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Eine von Esmarchs genialen und einfachen Erfindungen war das Dreieckstuch als Verband oder Stütze bei verschiedenen Verletzungen.

Medizinalrat Friedrich von Esmarch (1823-1908) war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der populärsten und volkstümlichsten Chirurgen Deutschlands.

© W. Regal und M. Nanut (4)

Das von Esmarch entwickelte „Chloroformbesteck“ bestand aus der Esmarch-Maske, einer Tropfflasche mit Chloroform und einer Zungenzange, das in einem Lederetui untergebracht war. Im Prinzip war das Chloroform-Set jahrzehntelang das gesamte Equipment eines Anästhesisten.

Im Jahr 1882 begann Friedrich von Esmarch mit dem ersten Samariterkurs in Kiel. Für diesen Kurs verfasste er sein Buch „Die erste Hülfe bei plötzlichen Unglücksfällen – ein Leitfaden für Samariter-Schulen in sechs Vorträgen“.

 
Leben 22. Februar 2013

Einfach und genial

Vor 105 Jahren starb der Erfinder des Dreieckstuchs.

Seine „Erfindungen“ waren durchwegs einfach. Keine komplizierten wissenschaftlichen Hypothesen oder Systeme. Sie waren zumeist schlicht, einfach und genial. Unter anderem gehören dazu: Das „dreieckige Tuch“, das Verbandspäckchen, die künstliche Blutleere, der Eisbeutel, eine Narkosemaske, der Irrigator und ein Handgriff, um bei Bewusstlosen die Atemwege frei zu halten. Jetzt weiß vermutlich jeder, von wem hier die Rede ist: vom Geheimen Medizinalrat Friedrich von Esmarch (1823–1908), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der populärsten und volkstümlichsten Chirurgen Deutschlands war. Er starb am 23. Februar vor 105 Jahren.

Nach dem Medizinstudium in Kiel – hier war er Assistent bei Bernhard von-Langenbeck (1810–1887), der 1847 die Äthernarkose einführte – und Göttingen promovierte Esmarch im Jahr 1848 zum Doktor der Medizin und habilitierte sich noch im selben Jahr für Chirurgie und Augenheilkunde. Als Arzt und Mitglied des schleswig-holsteinischen Turnerkorps zog er 1848 in den Krieg gegen Dänemark und geriet mehrere Wochen in dänische Gefangenschaft. In Behelfslazaretten versorgte er Verwundete unter primitivsten Bedingungen. Es klingt zwar seltsam, aber die Waffen in der Mitte des 19. Jahrhunderts töteten meist nicht sofort, sondern verwundeten „nur“. „Gestorben wurde später“, viele Soldaten verbluteten noch auf dem Schlachtfeld oder kamen erst beim Transport zum Verbandsplatz oder später im Lazarett ums Leben. Hier verstarben dann meist mehr Soldaten als auf dem Schlachtfeld. Wundinfektionen, mangelnde Hygiene und Krankheiten wie Typhus oder Cholera sorgten für den gepriesenen Heldentod.

Eklatante Missstände im militärischen Sanitätswesen

Auf den Verbandsplätzen und Lazaretten wurde Esmarch bereits am Beginn seiner Karriere auf die eklatanten Missstände des militärischen Sanitätswesens aufmerksam. Unzureichende Erstversorgung und der eklatante Mangel an Hygiene waren seine ersten Eindrücke vom damaligen Stand des Kriegssanitätswesens. Die Erlebnisse, die er hier und in den Kriegen 1864, 1866, 1870/71 hatte, waren auch der Grund für die Schwerpunkte seines gesamten beruflichen Lebens, die Kriegschirurgie und die Erste Hilfe.

Bereits 1854 wurde Esmarch ordentlicher Professor für Chirurgie und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in Kiel. Diese Stellung behielt er, trotz zahlreicher Angebote bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1899. Zwei neue Entwicklungen machten das damals noch eher gering geachtete Fach der „Messer schwingenden Handwerker“ zur erfolgreichsten und spektakulärsten Disziplin der gesamten Heilkunde: die Narkose und die Antisepsis. Auch Esmarch konstruierte, wie viele Chirurgen seiner Zeit eine Maske für die Durchführung von Narkosen, die nach ihm benannte Esmarch-Maske. Eine mit einem Tuch bespannte Drahtmaske, auf die Chloroform aufgetropft wurde. Das Chloroform verflüchtigte sich als narkotischer Dampf und wurde vom Patienten eingeatmet. Eine bedeutende Verbesserung gegenüber der bisher verwendeten Methode, bei der Chloroform auf ein Tuch oder auf einen Schwamm gegossen dem Patienten direkt auf Mund und Nase gedrückt wurde. Durch das tropfenweise Aufbringen des Chloroforms auf die Maske kam es, abgesehen von der wesentlich besseren Dosierbarkeit, zur Vermischung mit viel frischer Luft und dadurch zu einer drastischen Verminderung der Hypoxiegefahr. Esmarch stellte seine Erfindung 1877 als so genanntes „Chloroformbesteck“ vor. Dieses Besteck bestand aus der beschriebenen Maske, einer Tropfflasche mit Chloroform und einer Zungenzange. Das Set war in einem Lederetui untergebracht und primär für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht. Es fand aber auch in zivilen Operationssälen weite Verbreitung. Im Prinzip war das Chloroform-Set jahrzehntelang das gesamte Equipment eines Anästhesisten.

