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Komplizierte Dreiecks-Beziehung zwischen Katze, Maus und Hund:Offissa Pupp, Krazy Kat und Ignatz.
© Fantagraphics Books Inc. (4)

Seltsame Vorgänge in Coconino County.

Ein gezielter Wurf als falsch verstandener Liebesbeweis.

Cover des Sammelbandes Krazy + Ignatz 1922–1924,„At least my drim of livehas cometrue“.

 
Leben 15. April 2013

Katz und Maus

Der Zeichner George Herriman hat mit „Krazy Kat“ einen der großen Comic-Klassiker geschaffen. Vor 100 Jahren hatten die beiden Hauptfiguren Krazy Kat und Ignatz die Maus erstmals ihren ganzseitigen Auftritt im New York Journal.

Absurd poetisch, anarchisch rasant: Die Zeitungsstrips rund um die beiden tierischen Hauptdarsteller faszinieren und begeistern auch heute noch durch Witz und Hintergründigkeit.

Ist es Liebe? Das fragt man sich des Öfteren bei den Bildgeschichten, die sich um Krazy Kat und Ignatz, den Mäuserich drehen. Die vertrackte Folge von Geschichten hat der geistige Vater der beiden Hauptfiguren, George Herriman, in seinem unverwechselbaren Stil und mit sicherem Strich über 30 Jahre zu Papier gebracht. Die Grundzüge dieser Bildgeschichten reichen zurück in seine Anfangsjahre als Zeichner. Immer wieder taucht dabei eine Katze in den unterschiedlichen Zeitungsstrips aus seiner Feder auf. In den Comic-Strips „Baron Mooch“ und „The Dingbat Family“, die beide um 1910 erschienen, wurde aus der kleinen schwarzen Katze schließlich der legendäre Charakter „Krazy Kat“. Ob Krazy Kat nun Katze oder Kater ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Herriman bleibt eine eindeutige Antwort darauf schuldig. Ignatz, der Mäuserich, ist das Ziel von Krazy Kats Amour fou. Der Polizeihund Offissa Pup spielt in dieser Dreier-Beziehung die wichtige Rolle des Beschützers von Krazy Kat. Ignatz, der „kleine Engel“, wie er liebevoll von Krazy Kat genannt wird, ist alles andere als unschuldig. Immer wieder sinnt er darüber nach, wie er in den Besitz eines Ziegelsteins kommen könnte, um diesen der verliebten Kater-Katze an den Kopf zu werfen. Was diese mit einem neuen Verliebtheitsanfall quittiert. Klingt verrückt? Ist es auch. Auf dieser Grundlage entwickelt George Herriman seine skurrilen Geschichten voller tief- und scharfsinniger Komik.

Universum des Absurden

Das karge Wüstengebiet des Coconino County in Arizona dient als Vorbild für die von George Herriman geschaffenen Landschaften. Ausgestattet mit surreal wirkenden Gebilden, werden sie zur Bühne für Krazy Kat, Ignatz und einer ganzen Reihe immer wiederkehrender Charaktere. Don Kioyte, Ketrina, Willi Mendoza, the Mexican Jumping Bandit Bean sowie jenes – Vogelstrauß ähnliche – Geschöpf mit dem klangvollen Namen Mr. W. Cephrus Austridge sind einige davon. Das ungleiche Gespann Krazy Kat und Ignatz – ein Paar sind die beiden nicht, noch werden sie je eines – erlebt Abenteuer voller Absurdität. Der Polizeihund Offissa Pupp verhaftet Ignatz, weil dieser an einen Ziegelstein gedacht hat, um ihn mit einem gezielten Wurf an den Kopf von Krazy Kat zu befördern. Der poetische Sprachmix aus kreolisch, afrikanisch-amerikanischem Slang, Brooklyn-English und Jiddisch, mit dem sich vor allem Krazy Kat seiner Umwelt mitteilt, ist ein weiteres Merkmal des Universums von George Herriman.

Der Zeitungsmogul als Verbündeter

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg von Krazy Kat hatte der Zeitungsmogul William Randolph Hearst. Der notorische Kunstsammler war zeit seines Lebens nicht unumstritten. Mit seinen Zeitungen beeinflusste er wie kaum ein anderer die öffentliche Meinung. Orson Welles hat ihm in seinem Film-Meisterwerk „Citizen Kane“ ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt. Aber es gab wohl auch eine andere Seite dieses rücksichtslosen Verlegers. Anders ist es kaum zu erklären, dass er einen Zeichner wie George Herriman lebenslang vertraglich an sich band. Für Hearst hatte Herriman bereits beim „San Francisco Examiner“ gearbeitet und für „The New York Evening Journal“ 1910 den Strip „The Dingbat Family“ gezeichnet. Talentierte Zeichner wurden von den Zeitungsherausgebern umworben, um die Auflage ihrer Blätter zu steigern. Hearst hatte schon früh das zeichnerische Talent von George Herriman erkannt. Er sorgte dafür, dass die skurrilen Geschichten in den Sonntagsausgaben seiner Zeitungen erschienen. 1916 spielten Krazy Kat und Ignatz sogar in zwei- bis dreiminütigen Zeichentrickfilmen die Hauptrolle. Diese Kurzfilme konnten allerdings qualitativ nicht mit den gezeichneten Comicstrips konkurrieren. Als in späteren Jahren Hearsts Chefredakteure immer wieder „dieses verrückte Zeug, das niemand verstehen kann“, aus den Sonntagsausgaben herausnahmen, hielt Hearst seinem Zeichner die Treue. Sobald er davon erfuhr, sorgte er dafür, dass die Seite wieder an ihren angestammten Platz kam.

In den 1920er Jahren wurde George Herriman schließlich höchste Ehre zuteil: Er wurde in die „Hall of Fame“ des Magazins „Vanity Fair“ aufgenommen. Längst waren seine Geschichten Quell des sonntäglichen Vergnügens für Künstler wie Charlie Chaplin oder Pablo Picasso. Aber auch Präsident Woodrow Wilson und der Dichter und Schriftsteller E. E. Cummings gehörten zum illustren Club der Bewunderer von Herrimans Comic-Meisterwerk.

Am 25. April 1944 verstarb George Herriman in Los Angeles. Nach seinem Tod wurde auf Anordnung von William Randolph Hearst Krazy Kat von keinem anderen Zeichner fortgesetzt. Der letzte Strip aus Herrimans Feder, der den Abschluss seines Lebenswerkes bildete, erschien zwei Wochen nach seinem Ableben. Das Absurd-philosophische, das in den Krazy Kat Episoden zum Ausdruck kommt, fasziniert jedoch noch heute. Neuauflagen wie jene von Fantagraphics, halten die Erinnerung an die Erfindungsgabe von George Herriman wach. Der Nachwelt bleiben seine Bildergeschichten mit geistreichem Witz und absurdem Humor erhalten.

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