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Schöne Grüße aus Maranello: Die „Scuderia Ferrari“ bei der technischen Abnahme.

Das Gepäck bleibt draußen – Bugatti T 35 im Originalzustand.

Pure Ästhetik – der Motorblock eines Lagonda LG 45.

Schöner Italiener – Alfa Romeo 8C 2600 Monza.

© (5) Thomas Kahler

Am Start zu drei langen Etappen – BMW Isetta.

 
Leben 22. Mai 2013

Eiliges Blech

Die Mille Miglia ist nicht nur ein Straßenrennen, sondern Leidenschaft pur. Alljährlich lebt diese Legende Mitte Mai wieder auf.

Fast 400 Fahrer begeben sich jedes Jahr mit ihren Fahrzeugen auf die legendären 1.000 Meilen von Brescia nach Rom und zurück. Wer meint, Tempo sei hier Nebensache, der irrt. Denn das kostspielige automobile Kulturgut wird zu diesem Anlass mit dem nötigen Respekt, aber nicht unbedingt langsam bewegt.

Die Mille Miglia begeistert alljährlich nicht nur das Publikum. Sie lässt auch schon vor dem Start den Adrenalinpegel bei Fahrern und Beifahrern verlässlich steigen. Schließlich lautet die 1.000-Meilen Frage, ob die Teams mit ihren automobilen Klassikern heil ankommen werden. Denn dies ist keine Spazierfahrt. Bei diesem legendären Straßenrennen werden die Teams und die Automobile gefordert. Nicht immer wird die exakt gleiche Strecke gefahren. Idyllische Ortsdurchfahrten wechseln mit anspruchsvollen Pass-Strecken auf dem Weg von Brescia nach Rom und retour. Weder die Fahrer, ihre Co-Piloten noch die rollenden Pretiosen werden dabei geschont.

Man kann sich leicht in die große Zeit der Mille Miglia zurückversetzen, die von 1927 bis 1957 als offizielles Straßenrennen stattfand. Der Streckenrekord mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h, den Stirling Moss am Steuer des Mercedes 300 SLR mit Denis Jenkinson als Co-Piloten 1955 aufstellte, ist übrigens bis heute ungebrochen. Ein schwerer Unfall wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen bedeutete 1957 für die Mille Miglia das vorläufige Ende.

Historisches Rennen

Seit 1977 wird die Mille Miglia nun als historisches Straßenrennen wieder ausgetragen. Das Starterfeld ist so bunt und vielfältig wie eh und je. In den unterschiedlichen Klassen dürfen auch heute etwa ein Mercedes 180 D oder die BMW Isetta von 1957 nicht fehlen. Das Publikum bringt gerade ihnen und ihren Piloten größte Sympathie entgegen. Aber alle, die sich ungeachtet wechselhafter Wetterprognosen auf diese 1.000 Meilen begeben, haben ohnehin höchsten Respekt verdient. Einen Boliden aus den 1930er-Jahren sicher über die ganze Distanz wieder ins Ziel zu steuern, ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Am Volant eines der legendären Mercedes 300 SL kann es bei sonnigem Wetter durch die beträchtliche Wärmeentwicklung des Motors auch recht ungemütlich werden. Aber schließlich geht es hier nicht um Bequemlichkeit, sondern um das pure Fahrerlebnis unter verschärften Wettbewerbsbedingungen.

Alljährlich übertrifft die Nachfrage nach Starterplätzen bei Weitem die Anzahl der ausgewählten Teilnehmer. Dabei wäre es eigentlich gar nicht so schwer grundsätzlich an diesem Rennen der Extraklasse teilzunehmen. Die Bedingungen dafür sind jedenfalls nicht unerfüllbar: Abgesehen von der stattlichen Teilnahmegebühr braucht man nur ein Modell zu wählen, das in den Jahren 1927 bis 1957 an den Start gegangen ist. Je seltener das Fahrzeug ist, desto besser. Das erhöht die Chancen, auch wenn die Warteliste lang ist. Da manche Modelle im Starterfeld sehr stark vertreten sind, setzt die Organisation der Mille Miglia immer wieder auf ausgefallene Automobile, um die Attraktivität zu erhöhen. Wo sonst kann man einen Cisitalia, einen OM, den Lokalmatador aus Brescia, oder etwa auch einen Pegaso in Aktion und nicht nur im Museum erleben? Auch Invicta oder Lagonda gehören zu den klangvollen und seltenen Marken. Die legendären Bentley-Modelle 4.5 Litre aus den späten 1920er-Jahren und die Fahrzeuge der Scuderia Ferrari aus den 1950er-Jahren sorgen immer wieder für beträchtliches Aufsehen. Genauso wie ein Bugatti T37, nicht immer restauriert mit sehr schöner Patina. Die großen, vollgepackten, an den Reservereifen festgezurrten Rucksäcke bieten Platz für Gepäck.

Technisch sind alle Wagen natürlich voll funktionstüchtig, denn Patina hat zwar optischen Reiz, an den für den sicheren Betrieb wichtigen Partien wie Achsen, Bremsanlagen oder den Motoren hat sie nichts verloren. Seit der 80. Mille Miglia im Jahr 2007 wird die technische Abnahme der Wagen vor dem Start nicht mehr im Herzen Brescias abgehalten. Gerade dies hatte früher Gelegenheit geboten, den rollenden Kostbarkeiten ganz nahe zu kommen, um in Automobilgeschichte und ästhetischer Formenvielfalt zu schwelgen. Die Kommission für die technische Abnahme achtet streng darauf, dass sich unter der Motorhaube nicht verbotene zusätzliche Modifikationen befinden. Schließlich geht es um Fairplay.

Die Legende lebt

Der offizielle Start in die erste Etappe ist ein Großereignis. Manche der Wagen tragen Ziffern, die auf ihre historische Startzeit hinweisen. Immer wieder sind zahlreiche Fahrzeuge mit einer ruhmreichen Mille-Miglia-Vergangenheit mit von der Partie. Schließlich wurde über Jahrzehnte Rennsportgeschichte geschrieben, und zahlreiche Rennfahrer-Legenden wie Rudolf Caracciola, Tazio Nuvolari, Achille Varzi und Stirling Moss sind eng mit der Mille Miglia verwoben. Seit 2004 ist im Kloster Santa della Fonte Eufemia in Brescia das Museum der Mille Miglia untergebracht. Dort kann man sich nun ganzjährig in die Geschichte dieses legendären Rennens vertiefen. In der Ausstellung ist die große Faszination und die ungebrochene Leidenschaft für diese kulturhistorische Veranstaltung deutlich spürbar. „La corsa più bella del mondo“, so heißt es auf der offiziellen Seite der Mille Miglia 2013 im Internet. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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