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Leben 5. März 2013

Here comes the sun

NebenWirkungen

Die Frühlingssonne bahnt sich ihren Weg in unsere Körper und ins Gemüt. Manche bekommen das aber gar nicht mit.

Laut Statistik war dieser Winter der trübste seit Langem, die Wolken hingen tief in den Tälern und man musste schon ein gehöriges Stück Richtung Himmel steigen, um ihn zu sehen. Nicht einmal die Höhe der Chefetagen reichte aus, um ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen, geschweige denn die Niederungen, in denen die normalsterblichen Angestellten tagtäglich hocken.

Den meisten ist dieser wettermäßige Ausnahmezustand wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, da sie zwischen Oktober und März ohnehin keinen Fuß vor die Tür gesetzt haben. Manchen fällt sogar ein schöner Sommer nicht auf, da sie zwischen Oktober und Oktober die Innenräumlichkeiten nicht verlassen.

Nun bemerken aber all die Lebewesen der geschlossenen Räume, dass sie irgendwie gut gelaunt, energiegeladener und auch ein bisschen spitz sind. Frühjahrsmüdigkeit hin oder her, aber die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg über Augen und Zirbeldrüse ins Hirn und sorgen dort für gute Laune. Selbst, wenn man nur kurz einmal außer Haus geht, um die Zeitung zu kaufen, findet man sogar erotischen Gefallen an der Schlagzeile „Benzinpreiserhöhung durch Anpassung der Mineralölsteuer“.

Manche kommen jedoch nicht einmal zum Zeitung holen ins Freie. Wenn die rheumafördernde Luftströmung aus der Klimaanlage dem natürlichen Wind vorgezogen wird, so kann dies entweder einer priva-ten Bequemlichkeit oder den beruflichen Rahmenbedingungen entspringen. Etwa bei der Profession Arzt: Abgesehen von Landärzten, die über Stock und Stein zu ihren Schäfchen auf den Bergbauernhöfen klettern, Alpinmedizinern, die sich abseilen, um verirrte Schäfchen zu bergen, oder Tierärzte, die nicht nur im übertragenen Sinn ihre Schäfchen auf der Weide behandeln, kommt ein Mediziner nur selten ans Tageslicht. Vom Dienst in den endlosen fensterlosen Spitalskorridoren geht es direkt in die Tiefgarage, der restliche Tag wird im Auto, in der Ordination und in der Oper verbracht. Zum Glück gibt es den Wetterbericht im Radio, dem man dann entnehmen kann, wie es sich draußen so anfühlt, wenn man nur draußen wäre. Das reicht jedoch aus, um sich in der Pause von La Traviata über das wunderbare Frühlingswetter zu unterhalten.

Vielleicht spielen deshalb mehr Ärzte Golf als Gärtner. Damit sie doch auch einmal mitbekommen, dass es auch außerhalb des medizinischen Systems ein Klima gibt.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 10/2013

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