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Leben 29. April 2013

Anleitung zur Bestechlichkeit

Die Annahme kostbarer Geschenke ist den Ärzten untersagt. Doch liegt der Wert dieser „Zuwendungen“ im Auge des Betrachters.      

Vor ein paar Wochen war an dieser Stelle ein Plädoyer für die Beibehaltung der Korruption im Medizinbetrieb abgedruckt. Viele Leser waren daraufhin verunsichert, was denn nun im Zuge der ärztlichen Tätigkeit als angemessene Belohnung und was als vollendete Bestechung zu betrachten sei.

Hier ist eine praktische Hilfestellung gefordert, die Ärzteschaft giert wie immer nach einer Leitlinie, die es in diesen Fällen evidenzbasiert zu befolgen gilt. Unsere Standesvertretung erachtet „unangemessene Zuwendungen“ sowie die Annahme auch nur kleinster Geschenke (sofern die Entgegennahme derselben von einer Empfehlung eines Arztes an seine Patienten abhängig gemacht wird) als unehrenhaft und damit als „Pfui“. Ausgenommen sind „Bürohilfsmittel“, so sie von geringem Wert sind. Damit scheidet ein Philippe-Starck-Lederschreibtischstuhl genauso aus, wie ein billiger Kugelschreiber, der dem Mediziner nur unter der Prämisse gegeben wird, sämtliche Hypertonie-Patienten des letzten Quartals auf ein neues Blutdruckmittel umzustellen. Auch ein Lehrpraktikant ist kein „Bürohilfsmittel“ im eigentlichen Sinn und darf daher als Geschenk nicht angenommen werden, obwohl dessen Marktwert gering ist.

Doch alleine der „geringe Wert“ sagt noch gar nichts aus. Selbst ein warmer Händedruck kann als Bestechung durchaus attraktiv sein, wenn die Hand von einem magersüchtigen Top-Model oder von einem der beiden Päpste stammt. Es gibt eine Unzahl immaterieller Werte, die heiß begehrt sind: Lob etwa (von den Patienten), Liebe und Zuwendung (von den Krankenkassen) und Neid (von den anderen Kollegen). Solche Werte sind unbezahlbar und können, obwohl gratis, durchaus auch eine Rolle bei der Bestechung spielen. Ärzte benötigen seelische Streicheleinheiten für die Pflege des angeschlagenen Egos.

Will man also den Korruptionsjägern einen Schritt voraus sein und sich die Ärzte gefügig machen, so muss man auf die Eitelkeit der Mediziner bauen. Für die Morgenbesprechung den begehrten Platz zu besetzen, den Parkplatz direkt am Eingangsbereich zu reservieren oder die lautstarke lobende Erwähnung der medizinischen Heldentaten inmitten des vollen Wartezimmers – eine derartige Lobbyarbeit bedarf keiner finanziellen Mittel und hat oft mehr Effekt, als die verpönten teuren Reisen und die weißen Nerzmäntel für die Visite.

So viele Ehren-Kodizes können für die pharmazeutische Industrie und die Ärzteschaft gar nicht unterzeichnet werden. Unser archaischer Trieb zu unmoralischen Angeboten und deren Inanspruchnahme blitzt immer wieder durch. Man gönnt sich ja sonst nichts.

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