ein begehrtes Statussymbol. Die Spieldosenherstellung blieb jedoch ein Nebenzweig. Die Vermutung liegt nahe, dass durch das zunehmende Interesse an der hochalpinen Landschaft und dem aufkommenden Tourismus, auch die Nachfrage nach diesen zunächst noch typischen Schweizer Erzeugnissen stieg.

Hausmusik einmal anders

Feinmechanische Spielwerke boten abseits von Bällen, Redouten, öffentlichen Konzerten und der Kammermusik die Möglichkeit, beliebte Melodien auf Wunsch abzuspielen. Die findigen Schweizer Hersteller passten das Repertoire den jeweiligen Vorlieben ihrer Kunden an. Auf den Walzen der größeren Walzenspieldosen waren sogar mehrere Melodien abspielbar.

In Adelskreisen und dem gehobenen Bürgertum sorgte diese Art musikalischer Unterhaltung über Jahrzehnte für Begeisterung. Die wiederum rief alsbald etliche weitere Produzenten auf den Plan. Anton Olbrich in Wien und das Unternehmen Rzebitschek in Prag zählen neben einigen weiteren zu den renommierten Herstellern qualitativ hochwertiger Spieldosen, die weit über die Länder der k.u.k-Monarchie ihren Absatz fanden.

Franz Rzebitschek begann bereits 1819 mit der Herstellung von „Musikspielwerken nach Art der Schweizer“.

In dem später von seinem Sohn Gustav bis zur Schließung 1897 geleiteten Prager Unternehmen lag die Anzahl der hergestellten Spielwerke bei etwa 52.000. Bei den ersten beiden Weltausstellungen 1851 in London im Kristallpalast und der zweiten 1855 in Paris wurden die Erzeugnisse der Firma sogar mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Anton Olbrich, der seit 1821 als Uhrmacher in Wien tätig war, gehört ebenfalls zu den renommierten Herstellern von Spielwerken. Seine Produktion erreichte 27.000 Stück. Viele der Spielwerke beider Hersteller sind nummeriert, dies lässt Rückschlüsse auf den Zeitpunkt ihrer Herstellung zu.

Vom Rad zur Walze

Die Liebe von Ines und Franz Kling zu Spieldosen erwachte auf Umwegen über vierrädrige Oldtimer. Franz Kling hat Maschinenbau studiert, seine Frau Ines geriet als Uhrmachermeisterin in den Bann der Feinmechanik. Begonnen hat alles mit einem Adler-Koffergrammophon aus den 1920er-Jahren, das nicht recht auf Touren kam und deshalb überholt werden musste. Das Interesse war geweckt und die Suche nach weiteren Herausforderungen begann. Was folgte, war eine einer Feldforschung nicht unähnliche fortwährende Spezialisierung. Wie ersetzt man beispielsweise fehlende Stifte einer Walze, und was verbirgt sich überhaupt unter dem Metallzylinder, der auf einer Achse sitzt? Solche Fragen mussten zunächst geklärt werden, denn die verfügbaren Informationen darüber sind eher spärlich und erfordern aufwendige Recherche in technischen Archiven. Es ist nämlich nicht etwa Wachs, sondern ein Schellack-Asche-Gemisch, dass die im von Messingblech ummantelten Kern einer Walzenspieldose exakt positionierten filigranen Zapfen hält. Feuchtigkeit bekommt diesen Walzen gar nicht gut, da ist dann oftmals auch nichts mehr zu retten. Auch die Stahllegierungen der Zungen des Kammes geben oft Rätsel auf. Werden sie in einer falschen Legierung ersetzt, lässt sich der reparierte Kamm nicht stimmen.

Auch die Singvogel-Spielwerke bergen technisch Herausforderungen. Da entsteht aus der Kombination von Antrieb, Blasebalg und der Windlade das melodische Singen des kleinen, meist beweglichen gefiederten Vögelchens. Um sich im Universum der Spieluhren und den anverwandten Gebieten so sicher und souverän zu bewegen, wie dies heute nach 20-jähriger Erfahrung möglich ist, braucht es also Zeit. „Man kann nicht schnell genug langsam sein“, bringt Franz Kling diesen Umstand auf den Punkt. Was war bisher die größte Herausforderung? Keine leicht zu beantwortende Frage. Nach einigem Überlegen kommt die Antwort: „eine Uhr mit Harfenspielwerk“. Die sei, so Franz Kling, deshalb etwas ganz Besonderes gewesen, weil der ursprüngliche Klang nicht leicht wieder herzustellen war. Man kann die Freude, die diese Spieldosen auslösen, sobald eine Melodie erklingt, kaum beschreiben. In einer an Reizen übervollen Zeit liegt darin etwas ganz Besonderes. So entstehen diese äußerst seltenen, wertvollen Momente, in denen man sich Zeit nimmt, einfach nur zuzuhören.

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