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© W. Regal (5)
Koronarstenose

Anatomische Zeichnung der Koronararterien.

Chirurg und Anatom John Hunter (1728–1793)

William Heberden (1710–1801) war „Doktor der Medizin und Mitglied der Königlichen Gesellschaft“

Edward Jenner (1749–1823)

 
Leben 27. Mai 2013

Angina pectoris: Der lange Weg zur Erkenntnis

„Die Hand eines Schurken, der immerfort ängstigt und quält“: Die krampfartigen typischen Symptome galten im 18. Jahrhundert als Brustkrankheit. 

„Ihr Sitz und das mit ihr verbundene Gefühl der Erstickung und Angst lassen den Namen ’Angina pectoris‘ gerechtfertigt erscheinen.“ Das erklärte William Heberden (1710–1801) am 21. Juli 1768 vor dem Kollegium der Ärzte in London. In vielen historischen Rückblicken gilt dieser Vortrag als Beginn der Kardiologie. Das stimmt – ganz richtig ist es aber dennoch nicht. Für Heberden war die Angina pectoris, deren klassische Symptome er – auch nach heutigen Begriffen – meisterhaft beobachtet und beschrieben hatte, eine Brustkrankheit, nicht eine des Herzens.

„Es gibt eine Brustkrankheit, die sich durch heftige und eigentümliche Symptome auszeichnet. Sie ist beachtenswert wegen der mit ihr verbundenen Gefahr und gar nicht so außerordentlich selten. Ich erinnere mich aber nicht, sie bei den ärztlichen Schriftstellern irgendwo erwähnt gefunden zu haben. Ihr Sitz und das mit ihr verbundene Gefühl der Erstickung und Angst lassen den Namen ’Angina pectoris‘ gerechtfertigt erscheinen. Die von ihr Betroffenen werden beim Gehen und ganz besonders beim Gehen nach der Mahlzeit von einer außerordentlich peinlichen Empfindung in der Brust befallen, die mit dem Gefühl von Vernichtung einherzugehen scheint, wenn die Belastung gesteigert oder länger anhalten sollte. Im Augenblick, wo sie ruhig stehen bleiben, verschwindet die ganze Unbequemlichkeit. In jeder anderen Hinsicht sind die Kranken im Beginn dieser Störung vollständig wohl, im besonderen leiden sie nicht an Kurzatmigkeit, von welcher das Leiden ganz verschieden ist“, so William Heberden, „Doktor der Medizin und Mitglied der Königlichen Gesellschaft“ in seinem Bericht über Brustkrankheiten „vorgelesen im Kollegium der Londoner Ärzte am 21. Juli 1768“.

Hier erwähnt er auch, dass die Anfälle bei länger bestehendem Leiden auch in Ruhe auftreten, beim „going to stool“, beim „Husten, Sprechen oder bei irgendeiner seelischen Erregung“ und er betont, dass die Kranken „oft plötzlich umfallen und fast sofort sterben“. Bei „wenigstens zwanzig“ Kranken, vorwiegend Männern, „fast alle über 50 Jahre alt, die meisten mit kurzem Leib und Neigung zu Fettansatz“ hatte Heberden diese Symptome vor seiner ersten Mitteilung beobachtet. Den Sitz der Schmerzen beschrieb er im Bereich des „Brustbeinknochens“, „aber immer nach links“ und gelegentlich bis „in die Mitte des linken Arms“. Da der Puls „wenigstens zuweilen“ nicht gestört ist, sei „das Herz nicht in Mitleidenschaft gezogen“. Organische Ursachen der Krankheit waren Heberden nicht bekannt und Obduktionen von Patienten, die an der Krankheit verstorben waren, hatte er noch keine durchgeführt.

