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Prolog der Dokumentation Obersalzberg.

Dokumentation Obersalzberg:Ansicht des Ausstellungsgebäudes.

Dokumentation Obersalzberg, Sektion C 5,„Rassenpolitik, Judenverfolgung und Völkermord“.

© Institut für Zeitgeschichte München-Berlin / Foto: Max Köstler, Berchtesgaden

Dokumentation Obersalzberg, Abteilung D, Bunkeranlage.

 
Leben 2. Mai 2013

Lebendige Zeitgeschichte

Wie stellt man die Geschichte und Ideologie des Nationalsozialismus sachlich dar? Das Dokumentationszentrum am Obersalzberg bei Berchtesgaden vermittelt mehr als nur die überzeugende Auseinandersetzung mit einem historisch belasteten Ort.

Landschaftlich gesehen ist der Obersalzberg ein Naturparadies. Historisch gesehen wurde er während der Zeit des Nationalsozialismus zu einem belastenden Erbe. Die Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg zur Geschichte des Ortes und der Ideologie des Nationalsozialismus bietet einen objektiven und informativen Zugang.

Ausgerechnet Berchtesgaden und der Obersalzberg. Warum sich Adolf Hitler für diesen Ort ursprünglich entschied, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die idyllische Lage in der Nähe des Luftkurortes und die prächtige Bergwelt des nahen Watzmanns dürften mit ein Grund dafür gewesen sein. Die Entscheidung, seit 1923 regelmäßig auf den Obersalzberg zu kommen, hatte jedoch gravierende Folgen.

Der Ort Obersalzberg bei Berchtesgaden war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vom aufkommenden Fremdenverkehr geprägt. Nach seiner in Landsberg am Lech verbüßten Festungshaft hielt sich Adolf Hitler seit 1923 dort zur Erholung auf und verfasste den zweiten Band von „Mein Kampf“. Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler erwarb er im Sommer 1933 das „Haus Wachenfeld“, in dem er sich schon seit 1928 eingemietet hatte.

Der Ansturm der Bewunderer, die zu seinem Domizil am Obersalzberg reisten, war nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler kaum mehr zu bändigen. Nach umfangreichen Umbauarbeiten wurde der „Berghof“ neben der Neuen Reichskanzlei in Berlin zur zweiten Schaltstelle des NS-Regimes. Der repräsentative Charakter des „Berghofs“ mit dem imposanten Panoramafenster wurde nun auch als Ort plakativer nationalsozialistischer Inszenierung propagandistisch genutzt.

Sperrgebiet Obersalzberg

Da sich die Häuser von Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer ebenfalls auf dem Obersalzberg befanden, kam es zu einer brutalen Anpassung an die neuen Verhältnisse. Es folgte eine umfangreiche Absiedelung. Familien, die seit Generationen ihre Höfe auf dem Obersalzberg hatten, wurden Opfer der von Martin Bormann rigoros durchgesetzten Vertreibung. Das Dorf Obersalzberg hörte auf zu existieren, das gesamte umliegende Gebiet wurde zum „Führersperrgebiet“ erklärt. Am 14. Juli 1944 verließ Hitler den Obersalzberg und begab sich in das Führerhauptquartier Wolfsschanze. Der bei dem Luftangriff am 25. April 1945 beschädigte Berghof wurde in der aussichtslos werdenden Lage von der Obersalzberg-SS in Brand gesteckt. Am 4. Mai 1945 rückten die 101. US-Airborne Division, die 3. US-Infanteriedivision und die 2. französische Panzerdivision kampflos in Berchtesgaden ein und besetzten das ehemalige Führersperrgebiet.

Teile davon wurden ab 1947 als Erholungsgebiet für amerikanische Militärangehörige genutzt. Um die bereits nach Kriegsende einsetzende Suche nach NS-Devotionalien einzudämmen und keine NS-Pilgerstätten zu schaffen, wurden 1952 die Ruine des ehemaligen „Berghofs“ sowie die Häuser Görings und Bormanns, die SS-Kaserne, das sogenannte Kampfhäusl, und Hitlers Teehaus nach Übereinkunft zwischen der Bayerischen Staatsregierung und der amerikanischen Besatzungsmacht gesprengt.

Ein Ort der Dokumentation

Nach dem Abzug der Amerikaner aus der „Recreation Area“ Berchtesgaden wurde von der Bayerischen Staatsregierung in Abstimmung mit dem Landkreis und Markt Berchtesgaden einerseits die historische Aufarbeitung und andererseits die wirtschaftliche Nutzung des Obersalzbergs beschlossen. Mit einem Budget von 4 Millionen DM (2.045.167 Euro) wurde dort das Ausstellungsgebäude der Dokumentation Obersalzberg errichtet und am 20. Oktober 1999 eröffnet. Das vom Freistaat Bayern beauftragte inhaltliche Konzept stammt vom Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin. Ergänzend zu der Dauerausstellung werden auch Wechselausstellungen, Vorträge und Veranstaltungen abgehalten um die historische Aufarbeitung der NS-Diktatur zu unterstützen. Durch diese fundierte Form der Vermittlung lässt sich der wahre Charakter dieses „Täterortes“, an dem die Verbrechen des Nationalsozialismus von Hitler und seinen engsten Vertrauten geplant wurden, eindrucksvoll vermitteln. Dort wurden jene weitreichenden Entscheidungen getroffen, die konsequent in den Völkermord und die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führten. Die andere Seite des Obersalzbergs als Schauplatz des Hitler-Kults wird hier ebenfalls vermittelt. Vor der eindrucksvollen Bergkulisse wurde der Führer-Mythos gepflegt und propagandistisch mit perfiden Mechanismen, die nicht leicht durchschaubar waren, perfektioniert. Das inhaltliche Konzept der Dokumentation Obersalzberg dient auch dazu, der subjektiven Faszination dieses historisch authentischen Ortes wirksam und objektiv zu begegnen, um eine nostalgisch verklärte Verharmlosung zu verhindern. Die Wahl des Ortes, an dem sich der Ausstellungsbau befindet, war dabei von erheblicher Bedeutung: Dort befand sich früher das Partei-Gästehaus „Hoher Göll“. Diese Ortswahl bricht konsequent die ideologische Absicht, dass repräsentative nationalsozialistische Bauwerke als Ruinen zu „Weihestätten“ werden sollten. Auf dem Weg durch die Ausstellung und den einzelnen zentralen Erscheinungsformen der NS-Diktatur wird stattdessen symbolisch klar, wohin der Weg tatsächlich führte: Von der Propagandaidylle des Obersalzbergs gelangt man hinunter zu einem Relikt des Zweiten Weltkrieges in die beklemmende Atmosphäre des teilweise erhaltenen Bunkersystems.

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