zur Navigation zum Inhalt
© F. Wagner
Nie grüner das Gras
© F. Wagner

Liverpool Alice

 
Leben 25. Februar 2013

Friederike Wagner

Von John Tenniel bis Max Ernst und zurück.

Am 8. März wird die Ausstellung „Leb wohl, Vernunft“ mit Bildern von Friederike Wagner im Kunstraum Dr. David von Prof. Dr. Max Friedrich eröffnet.

Max Ernst sah nach dem Wüten des Ersten Weltkriegs durch das, was in der Politik und auf den Schlachtfeldern geschah, das Versagen der Vernunft, die daher infrage zu stellen wäre. Dies inspirierte ihn zur Entwicklung des Dadaismus, einer Kunst- und Lebensform, in der sich aus der zufälligen Ansammlung von anscheinenden Unsinnigkeiten wieder Sinnhaftigkeit ergibt.

John Tenniel begleitete in seiner Bildhaftigkeit Alice nicht nur durch das Wunderland, sondern sogar hinter den Spiegel, wo sich ihr Erkenntnisse erschließen, die mit dem geradlinigen Blick in den Spiegel nicht zu erkennen und sogar mit den Naturgesetzen, die gerade in der Zeit des Erwachens der Wissenschaften besonders zur Erklärung von Weltbildern herangezogen wurden, nicht erschlossen werden konnten.

Friederike Wagner bewegt sich zwischen diesen beiden Darstellungs- und Welterklärungspolen. Weder versucht sie – so wie Tenniel und Lewis Carroll – den Sinn im Unsinn zu finden, noch ist es ihr Bestreben, wie Ernst aus dem Unsinn neuen Sinn zu formen.

Trotzdem verwenden alle drei ähnliche Stilelemente: den Wald, in dem sich manches verbirgt und ihn doch erst lebendig macht; die Verdeutlichung von Verhältnissen durch die Darstellung in nicht realitätskonformen Größenverhältnissen; die Verschränkung von Vordergrund und Hintergrund.

Nachdem wir erkennen müssen, dass die heutige Welt mit Vernunft nicht mehr zu erklären ist, weil alle Regelwerke, die der Vereinfachung und leichteren Umsetzung dienen, zu lebensfernen Einschachtelungen und Erstarrungen führen, scheinen paradoxe Lösungsversuche zumindest denkbar. Und die Paradoxie der Inkompatibilitäten springt überall ins Auge: die Magie der Zahlen, die alles Messbare realistisch abzubilden vorgeben, scheitert an der Komplexität des Finanzwesens; die Bürgerbeteiligung verkommt zur Faschingsgaudi, und die arabischen und sonstigen Frühlinge pervertieren zu Ausbrüchen von lange bewältigt geglaubten Gewaltpotenzialen; die genau kalkulierten Zeitpläne des Fischsterbens, der „Überalterung“ mit entsprechenden Betreuungsmängeln, die Verrohung durch Verwaltung laufen vor unseren sehenden Augen ab wie griechische Tragödien.

Lösung der Dilemmata

Wagner zeigt in ihren neuen Bildern, wie diese Dilemmata gelöst werden können: mit einem „trotzdem“, das auch aus der verwirrendsten Situation noch einen Ausweg finden lässt. Die Frage nach dem „warum“ stellen sich bei allen drei Kunstschaffenden nicht, aber dafür wird die Frage „was jetzt“ immer wichtiger.

Der Begriff „Vernunft“ als Fähigkeit des menschlichen Denkens aus den im Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfassten Sachverhalten universelle Zusammenhänge in der Welt durch Schlussfolgerung herzustellen, deren Bedeutung zu erkennen, Regeln und Prinzipien aufzustellen und danach zu handeln hat sich in einer Zeit massenmedial manipulierter Eindrücke gegenüber den „Sachzwängen“ leider nicht durchsetzen können. Ein Phänomen, das man auch aus dem Bereich der Medizin gut kennt: konsequent ignorierter Mangel an Kinder- und Jugendpsychiaterinnen; konsequente Vernachlässigung der Bedürfnisse von Suchtkranken in Bezug auf Langzeitbetreuung ihrer chronischen Erkrankung: konsequente Nicht-Einbeziehung der Ärzteschaft in Planungs- und Versorgungsentscheidungen etc.

So wie Alice zwar immer noch Fragen stellt, aber trotzdem auch eigene Wege findet oder sich einfach mittreiben lässt; so wie die seltsamen Gestalten von Max Ernst versuchen, sich nicht in Gegensatz zu ihrer Umgebung zu setzen, sondern sich zu integrieren und von innen mitzugestalten und so, wie die Figuren bei Friederike Wagner Beziehung aufnehmen, zueinander untereinander und mit den Betrachtern, so kann Überleben in einer so unsicheren und an Täuschungen reichen Welt gelingen: Nicht den irritierenden und irreleitenden Wegen der gängigen Vernunft – also den Sachzwängen – folgend, sondern: trotzdem!

Ausstellung

Die Ausstellung im Kunstraum Dr. David in 1130, Jagdschloßgasse 6 wird am 8. März 2013 um 18 Uhr eröffnet und ist in der Folge donnerstags von 17 bis 19 Uhr zugänglich.

H. P. David, Ärzte Woche 9/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben