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Totenmaske und Gehirn von Julius Wagner-Jauregg: Warum das Gehirn des Psychiaters aufbewahrt wurde, ist nicht bekannt.
© W. Regal (3)

Hirnschnitte und –präparate, wohlgeordnet und katalogisiert.

 
Leben 7. Jänner 2013

Herz oder Hirn: Wo sitzt die Seele?

Die Hirnforschung auf der Suche nach der Lösung des Rätsels aller Rätsel.

Der Narrenturm ist kein Museum der Gehirne. Dennoch schwimmen in der unergründlichen Weitläufigkeit seiner Zellen unzählige Gehirne, Gehirnschnitte und Präparate wohlgeordnet und katalogisiert in exquisiten Glasgefäßen, teils auch prosaischer in gut verschlossenen Plastikbehältern.

Neben nicht nur aus historischen Gründen wertvollen neuropathologischen Sammlungen, ist das prominenteste Gehirn in der Sammlung wohl das von Julius Wagner-Jauregg. Warum das Gehirn des einzigen Psychiaters, der je einen Nobelpreis erhielt, für die Nachwelt aufbewahrt wurde, ist nicht bekannt. Womöglich war es für eine Sammlung berühmter Gehirne vorgesehen oder es sollte wie viele andere, so genannte „Elitegehirne“, später untersucht werden. Genau weiß man das nicht. Das Gehirn landete jedenfalls irgendwann im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum, wo es noch heute in einer leicht trüben Flüssigkeit schwimmt. Geforscht wurde an diesem Gehirn nie.

Für Aristoteles war das Hirn nur ein Kühlaggregat

Die alten Ägypter hatten vermutlich schon um 3000 v. Chr. recht gute anatomische Kenntnisse vom menschlichen Gehirn. Beeindruckt hat sie das Organ aber nicht. Als Sitz der Seele und Stätte allen Fühlens und Denken galt ihnen das Herz. Da es unerlässlich für die Prüfung des Verstorbenen beim Totengericht war, wurde es im Körper belassen. Das Gehirn jedoch entfernten sie bedenkenlos vor dem Einbalsamieren mit einem Haken durch die Nase.

Die Vorstellung vom Herz als Sitz der Seele und des Verstandes bestand aber auch noch im alten Griechenland. Während Alkmaion von Kroton und Hippokrates bereits um 500 v. Chr. das Gehirn für Gedächtnis, Empfindung, Wahrnehmung und Wissen verantwortlich machten, beharrte Aristoteles darauf, dass das Gehirn ein Kühlaggregat sei, dessen Aufgabe es sei, das durch die Nahrung erhitzte Blut zu kühlen. Der Streit um diese beiden Hypothesen bestand jahrhundertelang.

Seelenpneuma in Hohlräumen

Ein wichtiges Konzept der Hirnforschung war in der antiken Medizin die Lehre vom Pneuma, der Lebenskraft, die für alle physiologischen Vorgänge im Körper verantwortlich gemacht wurde. Für den 129 n. Chr. geborenen Galen waren die Ventrikel des Gehirns jener Ort, in dem das psychische Pneuma, der Spiritus animalis entsteht. Galen unterschied zwischen dem Spiritus naturalis, der aus der Nahrung in der Leber gebildet, im Herzen zum Spiritus vitalis umgewandelt wird und dann in den Ventrikeln des Gehirns zur seiner höchsten Form, dem Spiritus animalis, wird. Von dort verteile er sich über die hohlen Nerven im ganzen Körper.

Galens Konstrukt bestimmte die europäische Medizin bis in die Renaissance. Bemerkenswert ist, dass gerade die Hohlräume des Gehirns lange Zeit als Sitz der Seele und aller geistigen Fähigkeiten galten. Ganz so absurd, wie das heute erscheint, ist das aber nicht. Geist und Seele sind im Gegensatz zum Körper etwas nicht Stoffliches. So lag es nur nahe, dass sich das Seelenpneuma, der Spiritus animalis, gerade in den Hohlräumen des Gehirns fand und beim Tod des Individuums einfach entwich.

