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Starstecher mit Instrumenten; Nach achtjähriger Ausbildung legte Eisenbarth mit einer erfolgreich durchgeführten Staroperation seine Gesellenprüfung ab. Er erfand auch eine Nadel für den Starstich.
© Wolfgang Regal (4)

Johann Andreas Eisenbarth (1663-1727) war kein studierter Mediziner, aber ein privilegierter Wundarzt.

Sondermarke und Stempel zu Ehren von Johann Andreas Eisenbarth; Eisenbarth reiste mit seiner riesigen Wanderpraxis auf Marktplätzen, wo er sich pompös-barock inszenierte und Eingriffe durchführte.

 
Leben 25. März 2013

Wander-, Wund- und Wunderarzt

Am 27. März jährt sich der 350. Geburtstag des „Doktor Eisenbarth“. Eisenbarth war nicht nur ein begnadeter Chirurg, sondern auch ein Genie der Selbstdarstellung, Werbung und Psychologie.

Berühmt, ja berüchtigt machte ihn das Spottlied „Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier die Leut’ nach meiner Art ...“. Durch diese, auch heute noch wohlbekannten Verse wurde sein Name quasi zum Sinnbild des Quacksalbers und Marktschreiers mit brutalen, im wahrsten Sinn des Wortes „todsicheren“ Behandlungsmethoden. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hielt niemand diesen „Doktor Eisenbarth“ für eine real existierende Person. Bekannt war er aus dem Studentenlied und galt eigentlich nur als sagenhafte, dichterisch überzeichnete Figur des geldgierigen Kurpfuschers. Aber der Wundarzt Johann Andreas Eisenbarth (1663–1727) – approbierter Doktor war er nie – lebte tatsächlich. Und heute weiß man, er war anders als sein Ruf.

Im Sommer 1837 suchte ein Familienforscher auf dem Hannoversch Mündener Friedhof nach der Grabstelle eines seiner Ahnen. Dabei entdeckte er einen von Efeu überwachsenen und mit Moos bedeckten Grabstein mit einer Inschrift für den „weltberühmten … Joh. Andreas. Eisenbart ... priviligirter Landarzt wie auch Königl. Preussischer Rath und Hofocoliste ...“. Ein sensationeller Fund, der auch sofort die Medizinhistoriker alarmierte. Tatsächlich fanden sich bald Belege und Zeugnisse für das Leben und Wirken des im Spottlied offensichtlich bösartig verleumdeten Wanderarztes.

Erreichte ein „Privilegium“ für seine Tätigkeit als Chirurg

Getauft wurde Eisenbarth, der Sohn eines Bruch- und Steinschneiders gemäß der Abschrift seines Taufscheines „anno 1663 (das Geburtsjahr 1661 am Grabstein ist vermutlich falsch) im Monath Martij des 27. nach Christl. Cathol. Brauch“ in Oberviechtach in der Pfalz. Die Wundarzneikunde erlernte er bei seinem Schwager in Bamberg. Nach achtjähriger Ausbildung legte Eisenbarth seine Gesellenprüfung, eine Staroperation an einem etwa fünfzigjährigen Mann, mit Erfolg ab. Zu diesem Zeitpunkt war er etwa 20 Jahre alt. Ende 1685 begab er sich wie alle Handwerksburschen dieser Zeit auf Wanderschaft. In Altenburg, etwa 200 Kilometer von Bamberg entfernt, ließ er sich für längere Zeit nieder und heilte hier – Eisenbarth war mittlerweile ein geschickter und schneller Operateur geworden – zahlreiche Patienten. Da er, wie er bescheiden von sich verkündete „der beste und fähigste Wundarzt“ sei und die Patienten vor den „quacksalbernden, unwissenden und großsprecherischen Wanderärzten“ geschützt werden müssten, ersuchte er Herzog Friedrich I. um das Privileg seine Tätigkeit als Wundarzt im gesamten Fürstentum ausüben zu dürfen. Geschickt bot er an, „die armen umbsonst zu curiren“. Nach einer strengen Prüfung wurde ihm bestätigt, dass er „in Augenkuren wie auch als Bein-, Krebs- und Bruchschneider erfahren sei“ und Friedrich von Sachsen Gotha Altenburg erteilte ihm am 26. August 1686 ein „Privilegium“ für das gesamte Herzogtum. Jetzt konnte Eisenbarth auf allen Jahr- und Wochenmärkten seine chirurgische Tätigkeit ausüben und auch selbst gefertigte Arzneimittel und Salben verkaufen. Untersagt war ihm allerdings, die angestammten Rechte der ortsansässigen Ärzte, Apotheker, Bader und Barbiere zu verletzen. Die soziale Stellung der fahrenden Wundärzte lag zwischen den studierten Ärzten, für die es ja unter ihrer Würde war, ein Skalpell auch nur zu berühren, und den niedergelassenen Badern und Barbieren. Für die meisten Patienten gab es aber ohnehin keine wirkliche Alternative zu den Wundärzten oder Badern. Kostete doch um 1725 der Hausbesuch eines studierten Mediziners einen Thaler, das war etwas mehr als der Monatslohn einer Köchin, oder acht Wochenlöhne eines Kindermädchens.

