zur Navigation zum Inhalt
© W. Regal
Aus Obduktionen war lange bekannt, dass sich pathologische Veränderungen im Gehirn theoretisch mit dem Messer entfernen lassen könnten. Doch erst 1884 wurden die ersten Operationen am lebenden Menschen gewagt.
© Historisch

Victor Horsley (1857–1916) – als egozentrischer und aggressiver Chirurg bekannt – führte die erste Rückenmarksoperation durch.

© Historisch

Der englische Chirurg Rickman Godlee (1849–1925) gilt in der Literatur als Erster weltweit, der eine Gehirnoperation an einem lebenden Menschen durchführte.

© Historisch

Harvey Cushing (1869–1939) brachte die Neurochirurgie nach Amerika.

 
Leben 25. Februar 2013

Pioniere der Neurochirurgie

Im Jahr 1884 wurden die ersten Gehirnoperationen durchgeführt.

Herz und Gehirn, dies waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die beiden Organe, an die sich selbst die tollkühnsten Operateure nicht heranwagten. Allein die Berührung des schlagenden Herzens, dachten sie, würde einen sofortigen Herzstillstand auslösen und sie schlagartig vom Chirurgen zum Obduzenten machen. Die Scheu vor Eingriffen am Mysterium Gehirn war noch viel, viel größer und auch anders gelagert.

Natürlich war aus Leichenöffnungen schon lange bekannt, dass es im Gehirn Tumore, Abszesse, Zysten, Narben und Hämatome gab, die sich geradezu anboten mit dem Messer entfernt zu werden. Aber durfte dieses zarte, verletzliche Organ, das Zentrum allen Fühlens und Denkens, vielleicht sogar der Sitz der Seele ungestraft mit so groben Instrumenten wie die des Chirurgen behandelt werden? Könnte damit nicht noch größerer Schaden angerichtet werden? Schon der berühmte Wiener Anatom Joseph Hyrtl (1810–1894) klagte: „Unsere allerfeinsten Werkzeuge verhalten sich zum Bau des Gehirns wie Zimmermannsäxte zu einem Spinngewebe.“ Das war aber nur ein Aspekt des Problems. Ein anderer war die Lokalisation des Übels im Gehirn. Die Neurologen waren damals gerade dabei, aus Obduktionen, aber vor allem mit grausamen Tierversuchen eine Landkarte des Gehirns zu erstellen. Tatsächlich mussten in diesen Zeiten die Chirurgen von den Neurologen – oft auch von den meist entsetzlich leidenden Patienten – erst mühselig überredet werden, einen Eingriff am Gehirn zu wagen.

Diagnostische Hilfsmittel

An diagnostischen Hilfsmitteln standen dem Neurologen außer den Störungen und Ausfällen, die der Patient bot, nur ein Reflexhammer, eine Nadel und der 1858 von Ferdinand von Helmholtz erfundene Augenspiegel zur Verfügung. Auf die mit diesen einfachen Instrumenten erstellten Diagnosen und Lokalisationen musste sich der Operateur verlassen. Er konnte nur den Schädel an der bezeichneten Stelle öffnen und hoffen, dass der Kollege sich nicht geirrt hatte. Die genaue Lokalisation war damals zweifellos das größte Problem bei Operationen am Gehirn. Bis zu der im Jahr 1918 vom amerikanischen Neurochirurgen Walter Edward Dandy erfundenen Pneumoenzephalografie, der Kontrastdarstellung der Ventrikel mit Luft, und der Angiografie, die der portugiesische Arzt Egas Moniz 1927 in die Hirndiagnostik einführte, tappten die Pioniere der Hirnchirurgie in diesen Zeiten tatsächlich im Dunkeln.

Kaum bekannt ist, dass den ersten Hirntumor in der Geschichte der Medizin der italienische Chirurg Francesco Durante (1844–1934) am 1. Juni 1884 in Rom entfernte. Seine Patientin litt an Lähmungserscheinungen, Geruchsstörungen, Gedächtnisverlust und beginnender Erblindung. Ihr Neurologe vermutete einen großen Tumor in der linken vorderen Schädelgrube. Tatsächlich fand Durante hier einen gut abgekapselten Tumor, der sich relativ leicht entfernen ließ. Die Patientin erholte sich gut und konnte bald wieder ihr normales Leben führen. Zwölf Jahre später wurde die Patientin bewusstlos zu Durante in die Klinik gebracht. Der Tumor war nachgewachsen. Im März 1886 entfernte ihr Durante neuerlich die vermutlich gutartige Neubildung. Die Patientin überlebte auch diesen Eingriff. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. Ein ähnliches Schicksal traf auch ihren Operateur. Auch Francesco Durante hat die Medizingeschichte praktisch vergessen.

