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© Gerhard Mester, Wiesbaden
 
Leben 30. Mai 2013

Barium als Marker

Wie ein fossiler Zahn die Stillgewohnheiten der Neandertaler verrät.

Erstaunlich, welche Informationen Forscher aus uralten Fossilien gewinnen können. Die Analyse eines versteinerten Zahnes eines Neandertaler-Kindes zeigt: Es bekam gut sieben Monate nur Muttermilch.

Neandertaler-Kinder sind möglicherweise bereits relativ früh voll abgestillt worden. Dies legt zumindest die Untersuchung eines fossilen Zahnes von einem Kind aus der Altsteinzeit nahe, berichten Forscher aus den USA und Australien im Fachblatt Nature.

Sie hatten gezeigt, dass sich der Barium-Gehalt im Zahnschmelz bei der Umstellung von Milch auf feste Nahrung messbar ändert. Das Ergebnis der Studie: Das Kind wurde nur gut sieben Monate voll gestillt und bekam dann eine Weile zusätzlich feste Nahrung. Die Methode ermöglicht nach Angaben der Experten unter anderem neue Untersuchungen dazu, wie sich unsere Vorfahren ernährten. Das wiederum erlaube Rückschlüsse auf die Lebensweise.

Abstill-Zeitpunkt verrät Entwicklung

Den Zeitpunkt des Abstillens zu kennen sei wichtig, weil er viel über die Entwicklung und Vermehrung unserer Vorfahren verraten könne, schreiben die Forscher um Christine Austin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai (New York/US-Staat New York). So beeinträchtige ein frühes Abstillen möglicherweise die Gesundheit der Kinder. Allerdings erlaube es, schneller erneut schwanger zu werden, was wiederum für das Wachstum der Population entscheidend sei.

Bisher habe man die Ernährung zu Beginn des Lebens an Fossilien nur schlecht rekonstruieren können, weil ein geeigneter Marker gefehlt habe, schreibt das Team. Mit der Barium-Verteilung im Zahnschmelz scheint es nun genau so einen Marker gefunden zu haben.

Barium wird mit der Nahrung und dem Wasser in geringen Mengen aufgenommen. Im Mutterleib sind die Zähne, die bereits im Kiefer angelegt sind, noch nahezu frei davon, weil dieses chemische Element die Plazenta schlecht passiert.

Barium gelangt mit Muttermilch in den Körper

Nach der Geburt gelangt es mit der Muttermilch in den Körper des Kindes und lagert sich unter anderem im Zahnschmelz ab. Wachstumsringe der Zähne ermöglichen eine zeitliche Zuordnung.

Die Wissenschaftler zeigten nun zunächst an Milchzähnen von Kindern unserer Zeit, dass sich die Verteilung von Barium tatsächlich zur Rekonstruktion der Ernährung messen lässt. Die Forscher wussten, wie die Kinder im Säuglingsalter ernährt worden waren.

Kind wurde nur sieben Monate voll gestillt

Sie fanden, dass der Barium-Gehalt im Zahnschmelz unmittelbar nach der Geburt ansteigt. Die Umstellung auf Flaschenmilch zeigte sich durch noch höhere Barium-Werte im Zahnschmelz.

Nach dem Abstillen fallen die Werte rasch ab, weil der Barium-Gehalt von fester Nahrung geringer ist. Sie bestätigten ihrer Ergebnisse an Zähnen von Makaken-Affen, deren Ernährungsgewohnheiten durch Beobachtungen bekannt waren. Dass das Barium-Signal auch einen Fossilierungsprozess übersteht, zeigten die Forscher schließlich am Zahn eines Kindes aus der mittleren Altsteinzeit. Die Untersuchung ergab, dass das Kind gut sieben Monate voll gestillt wurde. Dann bekam es eine Weile zusätzlich zur Muttermilch feste Nahrung. Mit knapp eineinviertel Jahren wurde es dann abrupt vollständig abgestillt. Warum das Stillen so plötzlich beendet wurde, sei unklar. Der Zeitpunkt der Zufütterung sei für Hominoide typisch, heißt es in dem Bericht. Jäger-Sammler-Gesellschaften etwa fütterten ihren Nachwuchs ebenfalls ab etwa sechs Monaten zusätzlich zur Muttermilch mit anderer Nahrung.

dpa/AF, Zahnarzt 6/2013

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