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© Marian Stefanowski
Ausstellungsansicht, Bereich „New York“.
© Martin Scorsese Collection, New York (3)

Jodie Foster, Robert De Niro und Martin Scorsese während der Dreharbeiten zu Taxi Driver, USA.

© Paramount Pictures / Touchstone Pictures

Martin Scorsese, 2000

Martin Scorsese, Leonardo DiCaprio und Matt Damon – The departed (Departed – Unter Feinden), 2006.

Martin Scorsese und sein Kameramann Richard H. Coll – Who’s that knocking at my door, 1967.

 
Leben 19. Februar 2013

Pure Leidenschaft für Film

Den schicksalhaften Verflechtungen seiner Protagonisten gilt das Interesse von Regisseur Martin Scorsese in all seinen Filmen. Derzeit wird in einer Personale der Deutschen Kinemathek in Berlin erstmals sein Schaffen in einer Ausstellung gewürdigt.

Viele von Martin Scorseses Film-Themen stehen im Zusammenhang mit New York City. Scorsese, der längst Filmgeschichte geschrieben hat, gibt in dieser Ausstellung Einblicke in einen wahren Fundus an Filmwissen und seinen Erfahrungsschatz als Regisseur.

In Interviews wirkt Martin Scorsese, der 2012 seinen 70. Geburtstag feierte, sprühend vor Begeisterung für seine großen bestimmenden Lebens-Themen. Das ist einerseits Filme zu drehen, andererseits sich mit der Geschichte des Films engagiert auseinanderzusetzen.

Was für manch anderen reine Obsession ist, ist für Martin Scorsese Leidenschaft. Wesentliche Stationen seiner Karriere als Regisseur sind nun in dieser Ausstellung dokumentiert. Fotos, Requisiten, Auszüge aus Drehbüchern illustrieren die einzelnen Kapitel seines Schaffens. Sie stammen aus seiner eigenen Sammlung, der Robert De Niro Collection, sowie der Paul Schrader Collection des Harry Ranson Center, Austin. All diese Exponate stehen stellvertretend für einzelne seiner Filme.

Storyboards und Fotos vom Set vermitteln Einblicke und dokumentieren Scorseses Arbeitsprozess. Daran wird deutlich, wie akribisch auf jedes noch so kleine Detail geachtet wird, welchen hohen Stellenwert Ausstattung, Filmschnitt und Filmmusik haben, damit schließlich daraus jene Filme entstehen, die seine unverwechselbare Handschrift tragen. Die Storyboards zu seinen Filmen zeigen, wie wesentlich und präzise die filmische Dramaturgie vorbereitet wird.

Scorsese legt höchsten Wert auf den Schnitt seiner Filme, um dadurch in einer bestimmten Szene zu einem höchst effektvollen Ergebnis zu gelangen. Wäre Martin Scorsese nicht Filmregisseur, er wäre wohl einer der versiertesten Filmhistoriker. Die Restaurierung und Konservierung speziell von frühen Farbfilmen ist ihm ein großes Anliegen, das er mit der 2007 gegründeten „World Cinema Foundation“ aktiv fördert.

Schauplatz New York

Der wohl wichtigste Schauplatz, um den sich alles dreht, ist immer wieder New York. Dort, in „Little Italy“, in der Elisabeth Street ist Martin Scorsese aufgewachsen. Dort hat er seine Themen gefunden, dorthin kehrt er immer wieder zurück. Obwohl nicht alle seine Filme in New York spielen, kreisen seine Filmthemen meist um jene Seiten der amerikanischen Metropole, in denen sich die Außenseiter bewegen. Die gewählten Schauplätze sind ein Geflecht von Sichtbarem und dem, was sich bestenfalls ahnen lässt. Martin Scorsese hat immer wieder Licht in diese dunklen Ecken gebracht. Er hat die Protagonisten seiner Filme auf ihrem Weg nach oben und – wenn sie ihren Zenit überschritten haben – auch auf dem abschüssigen Weg abwärts begleitet. Immer wieder geht es um Auseinandersetzungen, in deren Mittelpunkt Rache, Vergeltung, Schuld und Sühne, Respekt und Verantwortung stehen, ohne dies je moralisch zu werten. Er zeichnet somit ein sehr eigenes Bild von New York. Sein Blick auf die Stadt und ihre Bewohner ist die Antithese zu dem Woody Allens.

Verlässliche Partner

Martin Scorsese widmet sich seit über 40 Jahren mit nicht nachlassendem Interesse Themen, die sich in unterschiedlicher Art und Weise in Szene gesetzt, doch immer wieder gleichen. In der Bob Dylan Dokumentation „No direction Home“ umkreist er gleichfalls die Frage nach Individualität und dem, was die künstlerische Persönlichkeit ausmacht. Auf ähnliche Art und Weise hat er den Rolling Stones mit „Shine a Light“ und auch George Harrison ein filmisches Denkmal gesetzt. In seinen Spielfilmen ist er allerdings radikaler, darin geht es teils explizit gewalttätig zur Sache. Die Selbstbestimmung des Individuums steht – Scheitern inklusive – im Mittelpunkt. Darum wird der einmal eingeschlagene Weg, auch wenn er falsch sein mag, konsequent zu Ende gegangen. Das Wechselspiel von Loyalität und Verrat, dem Wunsch nach Sicherheit und Nähe sowie den tiefen Zweifel angesichts bestimmter Entscheidungen begleiten seine Filmfiguren. Selten stehen seine Protagonisten auf der Gewinnerseite, obwohl sie nicht durchwegs Verlierer sind. Diesen ins Leben geworfenen Existenzen hat sich Martin Scorsese sein bisheriges Film-Leben hindurch mit absoluter Hingabe gewidmet.

Die Charaktere Martin Scorsese lassen einen Einblick in ihre innere Zerrissenheit zu. Dabei setzt er zumeist auf Schauspieler mit italoamerikanischem Hintergrund wie etwa Robert de Niro, Joe Pesci oder Leonardo di Caprio. Die Beziehungen seiner Hauptdarsteller zu ihrer Umwelt oder zueinander, sei es beispielsweise in „Mean Streets“ (1973), „Raging Bull“ (1980), „The Aviator“ oder auch „Gangs of New York“ sowie „Departed – Unter Feinden“ (2006) und der düstere Thriller „Shutter Island“ (2010) sind schicksalhaft geprägt von Misstrauen oder gegenseitiger Dominanz und der Gefahr des Scheiterns.

Konfessionelle oder gesellschaftliche Differenzen spielen zudem eine ganz wesentliche Rolle. Oftmals hat er diese fragilen wechselhaften Beziehungen in einigen seiner besten Filme thematisiert und, wie im Pilotfilm zur HBO-Serie „Boardwalk Empire“ mit Steve Buschemi in der Hauptrolle, ausgelotet. Der große Cineast Martin Scorsese hat bedeutende Beispiele des modernen amerikanischen Kinos geschaffen. Seine umfassende und nicht nachlassende Leidenschaft für das Thema Film wird in dieser Ausstellung spürbar.

T. Kahler, Ärzte Woche 8/2013

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