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© Wien Museum/Peter Kainz (5)
Christbaumschmuck in Form einer Litfaßsäule, um 1910, Grafikdesign: Büronardin, 7 x 3,4 cm

Glückwunschkarte mit Zug- und Hebelmechanismus, 1815 oder 1820, 9 x 7 cm

„Wiennerische Finger-Calenderl.Auf das Jahr 1756“, 1756, 7 x 2,5 cm

Reisenecessaire, 8-teilig, 1865, Höhe 7 cm

Zappler (Miniatur-Standuhr), um 1830, Herstellung:Johann Rettich, Wien, Höhe 2,9 cm (ohne Sockel)

 
Leben 25. März 2013

Klein aber oho!

„Unter 10“ ist der Titel einer Ausstellung im Wien Museum. Kleine Objekte aus den eigenen Sammlungsbeständen kommen hier besonders zur Geltung.

Maximal zehn, in Zentimetern gemessen, ist das Maß aller Dinge: Keines der ausgestellten Exponate ist nämlich größer. Das verleiht dieser äußerst inspirierenden Ausstellung ihre besondere Note.

Selten verläuft der Rundgang durch eine Ausstellung so kurzweilig und zugleich informativ wie im vorliegenden Fall. Mit Erstaunen entdeckt man dabei allerlei Kurioses. Mithilfe der Leih-Lupe kann man die filigranen, oftmals künstlerisch anspruchsvoll gestalteten Exponate ganz genau betrachten. Viele dieser kleinen Dinge haben neben ihrem individuellen einen kulturhistorisch-musealen Wert. Um dies zu demonstrieren, wurden durch Wolfgang Kos, Direktor des Hauses am Karlsplatz, mit Unterstützung der Kuratoren des Wien Museums die Bestände auf das Sorgfältigste durchforstet. Und das nur zu einem Zweck: nämlich das, was klein ist, groß herauszustellen. So ist aus einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Gegenstände dieses eindrucksvolle Panoptikum entstanden. Dabei steht nicht unbedingt der materielle Wert im Vordergrund. Denn wertvoll kann etwas aus den unterschiedlichsten Gründen sein. Ein Andenken, ein Fundstück, das zum Talisman wird, die Locke der Geliebten, ein Miniaturbildnis, vielleicht auch eine Fotografie, die Ballspende als Erinnerung an eine durchtanzte Nacht hat oft einen sentimentalen Wert. Erst die persönliche Wertschätzung lässt solche Gegenstände zu etwas Besonderem werden.

Die Ordnung der Dinge

Die Anzahl der Exponate ist imposant, die thematische Zusammenstellung übersichtlich gestaltet. Wobei sich die Frage nach der Vollständigkeit in diesem Fall gar nicht stellt. Manche dieser Miniatur-Objekte sind sehr kostbar und zeugen, wie etwa die „Wiener Zappler“, von höchster uhrmacherischer Handwerkskunst. Aber auch Papierarbeiten wie etwa die Scherenschnitte oder die liebevoll gestalteten Grußkarten erforderten Geduld und eine ruhige Hand. Kleine Objekte verraten zudem über vergangene Epochen oft mehr als die großen, repräsentativen. Denkmäler werden gestürzt, kleinformatige Parteiabzeichen hingegen verschwinden ohne großes Getöse vom Revers und landen im hintersten Winkel einer Schublade. Dort kommen oftmals ganz unterschiedliche kleine Gegenstände zusammen, kulturelles Treibgut, das kaum beachtet und dadurch erhalten bleibt. So fielen etwa Münzen durch Bodenritzen ins Verborgene bis sie, wie anlässlich einer Kirchenrestaurierung im Salzburger Land, unter den Bodenbrettern des Chorgestühls wieder zum Vorschein kamen. Die wiedergefundenen Münzen stammen aus unterschiedlichen Jahren des 19. Jahrhunderts. Auch die eine oder andere mittlerweile historische Fahrkarte ist unter den Fundstücken. Dass man sich beim Betrachten der Ausstellungsstücke an eigene Erlebnisse erinnert, ist eine der besonderen Qualitäten dieser Ausstellung.

Praktisch unter Zehn

Aber nicht nur das kommt in dieser Ausstellung zum Ausdruck. Der praktische Nutzen, den kleine Dinge haben, ist gleichermaßen wichtig. Da wären etwa Knöpfe, deren Nützlichkeit ganz außer Zweifel steht, schön anzusehen sind sie außerdem. Wer würde unterwegs auf ein Reisenecessaire verzichten wollen? Die Taschenlupe ist gleichfalls hilfreich, Sicherheitsnadeln ohnehin unentbehrlich. Und wer reist schon gerne ohne Würfel? Die sollte man doch immer dabei haben. Genauso wie einen Taschenkalender oder ein Notizbuch im Kleinformat. Das ist vor allem dann vorteilhaft, wenn man viele Dinge mit sich herumträgt. Bei der Beschäftigung mit kleinen Dingen beginnt man doch unweigerlich, abzuschweifen. Denn jeder dieser kleinen Gegenstände ist imstande, ein Fenster in die Welt der Imagination zu öffnen. So erinnert man sich wieder an die Schulzeit und die während des Unterrichts ausgetauschten kleinformatigen Spickzettel. Ob die aber erhaltenswert wären, bleibt fraglich.

Klein und edel

Kleine, feine Dinge haben hingegen wie beispielsweise ein Ring einer bekannten Persönlichkeit zweifellos ihre Bedeutung. Mit dem Siegelring Friedrich Schillers aus dem Besitz Franz Grillparzers mag für manchen sogar eine gewisse besondere Faszination verbunden sein. Ein Blatt vom Grab des Schauspielers Karl August Devrient oder ein Splitter des Sarges Ludwig van Beethovens und Franz Schuberts sind hingegen eher makabre Andenken an die beiden berühmten Komponisten. Das Andenken an künstlerische Größe und Erhabenheit mithilfe solcher Erinnerungsstücke wach zuhalten, mag fallweise gelingen. Sie sind und bleiben dennoch Souvenirs.

Wahre Größe im Kleinen zu entdecken, darin liegt die Kunst. Was man leicht in einer Hand verbergen kann, fasziniert. Bewahrt man es nicht sorgsam, so geht es nur allzu leicht verloren. Darum sollte man eben auch den kleinen Dingen Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken. Ob kunstvoll gestaltet, alltäglich oder kurios: Alle diese Gegenstände halten Erinnerungen wach und vermitteln Emotionen. Beides ist mit dem persönlichen Blick auf die Welt, im Großen wie im Kleinen, verbunden. Oder wie Gaston Bachelard, Naturwissenschaftler und Philosoph in der „Poetik des Raumes“ so treffend bemerkte: „Mag ein Dichter die Welt durchs Mikroskop oder durchs Fernrohr betrachten, er sieht immer dasselbe.“

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