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© Thomas Kahler
Die Ansicht des Mitteltraktes des Schlosses von der Hofseite. (4)

Blick vom Garten aus auf die St. Margarethenkirche.

Bosketten und Broderieparterres bilden wesentliche Teile des barocken Gartenkonzeptes.

Die Statue des Zeus als eine der erhalten gebliebenen Barockskulpturen.

 
Leben 27. Mai 2013

Ein Juwel des Barock

Das Schloss Jaromerice nad Rokytnou zählt zu den bedeutendsten und umfangreichsten Beispielen des Barock in Tschechien.

Ein Ort der Kunst und Kultur: Das Ensemble von Schloss Jaromerice mit seiner weitläufigen Parkanlage und der beeindruckenden St. Margarethenkirche spiegeln auch heute noch barockes Lebensgefühl wider.

Fast überraschend trifft man – etwas hinter Znojmo (Znaim) gelegen – auf ein barockes Ensemble von imposantem Ausmaß in einer eindrucksvollen Parklandschaft. Die Rede ist vom ehemaligen Sitz der Grafen Questenberg in Jaromerice nad Rokytnou (Jaromeritz), unweit der österreichisch-tschechischen Grenze. Die eindrucksvolle Anlage geht auf Vorgängerbauten aus der Zeit des Mittelalters und der Renaissance zurück. Damals befand sich das befestigte Schloss noch im Besitz der Lichtenburgs. Eine Ansicht aus dem 16. Jahrhundert zeigt in Grundzügen bereits Teile der heutigen Anlage, die sich mit einem Mitteltrakt und zwei Seitentrakten zur Gartenanlage hin öffnet. Gartenseitig bildete schon damals das Flüsschen Rokytna eine Art Begrenzung.

Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts kam die Besitzung in das Eigentum des kaiserlichen Kriegsrates Gerhard von Questenberg. Aber weder er noch sein Sohn Jan Antonin hegten Ambitionen, sich architektonisch ein Denkmal zu setzen. Das blieb dessen Sohn, Graf Jan Adam von Questenberg vorbehalten, dem der Ort um 1700 einen beträchtlichen baulichen, aber auch kulturellen Aufschwung verdankte.

Barocke Prachtentfaltung

Der Graf war weit gereist und mit der Kultur an den europäischen Höfen vertraut. In fast vierzig Jahren schuf er eine Barockresidenz, geschmackvoll ausgeführt und eingerichtet. Dazu wurde das ursprüngliche Schloss auf repräsentative Art und Weise bedeutend erweitert. Zeitgleich wurde auch der Bau der dem Schlosskomplex angegliederten imposanten St. Margarethenkirche in Angriff genommen. Wer für die Planung und Ausführung dieses umfassenden Projektes federführend war, lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Unter anderem wird etwa der herausragende Architekt Jakob Prandtauer mit dem Entwurf des neuen Schlosses wie auch der Kirche mit ihrem kuppelbekrönten Zentralraum in Verbindung gebracht. Das Großprojekt zog sich bis zur Vollendung über Jahrzehnte. Aber bei bloßem Repräsentieren sollte es nicht bleiben, zudem hielten Musik und Theater auf Schloss Jaromerice Einzug.

Warum die Wahl Graf Jan Adam von Questenbergs auf dieses Schloss fiel, ist leicht erklärbar: dies war jene seiner Besitzungen, die dem Wiener Hof am nächsten lag. Das Stadtpalais Questenberg-Kaunitz im 1. Bezirk in Wien in der Johannesgasse 6, dessen Baugeschichte zeitgleich mit jener von Schloss Jaromerice zusammenfällt, erinnert an die Präsenz des Grafen am Wiener Hof. Der heutige Zustand vermittelt einen sehr guten Eindruck von der barocken Pracht der gesamten Anlage. Im Inneren beeindruckt im Westflügel der über zwei Stockwerke reichende reich freskierte Tanzsaal wie auch das Chinesische Kabinett und die Sala terrena mit den römischen Bädern. Die Gartenanlage, durchquert von einem Kanal des Flüsschens Rokytná mit ihren Bosketten und Broderieparterres nimmt insgesamt eine Fläche von zehn Hektar ein. In ihrer barocken Konzeption im französischen Stil ist sie jedoch nur teilweise erhalten. Den größten Teil nimmt heute ein englischer Park ein. Im barocken Teil der Anlage sind noch elf der ursprünglich 20 Statuen antiker Götter und kunstvoll ausgeführte Steinbänke erhalten.

Musik und Theater

Dem Kulturellen weit mehr zugetan als der Politik bei Hofe lebte Jan Adam von Questenberg seine Leidenschaft für Musik und Theater aus. Geübt im Lauten- und Theorbenspiel begann er alsbald mit dem Aufbau einer Hofkapelle. Kein einfaches Unterfangen, denn geeignete Musiker waren nicht leicht zu finden und stets umworben. Zudem waren solche Unternehmungen kostspielig. Im Jahr 1722 erfolgten erste Opernaufführungen in Jaromerice.

Der Graf war, das lässt sich belegen, mit seinen musikalischen Interessen auf der Höhe seiner Zeit. Seine Auswahl des Repertoires war vom Musikgeschehen am Wiener Hof genauso beeinflusst wie jenem in Neapel, Venedig, Turin und Rom. Oratorien, aber auch Werke der Neapolitanischen Oper kamen in Jaromerice folglich zur Aufführung. Schließlich entstand unter seinem Hauskomponisten und Leiter der gräflichen Kapelle, František Vaclav Míca die Oper „L’Origine di Jaromeriz in Moravia“ mit italienischem Libretto. Die Premiere fand 1730 statt, einige Jahre später wurde das Libretto ins Tschechische übersetzt. Damit kann dieses Werk als erste tschechische Oper bezeichnet werden.

Bis zu 30 Opern wurden pro Jahr im Schloss- wie auch im Gartentheater aufgeführt. Mit dem Tod von Jan Adam von Questenberg im Jahr 1752 endete die kulturelle Blütezeit. Das Schloss kam in der Folge in den Besitz der Kaunitz und wurde nach einer wechselvollen Geschichte schließlich staatliches Eigentum. Seit 1999 leitet der Tenor Peter Dvorsky das internationale „Peter Dvorsky Festival“ in Jaromerice, das heuer von 3. bis 17. August 2013 stattfindet. Dann werden das Schloss und die an dessen Baukomplex angegliederte St. Margarethenkirche wieder zu einem Zentrum kulturellen Musikgeschehens. Das musikalisch-kulturelle Erbe von Jan Adam von Questenberg liegt somit in den besten Händen.

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