zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 7. Mai 2013

Down-Grading

Den beruflichen Zenit absichtlich in ein beschauliches „Danach“ zu tauschen, fällt gerade den Ärzten schwer.

Die Ereignisse haben sich in den vergangenen Monaten überschlagen: Die niederländische Königin ist nicht mehr Königin, sondern nur mehr Prinzessin. Der Papst ist nicht mehr Papst, sondern nur mehr Kaplan. All das, ohne blutige Revolutionen oder Skandale. Einfach, weil es Ex-Königin und Ex-Papst für richtig befunden haben. Es gibt noch ein Leben nach dem beruflichen Gipfel.

In der medizinischen Profession muss man das noch lernen. Denn ein freiwilliger beruflicher Abstieg gilt als No-Go. Schließlich ist man nicht nur Königin oder Papst, nein, man ist Klinikchef oder Ordinationskaiser. Jede Änderung dieses Zustandes nach unten wäre der gesellschaftliche Ruin. Und so verkraftet man Burn-outs und die Tatsache, seinen Nachwuchs im Zeitraum zwischen Kindergarten und Studium gerade mal am ersten Schultag zu Gesicht zu bekommen, gerne.

Doch die Zeiten ändern sich. Waren vor 20 Jahren für das Ansehen noch die Fragen nach dem Jahreseinkommen, den gesammelten Impact-Treue-Punkten oder der ppm-Rate (Patients-per-Minute) von Relevanz, so rücken zunehmend die gelaufenen Marathon-Kilometer, die erreichten buddhistischen Bewusstseinsstufen oder die Anzahl der Haubenlokale, in denen man die Kellner gemaßregelt hat, in den Mittelpunkt. Damit bekommt man zwar den Nachwuchs um keinen Deut mehr zu Gesicht, man hat aber nun die von den Lifestyle-Magazinen geforderte Work-Life-Balance erreicht. Und am Tag der Schultüte kann man ja mal ausnahmsweise auch nur einen Halbmarathon laufen.

Das Private rückt also zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses. Um ein beachtetes Mitglied der Gesellschaft zu sein, genügt es nicht mehr, sich mit beruflichen Federn zu schmücken. Arzt alleine ist zu wenig, es braucht heute den „Arzt-Plus“! Schließlich sind die interessantesten Gesprächspartner oft jene, die einen Schritt zurück machen. Ex-Päpste, Ex-Könige, Ex-Mafia-Bosse oder Ex-Microsoft-Gründer strahlen so etwas wie Altersweisheit aus und stellen nicht auf Biegen und Brechen die beruflichen Belange an erste Stelle. Man plaudert aus dem philosophischen Nähkästchen, Dinge, über die man als „Aktiver“ nie zu plaudern wagte. Wenn man also diese „Altersweisheit“ auch genießen möchte, so sollte man diese nicht mit ins Grab nehmen, sondern frühzeitig „downgraden“, einen Schritt zurück machen und das tun, wofür es sich zu leben lohnt. Zum Beispiel beim ersten Schultag des Nachwuchses dabei zu sein.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 19/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben