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Szenenfoto aus „Der Firmling“.

Karl Valentin als Schwerer Reiter.

© Valentin-Karlstadt-Musäum, München / Münchner Stadtmuseum (5)

Blick in das Valentin Karlstadt Musäum.

Szenenfoto aus „Der reparierte Scheinwerfer“.

Karl Valentin als Kunstradfahrer.

 
Leben 11. Februar 2013

Der Linksdenker

Generationen hat Karl Valentin mit seiner hintersinnigen Komik fasziniert. Am Rosenmontag, dem 9. Februar 1948 und somit vor 65 Jahren verstarb dieser Großmeister des Absurden in seinem Haus in Planegg.

Hagere Figur und spitze, lange Nase, struppiges Haar, ein überzeichneter Charakter: So ist einem auch heute noch Karl Valentin gegenwärtig. Sein komisches Talent mit dem ihm eigenen Humor, gemischt mit tiefer Melancholie war und ist wegweisend.

Wie mag das gewesen für den jungen Valentin Ludwig Fey? Der Sohn des Speditionsunternehmers Valentin Fey und dessen Frau Maria Johanna schlug nach absolvierter Schreinerlehre ganz aus der Art. Nach redlichen Versuchen das elterliche Unternehmen zu führen, sammelte er in der Varietéschule bei Hermann Stebel erste Bühnenerfahrung. Unter seinem Künstlernamen Karl Valentin ließ er diese Lehrzeit hinter sich, um das zu werden, als was er sich zeitlebens verstand: nämlich Volkssänger und Münchner Komiker, ein originelles Original. Die Bühnenanfänge in Kabaretts und Varietés verhießen zunächst nur entbehrungsreiche Gesellenjahre. Unter dem Künstlernamen „Charles Fey“ trat er mit seinem „Lebenden Orchestrion“, einer selbst gebauten Musikapparatur, auf... und scheiterte. Erst 1908 stellten sich mit Couplets und Klapphornversen, die er auf der Bühne zum Besten gab, erste Erfolge ein.

Auf dem Weg zu Erfolg

Mit seinem Förderer, dem Münchner Wirt und Künstler Ludwig Greiner, verband ihn eine Lebensfreundschaft. Er half, Valentins unverwechselbaren Bühnencharakter zu entwickeln. Wiederholt hat Greiner Bühnenbilder und Plakate für die Auftritte gestaltet. Und so trat Karl Valentin vor sein Publikum, spindeldürr, überzeichnet, wie den „Fliegenden Blättern“ und dem „Simplicissimus“ entsprungen. Ein seltsamer Mensch und noch dazu ein schwieriger. Es waren turbulente Jahre, in denen Karl Valentin schließlich in seiner Parade-Rolle als „Schwerer Reiter“ im Frankfurter Hof seinen Durchbruch schaffte. Auch die kulturelle Prominenz wurde auf ihn aufmerksam. Bert Brecht, Kurt Tucholsky und selbst Thomas Mann hatten erkannt, welch besonderes Exemplar Mensch hier auf der Bühne und im Film sein verquer widerspenstiges Denken preisgab. Man lachte - und wunderte sich. Der valentineske Humor mit seinen Widerhaken war zwar manchmal grob, aber nie zotig. Valentin beherrschte zudem das Leise, Beiläufige, diese nachgeschobenen Bemerkungen wie kaum ein anderer. Der „Linksdenker“, als den ihn Kurt Tucholsky bezeichnete, war abseits der Bühne ein grüblerischer Mensch. Das hat auch die über 30 jährige Zusammenarbeit mit seiner kongenialen Partnerin Liesl Karlstadt nicht einfach gestaltet. Letztlich trennten sich die Wege der beiden, privat wie künstlerisch, wenn auch nicht auf Dauer. Bertl Valentin schildert ihn in ihren Erinnerungen dennoch als liebevollen Vater. In den 1920iger und 1930iger Jahren – die Zeiten waren äußerst unruhig geworden – feierte Karl Valentin seine größten Erfolge. Er traf den Nerv der Zeit, so wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Bald gastierte er in Berlin, Wien und Zürich. Ende der 1920iger Jahre kamen sogar Film-Anfragen aus den USA. Aber Karl Valentin reiste nicht gern, schon Berlin war fast zu weit. 1933 wurde die unvergessliche Orchesterprobe verfilmt, 1934 „Der Firmling“. Beides sind heute noch Salonstücke par excellence in denen Valentin mit Wortwitz und Situationskomik brilliert. Dennoch gelang ihm der große Sprung zum Tonfilm nicht. 1937 folgte sein erster Auftritt im Bayerischen Rundfunk, drei Jahre später wurde er nach eigenen Worten faktisch durch die NSDAP für Rundfunk und Film boykottiert.

Rückzug ins Private

Der Krieg und seine Folgen gingen an dem im Innersten seines Wesens sensiblen Denker nicht spurlos vorüber. Die Münchner Wohnung wurde von einem Bombentreffer zerstört, das Haus in Planegg bot der Familie Zuflucht. Wie so viele erkannte er die Stadt, die ihm Heimat bedeutete, nach den Bombenangriffen kaum mehr wieder. Das vertrackte Denken dieses Münchner Originals stieß zudem nach dem Zweiten Weltkrieg auf Unverständnis. Die Wiederentdeckung dieses brillanten Humoristen geschah im Lauf der 1950iger Jahre erst allmählich. Mit seinen Auftritten und Kurzfilmen hat er Geschichte geschrieben, in einer Weise, die die Mehrzahl heutiger Comedians kurzerhand deklassiert. Seine künstlerischen Erben sind heutzutage deshalb nicht sehr zahlreich. Wenn sich hier und dort doch einer findet, bei dem die Valentinsche Saat aufgegangen ist, ist man als Zuschauer dankbar dafür.

Von 11.01 Uhr bis 17:29 Uhr

Einen Teil seines Lebens hat Karl Valentin mit dem Sammeln von Fotografien Alt-Münchner Stadtansichten und kulturhistorisch äußerst wertvollen Dokumenten und Fotografien bekannter Münchner Volkssänger verbracht. Da kam der Chronist seiner Heimatstadt München und auch der Romantiker in ihm zum Vorschein. Diese Sammlungen, darunter eine umfangreiche Anzahl von Fotografien eigener Bühnenauftritte, bilden den Grundstock des Valentin Karlstadt Musäum, das seit 1959 im Isartor beheimatet ist. Was zunächst als Panoptikum begann, ist heute ein kulturelles Zentrum für all jene, die das Hintergründige zu schätzen wissen. Die künstlerischen Etappen der Bühnen- und Filmkarriere Karl Valentins und Liesl Karlstadts sind hier umfassend dokumentiert. Mit einer kräftigen Portion abgründigen Humors gewürzt, findet sich der Wort- und Bildwitz Karl Valentins hier wieder. Beim Anblick des pelzverbrämten Winterzahnstochers gerät man auf gedankliches Glatteis. Auch das ausgestellte emaillierte Reindl mit der Erläuterung „Diese herrliche Schneeplastik ist leider geschmolzen“ zeigt, welch Hintersinn da im Spiel ist. Das sind keine Kalauer, das alles ist humoristisch ernst und doppelbödig gemeint. Beim Besuch des Valentin Karlstadt Musäums wird einem bewusst, wie aktuell manche seiner Gedankenspielereien sind. Inspiriert geht man schließlich seiner Wege – und beschließt, unbedingt wieder zu kommen.

T. Kahler, Ärzte Woche 7/2013

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