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© VBK, Wien, 2013/Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich
Pelzhandschuhe, 1936, Ursula Hauser Collection, Switzerland
© VBK, Wien, 2013/Foto: Roland Aellig, Bern

Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich, 1934, Privatsammlung, Bern

© VBK, Wien, 2013/Foto: Peter Lauri, Bern

Gespenst, 1959 Privatsammlung, Bern

© VBK, Wien, 2013/Foto: Heinz Günter Mebusch, Düsseldorf

Meret Oppenheim, Porträt mit Tätowierung, 1980 Privatsammlung, Bern

 
Leben 7. Mai 2013

Der Hang zum Gesamtkunstwerk

Eigenwillig und vielseitig: Dem Gesamtwerk von Meret Oppenheim ist im Bank Austria Kunstforum eine Retrospektive gewidmet.

Mit ihrer unkonventionellen Lebenseinstellung hat Meret Oppenheim die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt. Ihre Entscheidung künstlerisch explizit eigene Wege zu gehen, hat zu einem vielschichtigen Gesamtwerk geführt.

Meret Oppenheim, 1913 in Berlin geboren, über Umwege in der Schweiz heimisch geworden, hat in künstlerischer Hinsicht sehr rasch für Furore gesorgt. In Begleitung ihrer Freundin, der Malerin Irène Zurkinden, kam sie 1932 nach Paris. Dort geriet Meret Oppenheim in den Kreis der Surrealisten und wurde schon bald als deren Muse hoch gehandelt. Das sollte sich jedoch als erhebliche Hypothek für die eigene künstlerische Entwicklung herausstellen. Das künstlerische Potenzial dieses Enfant terrible sorgte in der Chefetage des Surrealismus für erhebliche Unruhe. Die Begegnung von Meret Oppenheim mit Man Ray war in diesem Zusammenhang allerdings ein Glücksfall. Man Rays 1933 entstandene Fotoserie „Érotique voilée“ lebt von ihrer souveränen und unkonventionellen Präsenz als Aktmodell. Bürgerliche Konventionen ließen sich kaum eindrucksvoller brechen. Heute gilt diese Serie als eines der Glanzstücke des Surrealismus. Aus der noch unbekannten jungen Künstlerin wurde rasch eine Ikone.

Ihre Begegnung mit Max Ernst hingegen war nicht nur ein Aufeinandertreffen von zwei grundsätzlich ebenbürtigen künstlerischen Persönlichkeiten. Die Liaison mit dem fast zehn Jahre älteren Hauptprotagonisten des Surrealismus erwies sich als hinderlich. Dass André Breton ihre legendäre Pelztasse eigenmächtig mit einem neuen Titel versah, war rückwirkend gesehen ebenfalls ein dominanter Eingriff.

Eigenständig und eigenwillig

Meret Oppenheims künstlerisches Schaffen hat zwar gewisse Berührungspunkte mit dem Surrealismus, dennoch blieb dies für sie nur eine Episode. Eigenständigkeit war notwendig, um den eigenen Stil unabhängig von einer bestimmten künstlerischen Richtung zur Reife zu bringen. Das eigene künstlerische Verständnis war weitaus radikaler und blieb ein Ausdruck lebenslanger Umbrüche und Wandlungen. Verwandlung vollzog sich auch in den Träumen, die von grundlegender Bedeutung für ihre künstlerische Arbeit waren. Daraus entstanden wesentliche Leitmotive, die ihrem künstlerischen Schaffen den notwendigen Rahmen gaben. Meret Oppenheim war nicht nur vom Surrealismus, dessen Radikalität sie in Paris zu schätzen gelernt hatte, zeitweise beeinflusst. Davor und danach bestehen andere künstlerische Bezüge. Den Blick auf die Nachtseite, tief ins Traumhaft-Unbewusste hat sie mit Alfred Kubin gemeinsam. Mit dem Werk von Alfred Kubin – interessanterweise handelt es sich bei beiden sowohl um bildende Künstler als auch Literaten – hat sich Meret Oppenheim eingehend beschäftigt. Die Täuschung durch das Undurchschaubare brachte sie zudem in eine, wenn auch nicht allzu enge Verwandtschaft zu Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Keinen der beiden genannten hat Meret Oppenheim je persönlich kennengelernt. Das künstlerische und literarische Schaffen Herzmanovsky-Orlandos dürfte ihr nicht bekannt gewesen sein, obwohl Sprache für ihn wie auch in ihrem eigenen künstlerischen Schaffen eine tragende Rolle spielte.

Die Macht der Androgynität und der Traumgebilde ist für Meret Oppenheim und ihr Werk immer wieder von Bedeutung. Im „Maskenspiel der Genien“ von Herzmanovsky-Orlando entfaltet sich dieses Mysterium, in dem die Kindfrau durch ihren Rollenwechsel an Macht gewinnt und schließlich zur Femme fatale wird. Wandlung und Verwandlung können damit auch als Prozess der Initiation gedeutet werden. Dem Undurchschaubaren, Maskenhaften stand Meret Oppenheim lebenslang nahe.

Der Hang zur Metamorphose kommt in den wiederkehrenden Falter- und Schmetterlingsmotiven immer wieder zum Ausdruck. Auch die für die Basler Fasnacht und für Feste im Freundeskreis geschaffenen Masken belegen das rege Interesse an Verwandlung. In den 1930er Jahren sorgte eine andere gebürtige Berlinerin, zwölf Jahre älter als Meret Oppenheim, für einen weiteren Tabu-Bruch: Ihr privates Auftreten in der Glamour-Welt Hollywoods in Männerkleidung stellte das vorherrschende Rollenbild der Frau gehörig auf den Kopf. Für Meret Oppenheim war dieser Rollenwechsel weit mehr als Mode oder Maskerade mit erotischem Unterton. Sie ließ sich mit Kurzhaarschnitt in lässiger Pose und Männerkleidung fotografieren und wirkte nicht weniger beunruhigend als Marlene Dietrich – auch nicht weniger von sich selbst überzeugt. Ein hohes Maß an Selbstbestimmung blieb für sie auch in Zeiten, die von Krisen überschattet waren, wesentlich.

Selbstbestimmung als Lebensmotto

Nach dem Krieg kehrte sie in die Schweiz zurück. Bern wurde zum wichtigen Lebens- und Schaffenszentrum, Basel und Paris blieben künstlerisch Anknüpfungspunkte. Konsequent und unbeirrbar arbeitete sie in Wort und Bild weiter. Die zunehmende Abstraktion in ihren Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre weist auf etwas nicht Stoffliches hin, wieder geht es um das Verhüllen und Verwandeln. Mit großer Genauigkeit und Akribie entstand ein singuläres Spätwerk, das kaum Bezüge zulässt. „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen“, so Meret Oppenheim in ihrer Rede anlässlich der Übergabe des Kunstpreises der Stadt Basel 1974 am 16. Januar 1975. Daran hat sie sich im Künstlerischen wie im Privaten gehalten. Dieses kompromisslose eigenständige Denken und Handeln hat sie ihr ganzes künstlerisches Leben lang begleitet.

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