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Leben 22. Mai 2013

Mit dem Unterarm unter dem Arm

Manche unserer Patienten sind hart im Nehmen. Manche sind sogar noch etwas härter.

Die skurrilsten Geschichten schreiben nicht nur Pressesprecher, sondern mitunter auch das Leben selbst. Vergangene Woche trennte sich der ungarische Arbeiter Tibor A. in einer burgenländischen Bauschutt-Deponie seinen Unterarm ab. So weit, so unspektakulär für die ärztliche Leserschaft.

Der Umstand, dass der Verunglückte mit dem abgetrennten Arm im Kofferraum knappe 20 Kilometer einhändig „mit der Linken“ ins Krankenhaus fuhr, bescherte ihm jedoch so manche mediale Titelgeschichte. Es wird noch skurriler. Denn als er das Fahrzeug vor der Notaufnahme abstellen wollte, wurde er harsch darauf hingewiesen, dass er hier nicht parken könne. Artig, wie wir es von unseren Patienten immer erhoffen, fuhr er noch in die Tiefgarage, löste (wiederum mit der Linken) das Parkticket, ging zum Notaufnahmeschalter, platzierte den abgetrennten Körperteil davor und bat darum, das Teil wieder anzunähen (was letztlich im Wiener AKH erfolgreich gelang).

Obwohl es vom Standpunkt der Verkehrssicherheit nicht unbedenklich scheint, halb verblutend, schockiert und mit nur einem Arm ein Fahrzeug zu steuern, kann dieser Patient getrost als Musterpatient betrachtet werden. Vorbildlich hat er alle für die Behandlung notwendigen Sachen mitgebracht (Unterarm), er beachtet die spitalsübliche Parkordnung, wartet geduldig, bis er dran kommt, und füllt auch ohne Jammern das Aufnahmeformular aus (sogar mit links).

Ein solcher Patient ist tatsächlich ein Glücksfall. Schließlich beobachten wir, dass die meisten unserer Patienten bereits mit leichten Abschürfungen oder einem zweimaligen Niesen in Panikzustände verfallen und in der Notambulanz fordern, die schön erdachte ordentliche Reihenfolge zu sprengen, um sofort dranzukommen. Das bringt Unruhe rein, die therapeutisch kontraproduktiv ist.

Ich empfehle daher, Herrn Tibor A. für Patienten-Schulungen einzusetzen, in denen unsere Schäfchen lernen, sich in Geduld zu üben. Damit sie unser System nicht durcheinanderzubringen, wenn es sich um kleinere Wehwehchen handelt (Blutverlust von unter einem Liter, nur eine Halb- und keine Ganzseitenlähmung, Hörsturz aus niedriger Höhe etc.). Was akut behandlungsbedürftig ist und was wehtut, entscheiden immer noch wir.

Wir sollten auch in die Wartebereiche der Unfallambulanzen Statuen des lächelnden Tibor A., mit seinem unter dem Arm geklemmten Unterarm und einer ordnungsgemäß ausgefüllten Anmeldung in der linken Hand errichten. Als Mahnmal gegen Wehleidigkeit und Zeichen der Demut gegenüber dem medizinischen System. Schließlich brauchen auch Patienten ihre Helden.

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