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Leben 25. Februar 2013

Unsoziale Fische durch Arzneimittel

Eine unfreiwillige Medikation aufgrund von Arzneimittelrückständen in Gewässern lässt Fische mutiger und gieriger werden.

Beruhigungsmittel, die durch das Abwasser in Gewässer gelangen, führen zu furchtlosen und unsozialen Fischen, die schneller als normal essen. Diese Veränderungen im Verhalten können schwerwiegende ökologische Folgen haben. Das zeigen Forscher der Universität Umeå, Schweden, in der Fachzeitschrift Science.

Viele Medikamente werden vom Körper unverarbeitet ausgeschieden, und ihre Rückstände gelangen dann ins Abwasser. In Gewässern stromabwärts von Kläranlagen werden oft niedrige Konzentrationen von Medikamenten nachgewiesen. Das Wissen über Auswirkungen von Medikamenten auf die Umwelt ist allerdings begrenzt. Nun haben zum ersten Mal Wissenschaftler zeigen können, wie unfreiwillige Medikation das Verhalten von Fischen beeinflusst.

Forscher der Universität Umeå haben untersucht, wie Flussbarsche sich verhalten, wenn sie dem Beruhigungsmittel Oxazepam ausgesetzt werden. Die Verhaltensveränderungen waren deutlich bei Wirkstoffkonzentrationen, wie sie in Gewässern in dicht besiedelten Gebieten Schwedens zu finden sind. „Normalerweise sind Flussbarsche scheu und jagen im Schwarm. Dies ist eine bekannte Strategie für Überleben und Wachstum. Aber diejenigen Fische, die in Oxazepam-haltigem Wasser schwammen, wurden deutlich kühner“, sagt der Ökologe Tomas Brodin. Das Medikament ließ die Fische mutiger und weniger sozial werden. Dies bedeutet, dass sie den Schwarm verließen, um alleine nach Futter zu suchen. Ein Verhalten, das riskant sein kann, da die Schwarmbildung einen wichtigen Schutz gegen Angriffe von Raubfischen darstellt. Zudem aßen die Fische auch schneller. Da Fische in vielen aquatischen Ökosystemen eine wichtige Funktion erfüllen, können Änderungen in ihrem Nahrungsverhalten das ökologische Gleichgewicht ernsthaft stören. „In Gewässern, in denen die Fische beginnen, effizienter zu essen, kann z. B. die Artenzusammensetzung beeinträchtigt werden, und letztlich zu unerwarteten Effekten wie erhöhter Algenblüte führen“, so Brodin.

Rückstände von weiteren Medikamenten mit einer ähnlichen Wirkung wie Oxazepam finden sich weltweit im Oberflächenwasser flussabwärts von Kläranlagen. Zudem wird vorausgesagt, dass der Medikamentengebrauch steigen wird. Dies bedeutet, dass die bisher unbekannten Veränderungen im Verhalten von Fischen, mit ökologischen Konsequenzen als Folge, ein globales Phänomen sein können. „Die Lösung ist nicht, kranke Menschen nicht mehr mit Medikamenten zu behandeln, sondern Kläranlagen zu entwickeln, die umweltschädliche Medikamente aus dem Wasser herausfiltern“, sagt der Umweltchemiker Jerker Fick. Umfassendere Studien sind aber noch erforderlich, bevor weitreichende Schlüsse gezogen werden können.

Bilder und Filmclips unter https://umu.box.com/s/2qoud85516uy01fc7c9x/1/631040055

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

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