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Leben 8. April 2013

Lost Generation

In dem Alter, in dem man seine Netzwerke gesponnen hat, darf man sie auch schon nicht mehr nutzen.

Es ist ja gut und schön, wenn man Korruption im Keim erstickt und die Objektivität bei der Vergabe von Posten fördert. Die Sümpfe werden, so liest man, sukzessive trocken gelegt. Transparenz ist das Schlagwort, alles muss durchsichtig sein, wie die neuen Büros mit diesen großen Glastrennwänden. So weit, so erfreulich.

Weniger erfreulich ist die Tatsache, dass die heutige Generation 40 (plus, minus ein paar Zerquetschte) in Zeiten, in denen sie noch keinen Netzwerken angehörte, deren Vorteile nicht nutzen konnten, nun, da sie gut vernetzt ist, diese zwar nutzen könnte, jedoch nicht mehr darf. So weit, so gemein.

War es früher noch erlaubt, die Ordination oder die Krankenhausabteilung an die Nachkommen zu vererben, so muss es heute eine EU-weite Ausschreibung geben. Nun übernimmt, nicht wie in den guten, alten, chauvinistischen Zeiten der älteste Bub den Hof, sondern der „Best Bub of the EU“. Und da kann es schon mal vorkommen, dass ein zugereister Mediziner aus dem fernen Schweden dem eigenen Fleisch und Blut vorgezogen wird. Dass es da dem nunmehr erwachsenen Kind und rechtmäßigen Erben sauer aufstößt und er eine Allergie auf die pferdefleischhaltigen Fleischbällchen von Ikea bekommt, ist nachvollziehbar.

Auch besondere Vergünstigungen sind heute nicht mehr drin. Was standen wir als Famulanten noch mit offenen Augen da und beobachteten, wie unsere Oberärzte von den Vertretern der pharmazeutischen Zunft mit teuren Fernreisen, Golfclubmitgliedschaften und Jagdausflügen verwöhnt wurden. Heute, da die Mittvierziger selber in der Oberarzt- und Ordinationsinhaber-Generation sind, wird man höchstens mal mit einer Reisezahnbürste, einem Golfball oder einem Jagdwurstaufstrich bedacht. Nicht mal ein Abendessen oder die Geburtstagsfeten unserer Kinder werden von den Firmen mehr gesponsert. Freundlich, aber bestimmt verweist man auf einen Ehrenkodex, der für uns zur falschen Zeit in Kraft tritt.

Nun fällt vielleicht auch noch das Bankgeheimnis. Ein Gebilde, das uns früher bei den 20 Schilling am Sumsi-Konto egal war, nun, da wir Gelder auf dubiosen Konten an der Finanzministerin vorbeischummeln könnten, wird auch dieser Weg blockiert. Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Korruption gibt es nach wie vor und Gelder finden ihre unrechtmäßigen Besitzer in den gehobenen Kreisen wie treue Hunde. Doch der mittelalterliche Mittelstand dürfte heute eigentlich nicht einmal mehr eine abgelaufene Pralinenschachtel von seinen Stammpatienten entgegennehmen.

Man möchte ja nicht korrupt sein. Aber man möchte es zumindest theoretisch können dürfen. Das ist Freiheit. Sollte also ein Pharmavertreter bereit sein, mir ein unmoralisches großzügiges finanzielles Angebot zu machen, bitte ich um Kontaktaufnahme. Damit ich dann reinen Herzens das Angebot ausschlagen kann. Oder endlich mal richtig zulangen.

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