Buch für Samariterkurs verfasst

Alle seine Erfindungen und Entwicklungen schuf Esmarch zunächst für die Kriegschirurgie. Wie etwa der auch heute noch in jedem Erste-Hilfe-Kurs gelehrte und geübte Esmarch-Handgriff zum Freimachen und Freihalten der Atemwege, die Esmarch’sche Blutleere – ein genial durchdachtes Verfahren, um chirurgische Eingriffe „unblutig“ durchführen zu können –, das Verbandspäckchen für den ersten Verband am Schlachtfeld und das Dreieckstuch als Verband oder Stütze bei verschiedenen Verletzungen.

Große Verdienste erwarb sich Esmarch auch um das zivile Samariter- und Rettungswesen in Deutschland. Als Generalarzt und beratender Chirurg der Armee lernte Esmarch im Sommer 1881 in London die „St. John’s Ambulance Association“ kennen. Eine Organisation, die überall in England freiwillige Helfer für den Sanitätsdienst ausbildete. Zurück in Kiel begann Esmarch im Jahr 1882 mit dem ersten Samariterkurs in Kiel. Für diesen Kurs verfasste er sein Buch „Die erste Hülfe bei plötzlichen Unglücksfällen – ein Leitfaden für Samariter-Schulen in sechs Vorträgen“. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt und erlebte 1931 seine 50. und letzte Auflage. Bereits im Jahr 1877 hatte er im „Handbuch der Kriegschirurgie“ seine Erfahrungen als Kriegschirurg zusammengefasst. Der Chirurg August Bier (1861–1949), einer der berühmtesten Schüler Esmarchs, schrieb in der Einleitung zu den autobiografischen „Jugenderinnerungen des Chirurgen Friedrich von Esmarch“: „Und wie wohlwollend ragte dieser schlichte Mann der Tat, der nur schrieb und sprach, wenn er wirklich etwas zu schreiben und zu sprechen hatte, in unsere Zeit der Vielschreiberei und Vielrederei hinein!“

Disput mit seinem Oberarzt Gustav Adolf Neuber

Zur Bekämpfung der Wundinfektion schwor Esmarch auf das vom englischen Chirurgen Joseph Lister (1827–1912) eingeführte komplizierte Verfahren der Karbolvernebelung. Darüber kam es mit seinem ersten Oberarzt Gustav Adolf Neuber (1850–1932) zu einem schwerwiegenden Konflikt. Neuber war unzufrieden mit der Wirkung des Karbolsprays auf die postoperativen Wundinfektionen und unglücklich über die oft schweren Nebenwirkungen, die Karbol bei vielen Patienten auslöste. Seine von Robert Koch (1843–1910) angeregte Idee war, Keime gar nicht erst in Operationswunden gelangen zu lassen. Neubers Vorschläge statt des Karbols auf strenge Trennung zwischen septischen und aseptischen Abteilungen, auf peinlichste Sauberkeit der Operationssäle, der Instrumente, des Inventars und der Kleidung der Operateure zu achten, führten zu heftigen Meinungsverschiedenheiten mit seinem Chef.

Der Konflikt eskalierte und Neuber, der heute neben Ignaz Semmelweis (1818–1865), Louis Pasteur (1822–1895) und Koch zu den Pionieren der Hygiene gerechnet wird, musste 1883 die Universitätsklinik verlassen. Für Esmarch war sein erster Oberarzt vermutlich auch zu einem unerwünschten Konkurrenten geworden. Neuber eröffnete 1886 seine eigene Privatklinik in Kiel. Hier verwirklichte er weltweit als Erster die bis heute gültigen Prinzipien der Asepsis: glatte, abwaschbare Wände in den Operationssälen, leicht desinfizierbare Instrumente, steriles Verbandsmaterial und Waschräume für das Operationspersonal. Der Erfolg gab ihm recht.

Esmarch war allerdings ein schlechter Verlierer. Es stellte sich heraus, dass er Neuber nicht nur diffamierte, sondern mehrfach sogar gezielt Rufmord an ihm und seiner Klinik beging. Erst als der Herr Geheimrat – allerdings erst nach massiven Klagedrohungen – seine Anschuldigungen und Verleumdungen schriftlich „mit dem Ausdruck des Bedauerns“ zurücknahm, endete dieser unschöne Konflikt.

Die Stadt Kiel verlieh Esmarch 1903 die Ehrenbürgerschaft. Die Laudatio zur Einweihung seines Denkmals hielt sich der Geehrte selbst. Bescheiden betonte er in dieser Ansprache all seine trefflichen Verdienste. Hochgeehrt starb Friedrich von Esmarch am 23. Februar 1908.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 8/2013

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