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Leben 27. Mai 2013

Ich bin dann mal weg …

Wenn Sie diese Überschrift lesen, befindet sich der Autor viele hundert Kilometer weiter westlich – auf dem Jakobsweg.

Eine ausgefeilte moderne Drucktechnik macht es möglich, dass Sie eine Kolumne von mir in Händen halten, obwohl ich gar nicht da bin. Sie heißt „früher Abgabetermin“ und steckt noch im Versuchsstadium.

Tatsächlich „bin ich dann mal weg“, wie mein deutscher Kollege Hape Kerkeling seine Reise auf den Jakobsweg angekündigt hat. Vermutlich laufe ich gerade mitten in Spanien mit fußballgroßen Blasen auf den Fußballen herum, ich spüre Gelenke, von denen ich trotz abgelegter Anatomieprüfung nicht einmal wusste, dass ich sie besitze, und ich verfluche den Tag, an dem ich mir selbst zugesagt habe, den Jakobsweg zu gehen.

Vielleicht beschreite ich aber auch leichtfüßig die wunderbare Landschaft und übe mich in kontemplativer Gelassenheit auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Das ist zwar eher unwahrscheinlich, doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Um einen Pilgerpass zu bekommen, den man für die komfortablen Herbergen mit den Schlafsälen auf dem Camino benötigt, muss man auch den Zweck der Reise angeben. Dabei können religiöse, spirituelle, sportliche Gründe oder aber auch eine Art Selbstfindung angekreuzt werden. Nicht vorgedruckt sind die Gründe „Fad im Schädel“, „Steuerflucht“ oder „verlorene Wette“. Wenn ich wieder da bin, verrate ich Ihnen vielleicht auch mein persönliches Motiv.

Wenngleich auch viele Pilger berichten, dass sie die rund siebenstündigen Tagesetappen fast umgebracht hätten, gilt die Reise als medizinisch empfehlenswert. Immerhin entspricht das jenem Bewegungsausmaß, das unsere Urahnen Tag für Tag absolvierten und das ein zivilisierter Stadtbewohner von heute auf zwei Monate aufteilt.

Sollen wir unseren Patienten nun empfehlen, sich auf den Jakobsweg zu begeben, um ihre medizinischen Sünden abzubüßen? Gut täte es den meisten. Ein therapeutisches Boot-Camp sozusagen. Und bei der kolportierten Qualität der PilgerMenüs dürfte es auch diätische Effekte geben.

Oder sollen wir nicht lieber unseren Burn-out-gebeutelten Kollegen empfehlen, den Holzweg zu verlassen und sich auf den Jakobsweg zu begeben? Um zu erkennen, dass wenn nur der Weg das Ziel ist, das Ziel nicht unbedingt weg ist. Die Umstellung ist nicht allzu groß. Man kann es sich wie eine lange Chefvisite vorstellen, nur dass die Patienten nicht liegen, sondern mitgehen. Klingt verlockend, oder? Der Nachteil wäre: Man kommt zwangsläufig beim Gehen ins Grübeln und entwickelt Wahnvorstellungen, dass es auch ein Leben abseits des Krankenhauses gibt.

So wünsche ich allen Peregrinos oder solchen, die es einmal werden möchten, ein „buen camino“ (Das entspricht der im Krankenhaus von in der Früh bis zum späten Nachmittag üblichen Grußformel „Mahlzeit“) – also einen „guten Weg“!

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