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Leben 14. Mai 2013

Tausche Laster gegen Laster

Eine schlechte Angewohnheit lässt sich nur schwer beseitigen. Außer mithilfe einer schlechten Angewohnheit.

Tagtäglich beißen wir unsere jacketgekronten Zähne an den schlechten Angewohnheiten unserer Patienten aus. Wider besseres Wissen rauchen und trinken sie, futtern Junk-Food, pfeifen auf Bewegung und ignorieren vor allem Kontrolltermine.

Eine finnische Studie, die vor kurzem veröffentlicht wurde, gibt aber Hoffnung: So soll bei Rauchern die Entfernung der nächsten Tabaktrafik vom Wohnort mit der Wahrscheinlichkeit korrelieren, mit dem Rauchen aufzuhören. Liegt die nächste Kaufmöglichkeit näher als 500 Meter, so reduziert sich die Rauchstopp-Prognose um fast ein Drittel. Wir sehen in dieser skurrilen Beobachtung nicht mehr und nicht weniger, als die Tatsache, dass ein Übel gegen das andere Übel ausgespielt werden kann. Das eine Laster (Rauchen) unterliegt hier dem anderen Laster (Faulheit).

Betrachten wir also die Bequemlichkeit unserer Schäfchen nicht als Fluch, sondern als Segen. Nehmen wir die Laster als Verbündete im Kampf um die Gesundheit. Eine tabellarische Auflistung solcher Laster findet sich übrigens etwa im Katechismus der Katholischen Kirche, die landläufig auch als „sieben Todsünden“ bekannten schlechten Charaktereigenschaften. „Faulheit“ ist eine davon und wir sehen, was sie bei unseren Rauchern zustande bringt. Die Zigarettenautomaten aus der Großstadt in den Wald zu verbannen oder auf einen Berggipfel wäre die eine Möglichkeit, sie mit Hindernissen zu umgeben – etwa eine Sprossenwand, einen tiefen Graben oder ein paar Hürden – die andere. Ebenso effizient wäre es, in Kooperation mit den Supermärkten, die süßen und fetten Nahrungsmittel in die obersten Regale zu schlichten, sodass diese ohne körperliche Anstrengungen, Kletterbehelfe oder ordentlich durchgeführten Sprungkniebeugen nicht zu erreichen sind.

Eine weitere Sünde ist der „Neid“, der bereits im Rahmen von Diäten erfolgreich eingesetzt wird. Denn kaum etwas ist motivierender, als der Sixpack des Nachbarn (und damit ist nicht das Bier gemeint, das er immer zum Grillen mitnimmt). „Geiz“ ist bekanntlich auch geil und Preisnachlässe bei Selbstbehalten eignen sich hervorragend, um aus einem bockigen Menschen einen Musterpatienten zu machen. Auch „Hochmut“ bzw. „Eitelkeit“ lassen sich leicht instrumentalisieren, indem man etwa einen Patienten unterstellt, zur Erreichung der therapeutischen Ziele zu schwach, zu einfältig oder zu unbegabt zu sein. Sofort bildet sich Widerstand, im Sinne eines „… Dir werd ich’s zeigen, du eingebildeter Horndoktor!“, womit wir auch von der „Rachsucht“ Gebrauch machen können.

Die Angst, hier den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, braucht man nicht zu haben, denn wir machen uns ja nur jene Laster zunutze, die ohnehin schon in unseren Patienten drin sind. Und da der Mensch voll davon ist, können wir aus dem Vollen schöpfen. Willkommen auf der dunklen Seite der Macht!gen

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