Testament leitete erste Obduktion ein

Im Frühjahr 1772, Heberdens Vortrag wurde erst jetzt publiziert, meldete sich bei Heberden ein unbekannter Arzt, der ihm brieflich mitteilte, dass er seine eigene Erkrankung in dem Bericht erkannt habe und er erlaubte Heberden testamentarisch seine Leiche zu untersuchen, um der Ursache der Erkrankung auf die Spur zu kommen und vielleicht „Mitteln“ zu finden „ihr zu begegnen und sie zu überwinden“. Tatsächlich starb der Arzt – später konnte er als Dr. Haygarth aus Chester identifiziert werden – kurze Zeit später und Heberden beauftragte den Chirurgen und Anatomen John Hunter die Obduktion vorzunehmen. Hunter führte die Sektion gemeinsam mit dem Studenten Edward Jenner (1749–1823) – er wurde durch seine entwickelte Methode der Schutzimpfung gegen Pocken später weltbekannt – durch. Bei der Obduktion konnte aber „keine hinreichende Todesursache gefunden werden“ und für Heberden war damit seine Theorie der krampfartigen Vorgänge als Ursache der Schmerzen bestätigt.

John Hunter beschrieb zwar bei der Sektion eines anderen Patienten die Verkalkung der Herzkranzgefäße, aber die Bedeutung dieses Befundes erkannte er nicht. Nach und nach häuften sich aber Berichte und patholgisch-anatomische Befunde, die die Heberden’sche Angina pectoris im Bereich der Herzkrankheiten ansiedelten. Auch Edward Jenner hatte mittlerweile bei der Sektion eines an Angina pectoris Verstorbenen eine wichtige Entdeckung gemacht. Bei einem Schnitt durch das Herz stieß sein Messer auf etwas so Hartes, dass „es eine Scharte bekam“. Von der Decke gefallener Kalk war es nicht, und bei genauer Inspektion sah Jenner, dass die Koronararterien dieses Patienten „bony tubes“ waren. Sein Verdacht, dass die Koronarsklerose die Ursache für die Angina pectoris sein könnte, verstärkte sich auch bei anderen Leichenöffnungen. Mit der Veröffentlichung seiner Vermutung ließ er sich aber Zeit.

Trotz „ossifizierter“ Gefäße bleibt Theorie des Spasmus

William Heberden hielt trotz dieser Befunde aber weiter an seiner Theorie des Spasmus fest, da er sich nicht vorstellen konnte, wie sich die anfallartigen Symptome mit den ja dauernd „ossifizierten“ Koronararterien vereinbaren ließen.

Ein Jahr nach der oben beschriebenen Obduktion des unbekannten Arztes begann auch John Hunter unter den Symptomen der Angina pectoris zu leiden. Zwei Jahrzehnte litt er zunehmend an diesen Beschwerden. „Mein Leben befindet sich in der Hand eines Schurken, der mich immerfort ängstigt und quält“, soll er geklagt haben. Hunter starb plötzlich bei einer emotionalen Debatte in einem Studentenseminar am 16. Oktober 1793. Bei der Obduktion seiner Leiche waren die Koronararterien wie erwartet massiv verkalkt – „in a state of bony tubes which were with difficulty divided by the knife“.

Zusammenhänge um 1800 geklärt

Um 1800 schließlich waren die Zusammenhänge zwischen der „Verknöcherung der Kranzpulsadern“ und Angina pectoris mehr oder weniger gesichert. Die ursächliche Verbindung zwischen Verkalkung und Schmerz war aber noch unbekannt. Aus Untersuchungen am Skelettmuskel schloss der junge schottische Chirurg Allan Burns (1781–1813), dass Sauerstoffmangel am Herzmuskel die Ursache des Schmerzes bei der Angina pectoris sei. Er publizierte seine Vermutung im Jahr 1809. Beachtung fand dies aber nicht. Fünfzig Jahre später wurde dann die Klinik der heute sogenannten koronaren Herzkrankheit halbwegs aufgeklärt und viele Erkrankungen des Myokards als Folgen einer einzigen Grundkrankheit erkannt.

Erst im 20. Jahrhundert setzt sich schließlich die Erkenntnis durch, dass die „Angina pectoris eine Koronarinsuffizienz infolge einer Stenose und einem dadurch gestörten Myokardstoffwechsel ist“. Sitz und Ursache – „sedes et causa morbi“ – der Krankheit waren damit endlich hinlänglich geklärt.

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