Rickman Godlee – konservativer, gewissenhafter Chirurg

In der Literatur hat üblicherweise der englische Chirurg Rickman Godlee (1849–1925) das Privileg weltweit der Erste gewesen zu sein, der einen Hirntumor an einem lebenden Menschen operierte. Godlee war ein eher konservativer, gewissenhafter Chirurg, ein guter Techniker, aber keineswegs ein kühner Neuerer. Tatsächlich musste ihn der Neurologe Alexander Hugh Bennet (1848–1901) wochenlang beknien, bis er einwilligte, die Entfernung eines Tumors im Gehirn zu versuchen.

Am 25. November 1884 wagte sich Godlee, nachdem er die Operation mehrmals an Leichen trainiert hatte, an diesen Eingriff. Für den jungen schottischen Bauernburschen Henderson, der seit einigen Jahren unter unerträglichen Kopfschmerzen, Lähmungserscheinungen und heftigen Zuckungen der linken Gesichtshälfte litt, waren die Schmerzen so unerträglich geworden, dass er den Neurologen Bennet um Erlösung geradezu anbettelte, egal wie. Aus den Lähmungen und Bewegungsstörungen des Patienten schloss Bennet auf Sitz und Größe des Tumors. Unter seiner Anleitung öffnete Godlee den Schädel an der vermuteten Stelle und fand tatsächlich eine etwa Taubenei große Geschwulst. Trotz einer schweren Blutung, die Godlee nur mit dem Glüheisen beherrschen konnte, war die Operation letztlich ein Erfolg. Hendersons neurologische Ausfälle waren nach der Operation zwar beträchtlich, aber die furchtbaren Kopfschmerzen waren verschwunden und der Patient durchaus zufrieden. Leider starb Henderson am 23. Dezember an den Folgen einer Meningitis. Weltweit erschienen danach, nicht nur in medizinischen Zeitschriften, Kommentare für und gegen die Gehirnchirurgie. Godlee operierte nie mehr am Gehirn.

Victor Horsley – skrupelloser Experimentator

Weit weniger Skrupel hatte da einer seiner Assistenten, Victor Horsley (1857–1916). Der egozentrische und wagemutige Anatom, Physiologe und Chirurg war nicht nur ein skrupelloser Experimentator – mit den Gesellschaften zur Abschaffung der Vivisektion führte er permanent eine erbitterten Kampf –, sondern auch ein aggressiver Chirurg, der begierig darauf war, Resultate zu erzielen. „Die einzige Behandlung eines Tumors besteht in der Operation“, war sein Glaubensbekenntnis. Er hielt es für unverantwortlich aus Angst vor dem Risiko und dem – mitunter vorhersehbar tödlichen – Ausgang des Eingriffs eine Operation zu unterlassen. Horsley gehörte bei all seiner Genialität zu der Gruppe von „Messerhelden“, für die nur die Operation und das Überleben des Eingriffs zählten. Das weitere Schicksal seiner Patienten interessierte ihn nur mehr am Rande. Seine fehlenden Aufzeichnungen über die postoperative Lebensqualität seiner Patienten bescherten ihm auch die Zurückweisung der Creme der deutschen Chirurgen, die er 1890 bei einem Kongress in Berlin von der glänzenden Zukunft der Gehirnchirurgie überzeugen wollte.

Erste Rückenmarksoperation machte Horsley berühmt

Weltberühmt wurde Victor Horsley durch die erste Rückenmarksoperation am Menschen. Sein Patient war ein Londoner Kaufmann, der sich Captain Gilbey nannte. Gilbey war bereits gelähmt, schrie vor Schmerzen und bat mehrfach um ein Gewehr, um seinem Martyrium ein Ende zu machen. Der Internist und Neurologe William Gowers (1845–1915) stellte die Diagnose und lokalisierte den Tumor im Bereich des 5. und 6. Wirbels. Am 9. Juni 1887 führte Horsley in London die Operation durch. Überredet musste er nicht werden. Zunächst suchte Horsley vergebens nach dem Tumor an der von Gowers beschriebenen Stelle. Erst nach Erweiterung des Operationsgebietes fand Horsley die mandelgroße bläuliche Neubildung, die er problemlos herausschälen konnte. Captain Gilbey erholte sich vollständig und ein Jahr später konnte er seiner Arbeit wieder ungestört nachgehen. Victor Horsleys chirurgische Großtat ging wie ein Lauffeuer um die Welt und bescherte ihm bis heute den Ruf des ersten Neurochirurgen der Geschichte.

Harvey Cushing brachte die Neurochirurgie nach Amerika

Gar nicht begeistert von der groben und hektischen Operationstechnik Victor Horleys war ein amerikanischer Chirurg, der im Jahr 1900, wie damals bei amerikanischen Ärzten üblich, eine Studienreise zu den europäischen Zentren der Medizin unternahm. Harvey Cushing (1869–1939) war sein Name. Durch ihn kam die Neurochirurgie nach Amerika. Den Ehrentitel „Gottvater“ der Neurochirurgen erhielt der Begründer der modernen Hirnchirurgie später zurecht – eine eigene Narrenturmgeschichte auch. KK

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 9/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben