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Als Arzt war Dr. Zyryan Yones mehrere Jahre mit den Peshmerga unterwegs und erlebte den ersten Giftgasangriff auf die Zivilbevölkerung mit.

In Halabja erinnert eine Gedenkstätte mit Bildern und der Geschichte desAngriffs an die Opfer.

Mit dem damaligen Repräsentanten der kurdischen Regionalregierung in Wien, Dr. Ibrahim Pirot, organisierte Prof. Gerhard Freilinger zahlreiche Patiententransporte von den Kurdengebieten nach Wien und war selbst oft vor Ort.

„Niemand hat das Recht, sein eigenes Volk zu töten“, betonte Bernard Kouchner, Mitbegründer von Médecins sans Frontière und ehemaliger französischer Außenminister.

 
Leben 3. März 2013

Es war Völkermord

Der Giftgasangriff auf die Kurdenstadt Halabja im Nordirak vor 25 Jahren als Symbol.

Schneebedeckt sind die Berge wie damals, die ersten Obstbäume beginnen zu blühen. Man erinnert sich an eine der Gräueltaten, die der irakische Diktator Saddam Hussein im großen Maßstab beging, und hofft, dass die Welt diesmal zuhört. Vor 25 Jahren, als etwa 5.000 Menschen der kurdischen Stadt Halabja im Nordirak nahe der Grenze zum Iran durch Giftgas getötet wurden, blickte vor allem die politische Welt weg. Die von Saddam Hussein proklamierte Anfal-Kampagne sollte die aufmüpfigen Kurden beseitigen und eine „Sicherheitszone“ zum Iran einrichten – mit Auslöschung von Menschen und Lebensraum.

Rache und Vergeltung gegen unerwünschte Allianzen veranlassten Saddam Hussein in den 80er Jahren zum Einsatz chemischer Waffen nicht nur gegen die Soldaten des damaligen Kriegsgegners Iran, sondern auch gegen die kurdische Zivilbevölkerung. Der erste Angriff mit Giftgas auf die eigene Bevölkerung erfolgte bereits am 16. April 1987 abends auf zwei Dörfer im Balisan-Tal. „Zehn Helikopter und vier bis sechs Kampfflugzeuge flogen über die Ortschaften und warfen Bomben ab“, erzählte Dr. Zyryan Yones, der zu jener Zeit als Arzt mit der irakisch-kurdischen Kampftruppe, den Peshmerga, unterwegs war, im Gespräch mit SpringerMedizin in Arbil, in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak: „Aber die Explosion klang nicht wie eine konventionelle Bombe, es war ein dumpfes Geräusch, dichter Rauch in schwarz und weiß und ein eigenartiger Geruch wie nach Knoblauch oder nach faulen Äpfeln verbreitete sich. Dann war Stille.“

Der Arzt und seine sechs Helfer warteten auf Verletzte. Doch niemand kam. Man hoffte daher, der Angriff hätte keine Verletzten gefordert. Einige Stunden später durchbrach jedoch beängstigender Lärm die Stille: Laute Stimmen, Schreien, Weinen stammten von Menschen, die teilweise blind in der Dämmerung auf das Lager zustolperten, die Körperoberfläche von Blasen bedeckt, blutend, verzweifelt. „Es war wie die Hölle“, beschreibt Zyryan: „Wir wussten nicht, was wir tun sollten, wir hatten keine Erfahrung mit chemischen Waffen und auch keine Medikamente.“

In der Folge kamen die irakischen Bodentruppen, um die Zerstörung zu vollenden. Wer nicht flüchten konnte, wurde verschleppt. Tausende Ortschaften wurden zwischen 1987 und 1989 völlig zerstört, insgesamt 182.000 Menschen verschwanden – ermordet oder unbekannten Ortes deportiert – im Laufe dieser Anfal-Operation von Saddam Hussein, für die er später unter anderem angeklagt wurde und in der Dr. Zyryan Yones, der von 2006 bis 2009 Gesundheitsminister und heute gesundheitspolitischer Berater der kurdischen Regionalregierung ist, als Zeuge aussagte. Verurteilt wurde Saddam nicht, da er zuvor wegen eines anderen Massakers hingerichtet wurde.

Irrtümliche Annahme: Brandverletzungen

Die auf den ersten Blick auch mit Brandverletzungen verwechselbaren Hautschäden durch das Giftgas, das aus einem Gemisch von Senfgas, Sarin und Nervengas sowie Zyanid bestand, führten sehr früh zur Konsultation des österreichischen plastischen Chirurgen Prof. Dr. Gerhard Freilinger, einem Pionier in der Kriegschirurgie, von iranischer Seite. Allerdings waren die sichtbaren Hautschäden zu oberflächlich, das tatsächliche Ausmaß der Gewebeschädigungen tiefer liegend und es erfasste alle Organe, die Lunge, die Augen. „Was ich sah“, so Freilinger heute, „hat mich mit Grauen erfüllt.“

Die Ursache war zunächst nicht klar, die herbeigerufenen Toxikologen aus Europa stellten den Befund Giftgas, wobei die Behandlung aufgrund der mangelnden Erfahrung schwierig war. Mehrere Patienten wurden nach Wien zur Behandlung transportiert, immer wieder reiste Freilinger zuerst in den Iran, später in den kurdischen Teil des Irak, um Patienten zu behandeln. Die Spätfolgen der chemischen Substanzen wirken bis heute nach und haben zu einer erhöhten Rate kongenitaler Herzfehlbildungen, Lippen-Gaumenspalten und Leukämiefällen geführt, berichtete Zyryan. Auch die Zahl fötaler Missbildungen soll deutlich erhöht sein.

Forderung nach internationaler Anerkennung als Völkermord

„Die internationale Gemeinschaft war stumm“, sagte der kurdische Premierminister Nechirvan Barzani zum Jahrestag des Massakers am 16. März am Ort des Geschehens in Halabja. Anlässlich der dreitägigen Gedenkveranstaltung unterstrichen kurdische und internationale Politiker sowie Menschenrechtsexperten das Bestreben, die Vernichtungsaktionen gegen die kurdische Bevölkerung als Völkermord international anzuerkennen. Die neue irakische Regierung selbst hat dies bereits getan, ebenso Schweden, die Niederlande, Norwegen und Großbritannien. „Niemand hat das Recht, sein eigenes Volk zu töten“, betonte auch der ehemalige französische Außenminister und Mitbegründer von Médecins sans Frontières, Bernard Kouchner und verwies damit auch auf die aktuelle Lage in Syrien. Die Zukunft für die Kurden soll jedenfalls Gerechtigkeit, Hoffnung und Frieden sein und nicht Rache und Verbitterung.

V. Kienast, Ärzte Woche 14/2013

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