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Van Swieten zeigte sich interessiert am betäubenden Gas. Leider verstarb er, bevor er weitere Experimente durchführen konnte.
© (3) W. Regal

Die Chronicles of Pharmacy berichten über ein 1770 stattgefundenes mysteriöses Experiment.

Erste Herstellungsvorschrift für Schwefeläther aus dem 16. Jahrhundert.

 
Leben 14. Jänner 2013

Auf der Suche nach der Wiege der Anästhesie

Mysteriöse Narkose zur Zeit van Swietens in Wien.

Am Freitag den 16. Oktober 1846 wurde die Menschheit im Massachusetts General Hospital in Boston offiziell vom Operationsschmerz befreit.

Der Zahnarzt William Thomas Green Morton (1819-1868) hatte an diesem Tag einen Patienten mit Schwefeläther narkotisiert und der Chirurg des Hauses, völlig verblüfft über die Schmerzfreiheit seines Patienten, dem er soeben einen Tumor aus dem Unterkiefer entfernt hatte, sprach die berühmten Worte: „Gentlemen, this is no humbug!“

Tageszeitungen verbreiteten die sensationelle Nachricht in Windeseile um die Welt. In Wien war es der Chirurg Franz Schuh (1804–1865), der Ende Jänner 1847 im Allgemeinen Krankenhaus die ersten schmerzfreien Operationen im Ätherrausch durchführte. Möglicherweise aber gab es bereits über ein halbes Jahrhundert vorher in Wien eine Narkose. Auch wenn sich dies vermutlich nie schlüssig beweisen lässt, die Episode verdient es erzählt zu werden.

Das Experiment

Immer wieder geistert ein angeblich authentischer Vorfall durch die manchmal mehr, manchmal weniger wissenschaftliche Literatur zur Geschichte der Anästhesie. Das mysteriöse Experiment soll sich im Wien Maria Theresias (1717–1780) ereignet haben, also lange vor den eben erwähnten gut dokumentierten Meilensteinen der Anästhesie.

Bei Recherchen findet man den Ursprung all dieser Berichte in einem Kapitel im zweiten Band der 1910 erschienen „Chronicles of Pharmacy“ von A. C. Wootton. Der Autor dieses eher populären Werkes berichtet hier eine kaum bekannte, aber überaus interessante Geschichte einer Narkose am Beginn der 1770er Jahre. Auch wenn vieles an dem Bericht eher den Charakter einer Episode als einer wissenschaftlichen Arbeit hat, so ganz unwahrscheinlich ist die Sache dennoch nicht.

Am 1. Mai 1772, hier variiert das Jahr in den Publikationen zwischen 1771 und 1773, wobei 1771 für den Verlauf der Geschichte nicht schlüssig ist und 1773 so ziemlich unmöglich ist, da Gerard van Swieten ein Jahr zuvor starb. Jedenfalls sprachen am 1. Mai – vermutlich – 1772 drei fremde junge Ärzte bei van Swieten, dem Haupt der damaligen Wiener Medizinischen Schule vor, um ihm etwas zu zeigen, „das er nicht weiß“. „Das ist nicht weiter schwierig“, antwortete der damals bereits 72 Jahre alte Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia bescheiden, „davon gibt es vieles.“ Die drei Mediziner boten ihm daraufhin an, ein neues Mittel zu demonstrieren, mit dem schmerzlos operiert werden könne. Van Swieten lächelte ungläubig, hatte er doch schon des öfteren mit ähnlichen Phantasten zu tun gehabt. Obwohl er überaus skeptisch war, ließ er sich doch überreden. Die jungen Ärzte sollten am nächsten Tag die unglaubliche Wirkung ihres geheimnisvollen Mittels vorführen.

Von van Swieten kurz darauf informiert, beschloss Kaiserin Maria Theresia dem Experiment ebenfalls beizuwohnen. Die Kaiserin liebte ja wie ihr verstorbener Gatte Franz Stefan von Lothringen wissenschaftliche Experimente, förderte sie und war dabei auch gerne persönlich anwesend.

Bulldogge betäubt

Am nächsten Tag nun empfingen van Swieten und eine verschleierte Dame die drei jungen Männer. Nach kurzer Vorbereitung füllten die Ärzte dann verschiedene Chemikalien in eine Retorte und ließen das dabei entstehende Gas einen mitgebrachten Mastiff einatmen. Nach einer kurzen Erregungsphase schlief der Hund ein und fiel dann betäubt um. Daraufhin schnitt ihn einer der Ärzte tief in die Brust. Überraschenderweise zeigte der Hund dabei nicht das geringste Zeichen von Schmerz. Danach verband der Arzt die Wunde und die Teilnehmer des Experiments warteten gespannt auf das angekündigte Erwachen der Bulldogge. Was diese auch bald tat und nach kurzer Zeit wieder herumlief, so als ob nichts geschehen sei.