Erfolgreiche Eingriffe

Nach zahlreichen erfolgreichen Eingriffen, bei denen Eisenbarth überaus geschickt Hernien, Blasensteine, den grauen Star und Hasenscharten operierte, verbreitete sich schnell landesweit sein guter Ruf als „Schnitt- und Wundarzt“. Eisenbarth erfand auch eine Nadel für den Starstich und einen Haken zum Entfernen von Nasenpolypen. Auch soll er seine Instrumente vor dem Eingriff durch eine Flamme gezogen haben. Anders als viele seiner „Kollegen“ zog er auch nicht sofort nach der Operation weiter, um Komplikationen und Problemen aus dem Weg zu gehen, sondern blieb in der Stadt, um seine Patienten manchmal sogar bis zur vollständigen Heilung zu behandeln. Bald wurde aus dem erfolgreichen Wanderarzt ein „Wunderarzt“, beliebt bei Patienten und überhäuft mit Ehrungen und Privilegien von Königen und Fürsten.

Seine riesige Wanderpraxis, die ihn vorwiegend durch das nördliche Deutschland führte, machte den „Okulisten, Schnitt- und Wundarzt“ steinreich. Seine Auftritte auf den Marktplätzen waren pompös-barock und eindrucksvoll. Eisenbarth war nicht nur ein begnadeter Chirurg, sondern auch ein Genie der Selbstdarstellung, Werbung und Psychologie. Schon vor seinem Eintreffen schickte er seine Gehilfen mit Flugblättern und Plakaten, in denen er marktschreierisch seine sensationellen Erfolge auflistete, in die Städte. Einige Tage später zog er dann spektakulär mit seinem Tross, in seinen besten Zeiten sollen es an die 120 Personen gewesen sein, in die Stadt ein. Seine Gehilfen errichteten eine Bühne und dahinter sein Behandlungszelt, Handlanger in scharlachroten Uniformen verteilten „Reclamezettel und Bildchen“, Schauspieler führten lustige Sketches auf, Artisten brillierten mit akrobatischen Sprüngen und Purzelbäumen, ein Harlekin trieb seine groben Späße und eine „Musikbande“ mit lauten Trommeln und Fanfaren vervollständigte das Spektakel. Hatten die Darbietungen auf der Bühne genug Zuschauer angezogen, trat „er“ persönlich auf. Bekleidet mit Uniform, Perücke, Dreispitz und scharlachrotem Umhang betrat er die Bühne und stellte sich seinem Publikum vor mit den Worten: „Ich bin der berühmte Eisenbarth!“. Er kündigte an, die ersten Patienten gratis zu behandeln und begann dann, Patient um Patient im Zelt hinter der Bühne zu operieren.

Die laute Musik und das ohrenbetäubende Spektakel am Podium sollten zum einen die Patienten ablenken und zum anderen ihre Schmerzensschreie übertönen, um die Wartenden nicht zu vertreiben. Eisenbarth war eben auch Psychologe. Er operierte zwar rasch und versuchte, möglichst wenig Schmerzen zu bereiten, aber ohne taugliche Betäubungsmöglichkeit war damals die Chirurgie – nicht nur bei Eisenbarth – ein brutales Geschäft und der Chirurg musste „unbeirrt von den markerschütternden Schreien seiner Patienten zielstrebig mit ruhiger Hand seine Arbeit verrichten“.

Wohn- und Brauhaus als Arzneimittelfabrik

Im Jahr 1704 ließ sich Eisenbarth mit seiner Familie und zahlreichen Angestellten schließlich in Magdeburg nieder. Hier erwarb er das riesige Wohn- und Brauhaus „Zum güldnen Apfel“ mit Pferdeställen, einem Laborgebäude mit Destillieranlage, Braugeräten und der Wohnmöglichkeit für sein gesamtes Gefolge. Hier stellte er seinen balsamischen „Haupt-, Augen- und Gedächnis-Spiritus“, seinen berühmten, bei fast allen Beschwerden helfenden „Lebensbalsam“ – die Rezeptur erinnert an den noch heute gerne verwendeten Melissengeist –, seine Salben und alle anderen Medikamente her, die sich auf den Märkten gut verkauften. Eisenbarths Arzneimittelfabrik „Zum güldnen Apfel“ war vermutlich die erste pharmazeutische Fabrik Deutschlands.

„Er war anders als sein Ruf“

Das Spottlied auf den „Doktor Eisenbarth“ entstand aber erst lange nach seinem Tod, vermutlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dafür spricht, dass die Anspielung auf die Kuhpockenimpfung im Lied erst 1796 von Edward Jenner (1749–1823) eingeführt wurde, zu Lebzeiten Eisenbarths gab es ja noch keine Impfungen. Der unbekannte Verfasser dürfte die Verse nach einem Besuch von Eisenbarths Sterbezimmer in Münden geschrieben haben. Hier starb der in seinen letzten Jahren von wirtschaftlichen und persönlichen Schwierigkeiten gezeichnete Wundarzt am 11. November 1727. Trotz seines meist prahlerischen Auftretens war er kein Kurpfuscher. Als Chirurg und Wundarzt war er tatsächlich ein Könner. Lorenz Heister (1683–1758), den Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie faszinierte er bereits als Knabe. Eisenbarth animierte ihn zunächst Wundarzt zu werden und erst dann Medizin zu studieren. Völlig zu Recht steht daher unter der Holzstatue an seinem Sterbehaus in Hannoversch Münden heute die Inschrift: „Er war anders als sein Ruf.“

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 13/2013

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