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Leben 21. Jänner 2013

Lasst das Volk bestimmen

Nachdem Plebiszite immer mehr in Mode kommen, sollten endlich auch Patienten mehr Mitbestimmungsrecht bekommen.

Nun hat man also die Österreicher dazu befragt, ob sie die allgemeine Wehrpflicht oder doch lieber ein Berufsheer möchten. Das Referendum ergab – wenig überraschend –, dass alles so bleiben soll, wie bisher, denn die Bewohner der Alpenrepublik mögen aus Prinzip das Bewährte, auch wenn es nicht gut ist. Diese Volksbefragung ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs einer neuen politischen Taktik. Sie heißt direkte Demokratie und ist total angesagt, wenn es darum geht, schwierige Entscheidungen dem Bürger aufs Aug’ zu drücken, um danach sagen zu können: „Ihr habt es ja so gewollt.“

Noch übt man sich hierzulande mit kleinen, nicht ganz so weltbewegenden Themen. Neben dem Bundesheer geht es da um Parkgebühren, Hundewürstchen, die neue Fassadenfarbe des Rathauses oder in welchen Abständen der Bürgermeister seine Unterwäsche wechseln soll.

In der Schweiz ist man da schon etwas weiter und lässt die Einwohner mitbestimmen, ob Zuwanderer ihre Religion ausüben können oder die Kontoauszüge der Banken nicht doch bereits nach zwei, statt nach drei Tagen vernichtet werden sollen.

Doch wie viel Mitbestimmungsrecht haben unsere Patienten? Na klar, keiner ist gezwungen, zum Arzt zu gehen. Ist man jedoch in die medizinische Maschinerie hineingelangt, so ist der Ausstieg schwer. Vorgefertigte Behandlungsleitlinien schränken den Spielraum von Ärzten und Patienten stark ein. Die Therapien bei Nierenbeckenentzündungen, Krebs oder dem ADHS berufstätiger Anlageberater sind klar umrissen. Die Weigerung eines Patienten, sich nach den Vorgaben der evidenzbasierten Medizin behandeln zu lassen, kann für ihn böse ausgehen: Im besten Fall kommt es beim Arzt zur augenrollenden Geste des Unverständnisses, meist führt das bockige Verhalten bis zum kompletten Liebesentzug und Verbannung aus der Klinik, auf Revers. Das lässt Patienten mitunter unzufrieden und damit auch klagefreudig werden.

Machen wir es doch wie die Politiker und schieben die Entscheidungen den Patienten zu: Wollen Sie konservativ behandelt oder aufgeschnitten werden? Mit Bauchschnitt oder laparoskopisch? Welchen Faden soll man zum Zunähen verwenden? Wann soll die orale Antikoagulation postoperativ initiiert werden? Fragen, die wir getrost unseren Patienten zumuten können. Das macht Selbstbestimmung aus. Im Nachhinein soll sich dann auch niemand mehr beschweren, denn „ihr habt es ja so gewollt.“

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