Berühmte Patienten: Monsieur Tan und Phineas Gage

Einer der ersten, der geistige Fähigkeiten, aber auch Begabungen und Charaktereigenschaften auf bestimmten Arealen des Großhirns vermutete, war der Anatom Franz Josef Gall. Anhand von Wölbungen am knöchernen Schädel versuchte er das zu belegen. Als Phrenologie wurde seine Lehre am Beginn des 19. Jahrhunderts überaus populär. Von all den „Hirnorganen“ – darunter so seltsame wie Heiligkeit, Diebessinn, Raufsinn und Würgesinn -, die Gall am Schädel beschrieb, bestätigte sich später, wahrscheinlich eher zufällig, nur die Lage des Sprachzentrums. Da sich später durch Beobachtungen bei Hirnverletzungen und grausamen Versuchen an lebenden Tieren herausstellte, dass Galls Theorie nicht stimmen konnte, kamen auch seine durchaus richtigen Ideen der funktionellen Gliederung des Gehirns in Verruf.

Um 1860 entdeckte Paul Broca bei der Obduktion seines Patienten „Monsieur Tan“ das motorische Sprachzentrum. Die einzige Silbe, die sein Patient noch sprechen konnte, war „Tan“, verstehen konnte er normal. Bei der Obduktion fand Broca einen Tumor im Bereich der dritten Hirnwindung des linken Frontallappens. Carl Wernicke fand dann einige Jahre später das sensorische Sprachzentrum.

Interessant für die Hirnforschung war der schreckliche Unfall des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage am 13. September 1848 in Vermont. Bei einer Sprengung durchbohrte eine 3 cm dicke Eisenstange seine linke Wange und trat dann nach gewaltiger Schädigung frontaler Hirnanteile oben am Kopf wieder aus. Gage überlebte den Unfall. Seine intellektuellen Fähigkeiten blieben ungestört. Aus dem freundlichen Gage wurde aber ein kindischer und unzuverlässiger Mensch. Frontalhirnsyndrom nennen heute Neurologen das Krankheitsbild.

Es bleibt herzlich

Faszinierend am Gehirn ist nicht nur die Tatsache, dass große Teile trotz hochentwickelter Technik und Diagnostik noch immer „Terra incognita“ sind. Faszinierend ist es auch, dass das Organ, das die Erkenntnis über das Gehirn unaufhaltsam vorantreibt, das Gehirn selbst ist. Nicht erst diese Tatsache hat für das Verständnis des Organs, das praktische auf „alles“ schauen kann, weitreichende psychologische aber auch philosophische Folgen. Mit neuen bildgebenden Verfahren ist die Neurowissenschaft in bisher ungeahnte Dimensionen vorgestoßen. Viele Menschen haben schon, vielleicht gar nicht unbegründet, Angst, dass es der Hirnforschung gelingen könnte, Gedanken zu manipulieren. Einblicke in kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und– noch umstritten – Bewusstsein sind mittlerweile möglich. Durch Veränderung der Durchblutung und des Energieverbrauchs können sie sichtbar gemacht werden.

Wie ist es aber möglich, dass einfache Nervenzellen vielfältigste Bewusstseinszustände, Gefühle und Wünsche „hervorbringen“ können? Bleibt es ein unlösbares Rätsel oder werden künftige Generationen über unsere Vorstellungen ebenso lächeln wie wir heute über die Alchemie oder die Vorstellung vom Sitz der Seele in den Ventrikeln des Gehirns oder in der Zirbeldrüse?

Aber trotz aller neuen Erkenntnisse wird sich vermutlich auch in Zukunft nichts daran ändern, dass wir uns – obwohl es sich nur um einen kräftigen Muskel handelt – „herzlich“ und nicht „hirnlich“ grüßen und wir uns manche Dinge „zu Herzen“ und nicht „ ins Hirn“ nehmen werden.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 1/2/2013

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