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Zwei Stiche als Illustration der Klimakatastrophe.
 

Preistabelle für das Jahr 1816 im Deckel des Hungertalers.

 

Leporello des Bayerntaler mit Motiven aus dem Ersten Weltkrieg.

 

 

 

Bayentaler

 

 

 

 
Leben 14. Mai 2013

Ein Taler zur Erinnerung

Zwei sehr unterschiedliche Stecktaler erinnern an historisch bedeutsame Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts.

Manch ungewöhnliches Erbstück ist zugleich ein historisches Zeugnis. Der „Hungertaler“ erinnert an die Hungerjahre 1816/17, der „Bayernthaler“, etwa 100 Jahre später entstanden, an den Ersten Weltkrieg.

Steck- oder auch Schraubtaler gehören zu den kuriosen Erinnerungsstücken. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert hat man damit bedeutsame Ereignisse für die Nachwelt festgehalten. Was auf den ersten Blick, wie eine einfache Gedenkmünze wirkt, besitzt jedoch ein überraschendes Innenleben. Die Taler lassen sich nämlich öffnen. Oftmals befinden sich im Inneren Bildnisse von Braut und Bräutigam oder Illustrationen des Lebens von Heiligen. Der ältere der beiden hier angesprochenen Taler ist ein sogenannter „Hungertaler“. Er erinnert an das „Jahr ohne Sommer“, in dem Bayern, Baden und Württemberg sowie Vorarlberg und die Schweiz von einer Klimakatastrophe sehr schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Was der Auslöser für die Unwetter und Überschwemmungen mit ihren weitreichenden und oft existenzbedrohenden Folgen war, blieb über ein Jahrhundert ungeklärt.

Ausbruch mit weltweiten Folgen

Der US-amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys fand um 1920 dafür eine plausible Erklärung. Das andauernde nasskalte Wetter im Jahr 1816 war eine Folge des Ausbruchs des Vulkans Tambora 1815 auf der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sumbawa. Dies führte zu einer allgemeinen Abkühlung des Weltklimas. Die Auswirkung davon war auch im Nordosten Amerikas und in Kanada deutlich spürbar. In den eingangs genannten Gebieten in Mitteleuropa führte dies zu erheblichen Ernteausfällen. Zur Jahreswende 1817 setzte die Teuerung ein. Als Folge der Missernte gab es zu wenig Mehl und Brot. Der in Nürnberger geborene Medailleur Johann Thomas Stettner hat den aus feinem Zinn gefertigten Stecktaler geschaffen. Auf der Vorderseite ist eine klagende Familie zu sehen. Darüber steht außer den Jahreszahlen 1816 und 1817 folgende Inschrift: „Groß ist die Not, o Herr erbarme Dich“. Die Kupferstiche der Abbildungen im Inneren stammen vom Zeichner, Kupferätzer und Landschaftsmaler Georg Adam aus Nürnberg. Die kolorierten Stiche sind jeweils mit einer Legende versehen, die das im Bild festgehaltene Geschehen illustriert. So heißt es zu Blatt 1 etwa: „1816. Fürchterlich waren die Verheerungen, welche im Jahr 1816 der Hagelschlag verbreitete. Jammernd standen Tausende, wie hier der Landmann mit seinem Weibe und seinem Knaben vor den zerschlagenen Saaten und vor den durch den wilden Sturm zerschmetterten Bäumen.“ Die vernichtete Ernte hatte alsbald eine gravierende Hungersnot und damit Elend für die Menschen am Land und in den Städten zur Folge. Die Armenspeisungen reichten schließlich kaum mehr aus, um das Elend zu lindern. Das nasskalte Wetter begünstigte zudem die Verbreitung des giftigen Mutterkorns auf dem Getreide. Es gibt sogar Berichte, dass aus schierer Not, Gras gegessen wurde, um den Hunger zu stillen. Da Überschwemmungen den Ernteertrag weiter schmälerten, hatten aber nicht nur die Menschen kaum etwas zu essen. Auch das Vieh litt – Kühe, Schafe und Ziegen verhungerten.

Das Blatt wendet sich

Erst im Sommer 1817 kam schließlich der lang ersehnte Umschwung. Das Getreide auf den Feldern wuchs nach der Missernte des Vorjahres nun weitaus besser, die Hoffnung auf eine reiche Ernte erfüllte sich im Herbst. Und auch um das Vieh war es wieder besser bestellt: „Groß war die Noth welche durch den Miswachs im vorigen Jahr sich über den Viehstand verbreitet hatte; u. nur mit Mühe konnte man aller Orten von den Schlächtern das Fleisch erhalten. Das freudigste Ereignis war es daher, als im Sommer dieses Jahrs die außerordentlichste Futter-Ernte, auch dieser Noth ein Ende machte.“ Die Rückseite des „Hungertalers“ ziert nun das Bildnis des Vaters, der die Hände zum Gebet gefaltet hat. Von seiner Tochter wird ihm ein Lorbeerkranz überreicht. Im Hintergrund wird auf den wohl bestellten Feldern reiche Ernte gehalten. Ein über der Szenerie schwebender Engel und der Sinnspruch „Erkenne das ein Gott ist“ deutet auf das glückliche Ende.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der deutliche Hinweis in Wort und Bild auf die Allmacht Gottes, der nach dieser Prüfung alles zum Besseren wendet. Die „Hungertaler“ entstanden in einer Zeit, in der die Säkularisierung sowohl in Süddeutschland als auch in Österreich ihren Höhepunkt erreicht hatte. Sie dienten somit auch als Mittel, um wieder verstärkt die Volksfrömmigkeit zu fördern.

Erinnerung und Propaganda

Anders liegen die Umstände beim „Bayernthaler“. Er diente als glorifizierendes Erinnerungsstück an den Ersten Weltkrieg. Von diesem Taler sind unterschiedliche Ausführungen bekannt, er wurde in Zinn, Silber und auch in vergoldetem Silber, hergestellt. Im Inneren ist der Ablauf der Kriegsereignisse als Leporello mit knappen Bildbeschreibungen chronologisch erfasst. Das Bildnis des bayerischen Regenten Ludwig III. ziert die Vorderseite dieser Steckmedaille. Kaiser Wilhelm II. sowie Repräsentanten des Deutschen Reiches sind auf Miniaturporträts, die mit Kampfszenen abwechseln, verewigt. Die Rückseite trägt das Wappen des Königreichs Bayern. Darüber als Inschrift deutet der Wahlspruch „In Treue fest“ auf das Bündnis mit dem Deutschen Reich. Historisch bedeutsam ist der „Bayernthaler“ deshalb, weil in ihm die vom 21. Februar 1916 bis zum 20. Dezember 1916 dauernde Schlacht von Verdun dokumentiert ist. Sie gilt mit ihren immensen Verlusten an Menschenleben als erste Materialschlacht der Geschichte. Vor diesem speziellen Hintergrund gewinnt dieser Erinnerungstaler eine tiefere tragische Bedeutung. Mit ihm endet die über dreihundertjährige Geschichte der Schraub- und Stecktaler.

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