„Das ist in der Tat ein Wunder“, sagte die Kaiserin und van Swieten wollte sofort wissen: „Würden sie dies auch an einem Menschen tun?“ „Natürlich“, war die Antwort der Männer. „Dann operieren sie mich“, erwiderte van Swieten. Das wagten die jungen Ärzte aber nun doch nicht. Und auch Maria Theresia war heftig dagegen, ihren Leibarzt als Versuchskaninchen zur Verfügung zu stellen. Tief beeindruckt von der Vorführung, vereinbarte van Swieten aber sofort ein neuerliches Treffen um die Experimente fortzusetzen. Zu dieser geplanten Sitzung kam es aber nicht mehr. Van Swieten war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank, konnte seine Villa in Schönbrunn nicht mehr verlassen und starb hier am 18. Juni 1772. Politische Probleme beendeten auch Maria Theresias Interesse an diesem eindrucksvollen „Wunder“.

Die in van Swieten gesetzten, durchaus berechtigten Hoffnungen der drei Ärzte waren damit dahin. Sicher ist, dass der jedem Fortschritt in der Medizin überaus aufgeschlossene van Swieten die neue Entdeckung gefördert und wahrscheinlich auch gegen jeden Widerstand – in seinem Bereich absolutistisch herrschend wie seine Monarchin – durchgesetzt hätte. Leider endet hier die Geschichte der „ersten“ Narkose in Wien.

Vermutlich Äther

Wootton gab in seinen „Chronicles“ an, die Geschichte von einem nicht näher bezeichneten Prof. Franck erfahren zu haben. Von ihm erfuhr er auch den Namen eines der geheimnisvollen Besucher, Gautier van Decoren, ein flämischer Arzt. Aus welchen Chemikalien das Gas entstand, das den Hund betäubt hatte, erwähnte Franck aber nicht. Möglicherweise hielten die drei Ärzte es auch geheim. Ziemlich sicher – es spricht zumindest vieles dafür – dürfte es sich aber um Äther gehandelt haben. Seine Entdeckung und Herstellung wird heute üblicherweise dem „Doctor illuminatus“, dem Missionar und Alchemisten Raimundus Lullus (ca. 1232–1316) zugeschrieben. Aus Alkohol und konzentrierter Schwefelsäure soll er im 13. Jahrhundert den Diethylether hergestellt haben. „Oleum Vitrioli dulce“ nannte ihn dann Mitte des 16. Jahrhunderts Valerius Cordus (1515–1544) und er gab im ersten amtlichen Arzneibuch nördlich der Alpen auch eine Herstellungsvorschrift.

Zu dieser Zeit entdeckte auch Paracelsus (1493–1541) auf der Suche nach schmerzstillenden Substanzen das „süße Vitriol“. Da die Alchemisten aber nur der Rückstand in ihren Destillierkolben interessierte, erwähnten sie das dabei entstehende und entweichende Gas nur nebenbei. Erst im Jahr 1730 bezeichnete der deutsche Chemiker August Sigmund Frobenius (erstmals erwähnt 1727–1741?) das Präparat wegen seiner „Durchsichtigkeit und Flüchtigkeit“ Äther. Berühmt wurde die Substanz aber erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts durch die von Friedrich Hoffmann (1660–1742) erfundenen anregenden Tropfen aus Äther und Weingeist, den berühmten „Hoffmannstropfen“ und später natürlich durch die Narkose vom 16. Oktober 1846 in Boston.

Eine faszinierende Geschichte, diese vielleicht weltweit erste Narkose in Wien. Oder ist sie nur ein Histörchen, eine Schnurre die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt? Möglicherweise aber gibt es Quellen, die noch nicht gefunden wurden, vielleicht auch noch gar nicht gesucht wurden. So ganz unwahrscheinlich und fadenscheinig ist die Geschichte trotz ihrer Fehler eigentlich nicht. Mit van Swietens Tod „erlosch“ jedenfalls „der Funke, der Wien fast zur Geburtsstätte der Inhalationsanästhesie“ gemacht hätte. Die fremden Ärzte verschwanden. Wer weiß, vielleicht wäre Wien tatsächlich Boston geworden. Eines ist allerdings sicher: Se non è vero …

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