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© Kunsthistorisches Museum Wien
Karl Friedrich Schinkel, Die Zauberflöte, I. Akt, 6. Szene: Sternenhimmel, Thron der Königin der Nacht (Bühnenbild, Grafiker: Karl Friedrich Thiele), 1819-1824, Aquatinta und Radierung, koloriert (Österreichisches Theatermuseum, Wien)
© Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll

Die Nacht im Zwielicht, Ausstellungsansicht

© Belvedere Wien

Theodor von Hörmann, Paris bei Nacht mit Eiffelturm, 1889, Öl auf Leinwand

© Museum Frieder-Burda, Baden-Baden

Ernst Ludwig Kirchner, Straße mit Passanten bei Nachtbeleuchtung, 1926/27, Öl auf Leinwand

© Kunsthaus Zürich, Schenkung Walter Haefner, VBK Wien 2012

René Magritte, Le seize septembre, 1956, Öl auf Leinwand

 
Leben 21. Jänner 2013

Impressionen der Nacht

Die Nacht als dunkle Seite des Tages: die Ausstellung „Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis heute“ im Unteren Belvedere in Wien spannt inhaltlich einen weiten Bogen.

Von der Romantik bis in die Gegenwart reicht die Liste der Exponate. Anhand ihrer kuratorischen Zusammenstellung erschließt sich das Thema auf vielerlei Ebenen.

In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine, denn da ist er dunklen Mächten ausgesetzt. Und sei es nur der eigenen inneren Nachtseite, die erst im Licht der Vernunft besehen wieder manches von ihrem Schrecken verliert. Die Nacht als zyklisch wiederkehrendes Phänomen ist voller Widersprüche. Für die einen ist sie der gefürchtete undurchschaubare dunkle Teil des Tages, für andere jene Zeitspanne, um im Schlaf Erholung zu finden. Die Nacht gehörte von jeher zumeist den Forschern, Künstlern und Schriftstellern, die sich bei Kerzenlicht oder im Schein einer Petroleumlampe ungestört ihrer Geistesarbeit widmeten. Das Phänomen „Nacht“ wird folglich in den unterschiedlichen Bereichen der Ausstellung in den Räumen des Unteren Belvedere untersucht und anhand einer Vielzahl künstlerischer Positionen, teilweise auch interdisziplinär, ausgeweitet. Um der thematischen Gliederung willen wurde auf die übliche Chronologie bewusst verzichtet. Das führt überwiegend zu einer schlüssigen Darstellung der einzelnen Bereiche, wirkt fallweise aber zu beliebig.

Im Reich der Nacht

In der Geschichte der Malerei nahm das nächtliche Dunkel schon früh einen wichtigen Platz ein. „Nachtstücke“ zählen in der abendländischen Malerei mit zu den virtuosen Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens. Sie zeugen im Umgang mit Licht und Dunkelheit von höchster Meisterschaft. Denn ohne Licht bliebe die Nacht schemenhaft dunkel. Erst das Mondlicht oder der Widerschein von Feuer lässt die gewünschten Details erkennen und schafft so die gewünschte dramatische Wirkung.

Eines der frühesten Beispiele der Ausstellung reicht zurück in die Zeit des Klassizismus. Der Bühnenbild-Entwurf von Karl Friedrich Schinkel zu Mozarts Zauberflöte zeigt auf der Mondsichel thronend die Königin der Nacht, über ihr das bestirnte, kuppelförmige Firmament. Als Regentin übt sie bedeutenden Einfluss aus.

Schon Goya hat auf dem Blatt „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus seinen Caprichos angedeutet, was zu befürchten ist, wenn man im Schlaf den Traumvisionen ausgesetzt ist. In der Kunst des 19. Jahrhunderts verblasst die Königin der Nacht, beginnen sich die Nachtgestalten zu mehren. Wie Wahnvorstellungen und Fieberträume mitunter die Wahrnehmung trüben und kein verlässliches Urteil mehr erlauben, hat etwa Moritz von Schwind in seinem Gemälde „Der Erlkönig“, um 1830 festgehalten.

Es ist schließlich kein Zufall, dass jene Geschöpfe der Nacht wie Bram Stokers Graf Dracula, oder Mary Shelleys Frankenstein zusammen mit den verstörenden Geschichten eines Edgar Allen Poe oder E.T.A. Hoffmann in der bildenden Kunst über das 19. Jahrhundert ihre Gegenstücke finden. Dass aber selbst Carl Spitzweg berühmt für seine spätbiedermeierlichen Genreszenen im Jahr 1875 den „Hexenritt“ gemalt hat, zeigt, wie brüchig das Idyll ist und wie wenig sich die Nachtgestalten bannen lassen.

Die andere Seite der Nacht

Der gesellschaftliche Umbruch in Europa, verbunden mit dem Einsetzen der beginnenden Industrialisierung hatte mit dazu beigetragen, dass neue gesellschaftliche Konzepte die alten Grundfesten erschüttern konnten. Die Kraft des Unbewussten, die sich in diesen Entwicklungen Bahn bricht, ist im Symbolismus eines Felicien Rops, sowie William Blake spürbar. Aber auch Max Klinger und Alfred Kubin verweisen auf diese „andere Seite“ die mit der Nacht und ihrer Schemenhaftigkeit in Verbindung steht. Gaslicht und Elektrizität verdrängten zwar in den Städten die Dunkelheit der Nacht. Die Nacht wurde zum Tag, die mondbeschienen nächtlichen Landschaftsbilder weichen Großstadtimpressionen. Stille und Dunkelheit verlieren sich. Und doch sind da dunkle Ecken, Rückzugsgebiete, Randzonen des Nächtlichen, die noch unerforscht bleiben.

Die Nacht gehört nun den Flaneuren wie jenem „Nächtlichen Wanderer“ Carry Hausers aus dem Jahr 1920. Auch Frans Masereel illustrierte in seinen Holzschnitten diese andere Seite, die zudem etwas Abgründiges, Gefahrvolles mit sich bringt.

Zu den neuen Geschöpfen der Nacht gehören nun auch jene, die während der Nachtstunden ihre Arbeit verrichten. Die Nachtschicht, im Englischen bezeichnenderweise als „Graveyard Shift“ bezeichnet, verweist auf die Nachtarbeit des Proletariats und zeigt nun auch in der künstlerischen Auseinandersetzung damit ganz andere, schattenhaften Gestalten. Das einzige nun damit verbundene Mysterium ist das des Industriezeitalters. Im 2o. Jahrhundert hat sich die Nacht als künstlerisches Thema somit profund gewandelt. Symbolismus und Surrealismus erweitern auf der Ebene der bildenden Kunst und der Literatur den nächtlichen Horizont. Seit dem Einsetzen der Moderne ist der Mensch, soviel lässt sich zweifelsfrei sagen, mit sich und der Nacht vielfach alleine. Die Königin der Nacht bleibt eine ferne Erinnerung, die nun nicht mehr über die dunkle Seite des Tages gebietet.

T. Kahler, Ärzte Woche 4/2013

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