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© KHM mit MVK und ÖTM (2)
Detailansicht der Ausstellung Altar, alle Objekte Museum für Völkerkunde, Wien

Hausamulett: geschmückter Schädel eines Widders zur Abwehr von Übel Westanatolien, Türkei, 1934 oder 1936 Museum für Völkerkunde, Wien

© RMCA Tervuren/

Sarg, Eric Kpakpo, Ghana, 2010, Holz, RMCA Tervuren J.-M. Vandyck

 
Leben 28. Jänner 2013

Fetish Modernity

Der Titel dieser Ausstellung im Museum für Völkerkunde in Wien ist widersprüchlich. Aber gerade in Verbindung mit diesen beiden gegensätzlichen Begriffen lassen sich notwendige Korrekturen vornehmen.

In dem europaweiten Projekt unter dem Titel „Ethnographische Museen und die Kulturen der Welt“ wird im Rahmen dieser Ausstellung der westliche Diskurs über die Moderne einer kritischen und überfälligen Überprüfung unterzogen.

„Modernität“ ist als Begriff leichter zu fassen als „Fetisch“. Letzterer hat sowohl eine anthropologische als auch eine psychoanalytische Bedeutung. Bei einem Fetisch handelt es sich um einen von Menschen gemachten Gegenstand, der durch einen rituellen Akt gleichsam geweiht wird. Das eingangs erwähnte Gegensatzpaar steht namensgebend Pate für diese Ausstellung, die ausgehend von klischeehaften Vorstellungen in einer kritischen Auseinandersetzung die Frage aufwirft, was „zivilisiert“ und „primitiv“ jeweils bedeutet. Beides ist mit dem jeweils eigenen Standpunkt untrennbar verbunden. Modernität zu fordern und nur diese als moderne, zeitgemäße Lebensweise gelten zu lassen ist demnach ignorant und anmaßend. Diese Haltung hat nachweislich zu krassen Fehlentwicklungen geführt, sodass die ursprüngliche kulturelle Identität in manchen Fällen vollständig verloren ging.

Zauber der Exotik

Die bedeutenden europäischen ethnographischen Sammlungen haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Im Zuge der Kolonialisierung wurden Vorstellungen und Klischees geprägt, die sich teils bis heute erhalten haben. Das Exotische hat natürlich seinen Reiz und wird deshalb auch leicht missverstanden. Das Bild des „Edlen Wilden“, der als Ideal des Primitiven dem kulturellen und technischen versierten „Modernen Menschen“ gegenüberstand, wurde als Klischeevorstellung immer wieder strapaziert. Gleichzeitig galt es, dieses Idealbild in der Realität mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – ob durch Missionierung, Handel oder militärische Einflussnahme – umzumünzen. Ursprüngliche Unabhängigkeit wurde so zur Abhängigkeit. Volksgruppen und Stämme wurden zu Studienobjekten, die ihren natürlichen Lebensraum verloren hatten und nur mehr in Reservaten und Rückzugsgebieten überleben konnten. Schon früh beklagten, (auch das ist nicht neu) , Ethnologen immer wieder den Verlust der Ursprünglichkeit in nahezu allen ihren Forschungsbereichen.

Die zentrale Frage ist, welche Form des Austauschs das postkoloniale Trauma überwinden hilft. Neue, bislang nur ansatzweise erprobte Sicht- und Herangehensweisen der Ethnologie rücken damit ins Blickfeld. Sie erlauben ein umfassenderes und tieferes Verständnis dafür, was zeitgemäße Ethnologie leisten kann.

Neue Wege

Kulturelle Einflussnahme ist die eine Seite, kultureller Austausch die andere, und zudem der positive Aspekt im Umgang mit nicht-westlichen Kulturen. Das Gegensatzpaar Modernität – Fetisch weist demnach auch auf eine unumkehrbare Durchdringung beider Begriffe. Es geht nun nicht mehr um eine Ansammlung von exotischen Objekten, wie man sie aus „Wunderkammern“ kennt. Die klassifizierende rein naturwissenschaftliche Zuordnung spielt nunmehr eine sekundäre Rolle.

Viel wichtiger ist es, Verständnis für eine korrekte historische Einordnung zu entwickeln und daraus folgend den zeitgemäßen, interkulturellen Zusammenhang zu vermitteln. Es gibt keinen unberührten, unveränderten Urzustand, der von allen äußeren Einflüssen abgeschottet ist und dadurch gleichsam eine „Laborsituation“ schafft, in der ethnologische Forschungen betrieben werden können. Respekt und Verantwortung kommen als weitere Aspekte hinzu, auch die Einsicht, dass Veränderung das einzig Konstante ist, auf das man sich verlassen kann.

Der Handel mit Waren aller Art hat über Jahrhunderte und Erdteile hinweg den interkulturellen Austausch weiter entwickelt, auch weil sich „moderne“ Errungenschaften dadurch weiter verbreiten konnten. Unbestritten bleibt jedoch, dass im Zuge der Missionstätigkeit in Asien, Amerika und Afrika, durch eine Abwertung des ursprünglichen Glaubens und der damit verbundenen Riten und Praktiken eine Fülle an rituellen Gegenständen aus Clan-Gemeinschaften ihren Weg in ethnographische Sammlungen gefunden haben. Dass sich diese Objekte aus diesem Grund über einen vergleichsweise langen Zeitraum erhalten haben, ist das Eine. Das Andere ist ein zeitgemäßer Umgang mit einem überlieferten Formenrepertoire. Der Fetisch hat damit zu seiner modernen Ausdrucksform gefunden. So kann ein verstorbener Besitzer eines Taxis, beispielsweise in einem aufwendig hergestellten Sarg, der als Statussymbol seinem Taxi nachempfunden ist, beigesetzt werden. Die Umwertung ist zugleich mit Aufwertung verbunden.

Ähnliches gilt für das Kampfschild aus Papua Neu Guinea mit dem Schriftzug „Isuzu Warrior“, womit auf die Automarke als Statussymbol verwiesen wird. Die Ernüchterung, wie sie der Maler Ernst Nolde 1913 bei seinem Besuch der Südsee-Insel Palau erlebte, als er dort nicht auf das „Ursprüngliche“ traf, sondern auf dessen europäisiertes Abbild, hat sich seither unzählige Male wiederholt. Und damit bleibt einmal mehr die Frage zu beantworten, welcher Weg und welche Haltung im Umgang mit der eigenen Kultur und fremden Kulturen richtig ist.

T. Kahler, Ärzte Woche 5/2013

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