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Leben 28. Jänner 2013

Im Jammertal

Unzufrieden zu sein und das auch kundzutun ist eines der wichtigsten Kulturgüter in unseren Breiten.

Das Raunzen gehört zu jenen Dingen, die in Wien erfunden worden sein sollen, neben dem Kipferl, der Psychoanalyse oder dem Parkpickerl (in der Reihenfolge der Wichtigkeit). Doch es scheint auch der beliebteste Exportartikel zu sein. Auch in den Bundesländern raunzen die Hoteliers und Liftbetreiber, dass im heurigen Winter nur ein Gästezuwachs von 150 Prozent gegenüber dem letzten Jahr zu verzeichnen war, was zwar okay ist, aber wer weiß, wie es in zwei Jahrzehnten aussieht, wenn der Zuwachs nicht mehr so groß sein wird, also ist Raunzen mehr als gerechtfertigt.

Auch im Medizinbetrieb wird ordentlich geraunzt, obwohl bekanntermaßen positiv gestimmte Fröhlichkeit gesund machen soll. Interessanterweise geht es hier beim Raunzen überhaupt nicht um die Heilung an sich, die ja eigentlich das Kerngeschäft der Medizin ist. Es geht vielmehr um das Drumherum.

Die „Raunzer“: Ärzte und Patienten sowie ...

Ärzte sind unzufrieden mit a) den Arbeitsbedingungen, b) den mangelnden Honorierungen und c) den Patienten. Wobei Punkt c) der diskussionswürdigste ist. Doch man findet ja nicht den Patienten an sich störend, sondern a) seine mangelnde Compliance, b) seine fehlende Einsicht und c) seinen Anwalt, der mit ihm Händchen haltend in der Praxis sitzt. Patienten sind wiederum unzufrieden mit a) den unzumutbaren Wartezeiten, b) der Kommunikation mit dem Arzt und c) der Tatsache, dass sie selbst auch etwas zu ihrer Gesundheit beitragen sollen. Wobei Punkt c) verständlich ist, da sie a) ohnehin so viel an Krankenversicherung einzahlen, dass man doch wohl erwarten könnte, sich nicht auch noch selber behandeln zu müssen, b) keine Zeit für so einen Firlefanz haben und c) die Empfehlungen zu einem „gesunden Lebensstil“ zumeist als wenig sexy empfinden.

... Kostenträger und Pharmazie

Und Kostenträger sind unzufrieden mit a) den Ärzten, b) den Patienten und c) mit beiden. Denn sie bilden gemeinsam ein eingeschworenes Duo, das a) dem Gesundheitssystem durch unvernünftige Therapien, wie etwa dem Gespräch das Geld aus der Tasche zu ziehen trachtet, b) nicht eingespart werden möchte und c) deshalb den Kostenträger wüstest beflegelt. Und dass die Pharmazeutische Industrie raunzt, ist nichts Neues. Aber die Sache mit den 150 Prozent hatten wir ja schon bei den Hoteliers.

In Summe sind also alle Player im Gesundheitswesen unzufrieden. Und da geht es jetzt noch nicht einmal um die Art und Weise der Therapie. Lassen wir also das Drumherum weg, besinnen wir uns auf das Wesentliche, behandeln wir unsere Patienten auf der grünen Wiese, im Wirtshaus oder unter Palmen. Und sehen wir, was dann noch an Raunzen übrig bleibt.

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