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Mit Fingerspitzengefühl bei der Sache: Ein Doppelzappler aus der Zeit um 1850.

Uhrmachermeisterin Therese Wibmer umgeben von wertvollen Wand- und Tischuhren – jedes ist ein Unikat.

Höchste Konzentration ist bei der Revision eines Uhrwerks unerlässlich.

© Therese Wibmer (4)

Therese Wibmer am Uhrmachertisch bei der Arbeit.

 
Leben 16. März 2013

Keine Angst vor großen Uhren

Als Frau in einer Männer-Domäne ist Therese Wibmer Uhrmacherin und noch dazu Spezialistin für Großuhren.

Für die Tochter von Peter Wibmer, Uhrmachermeister und früherer Präsident der AHCI – Akademie selbständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher –, gehört der Umgang mit tickenden Kunstwerken zum Alltag.

Therese Wibmer weiß, wie es läuft, und wenn nicht, auch warum. Dann stimmt etwas nicht im Räderwerk, an den Uhrwerkstrieben oder dem Schlagwerk. In solch einem Fall ist sie mitten in ihrem feinmechanischen Element. Zur Uhrmacherei kam sie allerdings eher ungeplant, denn das war zunächst nicht ihr erklärter Berufswunsch. Obwohl der natürlich durch ihren Vater in gewisser Weise nahe lag. Ein grundsätzliches Interesse an Mechanik gab es jedoch bereits noch vor der Uhrmacherlehre. Da wurde an rollendem Kulturgut, einer 125er-Puch, geschraubt. Dies mit erheblichem Erfolg, denn bald schon fuhr die Wahl-Waldviertlerin recht flott mit dem Zweirad durch die Gegend. Aus der Art geschlagen ist sie schlussendlich doch nicht, denn aus Mechanik wurde Feinmechanik. Auch ihren beiden Brüdern lag die Uhrmacherei zunächst nicht sonderlich nahe. Der jüngere der beiden, Emil, ist dennoch Uhrmacher geworden. Er arbeitete bei AHCI-Mitglied Soeren Andersen in Dänemark, der auch die Uhren des dänischen Königshauses betreut. Mittlerweile nach Österreich zurückgekehrt, ist er als Uhrmacher in Wien tätig.

Schwere Lehre

Die Lehrzeit in der väterlichen Werkstatt war, nach Therese Wibmers eigenen Worten, nicht einfach. Auf besondere Nachsicht konnte sie bei ihrem Vater nicht rechnen. Manche Arbeitsschritte mussten mehrere Male wiederholt werden, bis er zufrieden war. Vor fast zwanzig Jahren hat Therese Wibmer ihre Lehre abgeschlossen. Bei Uhrmachermeister Hans Mikl in Wien konnte sie an Taschen- und Armbanduhren ihre in der Lehrzeit erworbenen Kenntnisse praktisch vertiefen. Schon damals kristallisierte sich die Liebe zu den Großuhren heraus. Während eines Auslandsjahres auf den Bermudas ließen sich auch dort weitere Erfahrungen auf dem Gebiet der Uhrmacherei sammeln. Wieder waren es Großuhren, doch diesmal die seltene Spezies der mechanischen Schiffschronometer. Aber da Österreichs Glanzzeit als Seemacht doch weit zurückliegt, findet man solche nautischen Zeitmesser, die zur Navigation dienen, hierzulande eher selten.

Zurück in Wien

Nachdem eine Stelle im Verkauf bei einem Juwelier oder Uhrmacher nicht infrage kam, machte sich Uhrmachermeisterin Therese Wibmer mit 22 Jahren selbstständig. Kein leichter Entschluss, aber einer, den sie seither nicht bereut hat. Auch die Frage, warum es denn nun Großuhren und nicht Armbanduhren sind, wird ohne zu zögern beantwortet: „Es hat mich immer gestört, dass es bei Armbanduhren so schwierig ist, Teile zu bekommen. Bei Großuhren ist das anders, denn da kann man fehlende Teile verhältnismäßig leicht nachfertigen.“ Vorausgesetzt man hat dies nicht nur gelernt, sondern beherrscht auch sein Metier.

Besonders Kamin- oder Standuhren aus der Barockzeit mit ihrer robusten Ausführung und den Spindelhemmungen haben es ihr angetan. Manche dieser Uhren sind durchaus komplex. Uhrmacherische Komplikationen verlangen einem beim Service oder einer anstehenden Reparatur schon einiges an Kenntnis und Erfahrung ab. Schließlich handelt es sich dabei in den meisten Fällen um wahre Kostbarkeiten, also um tickendes Kulturgut. Und Therese Wibmer trägt dazu bei, dass es weiter tickt und schlägt. Wenn man bedenkt, dass nach einer vorsichtigen Schätzung von Peter Wibmer etwa 30.000 Großuhren österreichweit existieren, ein Großteil davon aus dem 18. und 19. Jahrhundert, so haben nicht nur Therese Wibmer und ihr Mitarbeiter Helmut Embacher auf Jahre hinaus alle Hände voll zu tun.

Richtig ticken

Pro Jahr werden im eigenen Uhrenatelier nämlich doch etwa 300 Uhren serviciert. Dazu kommt, nach eingehender Revision und nötigenfalls einer Reparatur auch die zeitintensive Lieferung und Aufstellung der Uhren hinzu. Vergleichbar ist das etwa mit einem Klavier, das nach einem Transport neu gestimmt werden muss. Zwar sind die Uhren nicht unbedingt schwer, aber beispielsweise kann das Schlagwerk nur dann eingestellt werden, wenn die Uhr sich wieder an Ort und Stelle befindet. Bei Standuhren wird nur das Werk ausgebaut und nach der Reinigung und mechanischen Überholung samt notwendiger Gangkontrolle wieder in den Uhrkasten eingebaut. Da muss zumindest keine kräfteraubende Schwerarbeit geleistet werden. Alleine, das ist sicher, ließe sich die tägliche Servicearbeit im eigenen Uhrenatelier aber keinesfalls bewältigen.

Bedauerlich findet Therese Wibmer, dass nur wenige der Frauen, die als Uhrmacherinnen in der derzeit einzigen Uhrmacherschule Österreichs, in Karlstein, unweit der tschechischen Grenze ausgebildet werden, auch als solche arbeiten. Viele gehen in den Verkauf oder üben den erlernten Beruf nicht aus. Fände sie eine geeignete Uhrmacherin, so würde sie diese auch beschäftigen, vorausgesetzt sie erfüllt die Ansprüche, die auch die Chefin an sich selbst stellt. Und was ist mit Therese Wibmers eigener Tochter Marlene? Wird sie vielleicht doch die Uhrmacher-Tradition im Hause Wibmer fortsetzen? Ihre Mutter ist sich da nicht so sicher, obwohl sie der 10-Jährigen diesen Beruf schon sehr ans Herz gelegt hat. Derzeit allerdings mit wenig Erfolg. Aber was nicht ist, das kann schließlich noch werden.

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