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© VBK, Wien 2013 / Privatsammlung
Die nahe Pubertät (Die Plejaden), 1921, Collage, Gouache und Öl auf Papier, auf Karton aufgezogen.
© VBK, Wien 2013 / Kunsthaus Zürich

Über den Wolken wandert die Mitternacht, 1920, Photographische Vergrößerung einer Collage.

© VBK, Wien 2013 / Museo Thyssen Bornemisza, Madrid

Lediger Baum und vermählte Bäume, 1940, Öl auf Leinwand.

© VBK, Wien 2013 / Privatsammlung

Inspizierung eines Pferdes, um 1923, Öl auf Leinwand.

 
Leben 28. März 2013

Der große Unbekannte

Besser spät als nie: Die erste umfassende Retrospektive des Gesamtwerkes von Max Ernst ist derzeit in Wien in der Albertina zu sehen.

Max Ernst gilt mit seinem umfangreichen Werk als einer der Hauptvertreter des Surrealismus. Seine verschlüsselten Bildwelten irritieren und faszinieren bis heute.

Vorsicht, dieser Mann ist gefährlich! Seine Werke sind eine Zumutung für all jene, die gefällige, auf Anhieb verständliche Kunst lieben. Wer sich jedoch ohne Vorbehalt mit diesen kryptischen Bildwelten auseinandersetzt, gerät rasch in ihren Bann. Max Ernst fordert auch heute noch den Betrachter heraus. Mysteriös und schwer durchschaubar sind seine Arbeiten auf Papier und Leinwand. Zu Beginn seines künstlerischen Schaffens halfen ihm die Schriften Friedrich Nietzsches, das eindimensionale Denken zu überwinden. Anknüpfungspunkte fanden sich aber auch im 19. Jahrhundert. Caspar David Friedrich wies ihm mit seiner „Innenschau“ den Weg ins Unbekannte. Die Schulzeit hatte Max Ernst nach eigenen Worten unbeschadet überstanden. Den rheinischen Katholizismus samt der wilhelminischen Zucht und Ordnung hatte er schon früh durch sein diszipliniert künstlerisches Schaffen überwunden. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die überkommenen Werte für ihn passé. Max Ernst war schon längst weiter auf seiner ganz persönlichen Entdeckungsreise in die Grenzbereiche zwischen Innen- und Außenwelt.

Neue Wege

Ohne es beabsichtigt zu haben, wurde er in einem Akt der künstlerischen Selbstfindung zunächst zum Mitbegründer des Dadaismus. Diese anarchische Kunstrichtung besaß Sprengkraft. Das Alte, Konventionelle sollte mit brachialer Gewalt außer Gefecht gesetzt werden. Und Dada-Max machte Ernst mit dem Dadaismus. Tristan Tsara,, dessen treibende Kraft, auch Marcel Duchamp und Francis Picabia wurden kurzzeitig zu künstlerischen Weggefährten. Der aufkeimende Surrealismus schaffte die erforderliche Freiheit und wies den Weg zu neuen Erkenntnissen. Max Ernst ließ Symbolismus, Kubismus, Futurismus und nach einem kurzen Intermezzo auch den Expressionismus links liegen. Die Neue Sachlichkeit war ebenfalls nicht nach seinem Geschmack. Nachdem er 1922 nach Paris übersiedelt war, nahm er im streitfreudigen Zirkel der Surrealisten eine Sonderstellung ein. Als einer seiner Hauptvertreter hat er ihn entscheidend geprägt. Im 1924 von André Breton veröffentlichten „Surrealistischen Manifest“ wurden schließlich die Absichten und Ziele dieser neuen künstlerischen Bewegung festgelegt. Künstlerisch und gesellschaftspolitisch sollte der Surrealismus zu einer wegweisenden Bewegung werden. Die unterschiedlichen Haltungen führten innerhalb der Gruppe zu vehementen und mit voller Leidenschaft geführten Debatten. Die erklärten Ziele reichten weit über bloße Provokation hinaus. Sein gesellschaftskritischer Anspruch ließ ihn zu einem der Grundpfeiler der Moderne werden.

Andere Welten

Aus den unbekannten Tiefen, die die Forschung Sigmund Freuds eröffnet hatte, zog auch Max Ernst erheblichen künstlerischen Nutzen. Die Surrealisten wurden damit zu Kartographen des Unbewussten. Dennoch war sein Ansatz kein allgemein programmatischer. Max Ernst entwickelte stattdessen im Rahmen seiner künstlerischen Erforschung des Unbewussten in seinen Collagen-Romanen und seiner Malerei eine individuelle Mythologie. 1929 erschien der erste dieser Romane mit dem Titel „La femme 100 têtes“, 1930 folgte „Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel“ und 1934 „Une semaine de bonté“. Als erklärter Anti-Realist, der er zeitlebens blieb, bildete er nichts ab. Im Zuge seiner künstlerischen Erkundungen erfand der Unermüdliche neue Techniken. Neben der Frottage, einem Durchreibeverfahren, das als künstlerische Technik der Écriture automatique entspricht, entwickelte er die Grattage, bei der übereinanderliegende Bildschichten abgekratzt werden, um die unteren, verdeckten Schichten wieder sichtbar werden zu lassen. Als Entdecker schaffte er Einblicke in fremd anmutende Bereiche, die den Betrachter auch heute noch irritieren. Der Versuch, diese sonderbaren Bildwelten zu ergründen, kann bestenfalls nur auf Umwegen erfolgen, völlig dechiffrieren lassen sie sich ohnehin nicht. Max Ernst hat lebenslang an seinem künstlerischen Mysterium gewoben. Sein Alter Ego, der Vogel Loplop, taucht als Begleiter immer wieder, sei es in Collagen oder in Gemälden, auf. Dieses immer wiederkehrende Motiv lässt sich als Totemtier und damit als eine rituell-magische Verwandlung auffassen.

Das Leben hat, privat wie auch künstlerisch, für Max Ernst unerwartete Wendungen genommen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten galt er als entarteter Künstler und er floh nach seiner Internierung in Frankreich in die USA. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und seiner Rückkehr aus dem Exil hatte der Surrealismus Kraft und Anspruch verloren, sein revolutionärer Geist war zu dieser Zeit bereits gebrochen. Nach 30 Jahren Mitgliedschaft schloss André Breton 1954 Max Ernst aus der Gemeinschaft der Surrealisten aus. Der Grund dafür war der Große Preis für Malerei, der ihm 1954 auf der Biennale in Venedig verliehen wurde. Die große Zeit des Surrealismus war ohnehin vorbei. In Österreich kamen in den 1950er Jahren surrealistische Ansätze im Phantastischen Realismus nochmals kurzzeitig zu einiger Geltung. Max Ernst blieb dem ihm vertrauten Repertoire, seinem über Jahrzehnte angemessenen Koordinatensystem, bis zu seinem Lebensende weiter treu. Die einzelnen künstlerischen Stationen seines Schaffens sind in dieser Retrospektive, einer Kooperation mit der Fondation Beyeler, Schritt für Schritt nachvollziehbar.

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