zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 15. April 2013

Ich lass mich doch nicht verarzten!

Wir müssen die Unzufriedenheit unserer Patienten besser begreifen lernen. Vielleicht sollte die Ausbildung daher auch ein Semester im Krankenbett beinhalten.

Ich hatte in den letzten Monaten das große Vergnügen, gemeinsam mit meinen Kollegen Norbert Peter (Kommunikationswissenschaftler) und Claus Schönhofer (Patient) ein Buch zu verfassen. In diesem nicht unwitzigen Druckwerk darf ich als Prellbock für die Unzufriedenheit unserer Kundschaft herhalten.

Medizin ist beim Klatsch und Tratsch als Gesprächsthema mindestens genauso beliebt wie Diäten, Sex, Fußball oder die Diättipps sexbesessener Fußballer. Man spricht über Symptome (eigene oder die der Verwandtschaft), unterhält sich über unzumutbare Wartezeiten, unlautere Therapieempfehlungen, schrullige Mediziner und deren Fehlverhalten. Fast jeder kann von einer ärztlichen Begegnung der dritten Art und über skurrile Erlebnisse im Krankenhaus berichten und jedem Zweiten wurde irgendwann einmal ein falsches Bein amputiert. Kaum einer lässt ein gutes Haar am medizinischen System.

Woran liegt das? Zum einen sicherlich daran, dass Geschichten mit positiver Färbung für einen durchschnittlichen Stammtisch höchst langweilig sind. Zum anderen, dass es als Patient generell vielleicht gar nicht so viele Geschichten mit positiver Färbung gibt.

Wenn wir selbst mal in die Mühlen eines Krankenhauses und damit auf die andere Seite des Röntgenschirms gelangen, haben sogar wir, die den ganzen Medizinzirkus ja mitgestalten, eine Menge daran auszusetzen. Plötzlich merkt man die Fremdbestimmtheit, dass jeder Schritt, jede Regung, jede Körperfunktion beobachtet, bewertet und akribisch für die Nachwelt dokumentiert wird. Man merkt, dass die Schonkost mehr „Schon“, als „Kost“ ist. Und man erkennt, welche Bemerkungen sich die Kollegen bei der Visite sparen können, etwa zur Prognose („Na ja, schauen wir mal, dann werden wir’s schon sehen!“), zur Krankheitsursache („Da hat die Mama aber immer gut gekocht …“) oder zur Therapie („Ich würd das Zeug ja nicht schlucken, aber Sie müssen!“). Arbeitet der Patient nicht mit oder äußert er gar lautstark Kritik, so zeigt ihm die Belegschaft, was Liebesentzug heißt.

Im reformierten Medizinstudium versucht man zunehmend, die Ausbildung auch direkt an das Krankenbett zu verlagern. Ich würde jedoch noch einen Schritt weiter gehen und die Ausbildung in das Krankenbett verlagern. Damit die jungen Kollegen ein Semester lang am eigenen Leib erfahren können, wie sich so eine evidence-based-Kassenbehandlung anfühlt.

Vielleicht schließt man sich dann der Aussage all jener Patienten an, die den Medizinbetrieb halb verdaut wieder ausgespuckt hat: „Wenn ich das gewusst hätte, wär ich gar nicht erst krank geworden!“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben