zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 11. Dezember 2012

Es wird Winter

In den dunklen, kalten Monaten sind viele Menschen krank und frustriert. Die verpflichtende Einführung des Winterschlafes könnte Abhilfe schaffen.

Es wird kälter, die Punschstände sind gut besucht, die Freibäder weniger. Kaum jemand geht freiwillig auf die Straße, sieht man von einigen prophetischen Ärzten ab, die Flugblätter verteilen, auf denen draufsteht, dass das Gesundheitssystem und damit auch der flugblattlesende Patient dem Untergang geweiht sind.

Der erste Schnee fällt und bleibt in den Städten ungefähr so lange liegen wie ein Oberarzt an einem Krankenbett verweilt, bevor er von dannen schmilzt.

Saisonal bedingte typisch winterliche Erkrankungen wie der gemeine Schnupfen lösen Erkrankungen wie den gemeinen Schnupfen ab und lassen die Patientenhorden in die überheizten Warteräume drängen, bevor ihnen die Weihnachtsferien ihre geliebten Ärzte wegnehmen und sie den Urlaubsvertretern überlassen sind.

Die saisonale Herbst-Winterdepression erfasst Behandelte wie auch deren Behandler und so sitzen sie einander lange Zeit schweigend in der Praxis gegenüber, bevor einer der beiden das Schweigen bricht und sagt: „Es ist halt scheiße!“ Dann verabschieden sie sich, der Patient bekommt ein Antidepressivum verschrieben, der Arzt kann es sich wenigstens aus der eigenen Hausapotheke nehmen.

Die anderen bekämpfen die ersten Anzeichen ihrer Depression mit Schokolade, um ihren Serotoninspiegel ein wenig zu pushen. In kaum einer Jahreszeit liegen Freude und Frust, Ruhe und Stress, Besinnlichkeit und Besinnungslosigkeit derart nahe beisammen, wie im Advent. Menschen, die sonst nicht im Traum daran denken, Obst oder Gemüse zu essen, verputzen nun tonnenweise Nüsse und Feigen, weil sie der Nikolaus gebracht hat und man in dieser Zeit einfach alles isst, was im Haus ist. Und was nicht im Haus ist, wird gebacken.

In der guten, alten Zeit, als die meisten Menschen dieses Landes noch auf den Feldern arbeiteten, zog man sich in den dunklen Monaten in die gemütlichen Stuben zurück und kurierte seine Bandscheibenvorfälle von der Arbeit. In der guten, neuen Zeit, wo die meisten Menschen die Felder nur von der Seite kennen, wenn sie auf der Autobahn aus dem Fenster blicken, lässt man sich vom Arzt ein Schmerzmittel gegen den Bandscheibenvorfall verschreiben, um nicht vom Bürosessel zu kippen, arbeitet jedoch weiter.

In diesem Sinne plädiere ich für die umfassende Einführung des Winterschlafes. Im Schlaf konsumiert man nicht, daher muss auch nichts produziert werden. Die Schlafenden gehen nicht in Ordinationen, sodass sich auch die Ärzte aufs Ohr hauen können. Und wenn alle wieder wach und gut gelaunt in die Frühlingssonne blicken, können wir über das Sommer-Nickerchen nachdenken.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben