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© Kicken, Berlin
Trude Fleischmann, Rauchende Frau.
© Fotomu

Geiringer & Horovitz: Elisabeth Bergner auf dem Kobenzl Wien.seum WestLicht

© Maria Austria Institut, Amsterdam

Deutsche Soldaten in Vondelstraat, 1943.

© C. Machlup

Cecile Machlup, Das Ereignis für uns.

 
Leben 3. November 2012

Ein Kapitel für sich

Jüdische Fotografinnen aus Wien: Eine bedeutende Epoche in der Geschichte der österreichischen Fotografie wird in der Ausstellung im Jüdischen Museum Wien wieder sichtbar.

Die Geschichte der österreichischen Fotografie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zwar dokumentiert, der wesentliche Beitrag, den jüdische Fotografinnen dazu geleistet haben, wird jedoch erstmals entsprechend gewürdigt.

Über drei Jahrzehnte hielten jüdische Fotografinnen das kulturelle Leben der österreichisch-ungarischen Monarchie und der Ersten Republik in all seinen Facetten für die Nachwelt fest. Entsprechend eindrucksvoll ist die Bandbreite der in dieser Ausstellung gezeigten Fotografien, die von den beiden Kuratorinnen Iris Meder und Andrea Winklbauer in akribischer Recherche zusammengetragen wurde. Anhand der sorgsam recherchierten Lebensläufe und der zahlreichen Exponate zeigt sich, was an hochqualitativer Fotografie über viele Jahre verschollen und der kollektiven Erinnerung entzogen war.

Eigene Wege

Wie aber lässt sich die Dominanz der Fotografinnen aus jüdisch-bürgerlichen Familien erklären? Die vorherrschend liberale Haltung der jüdischen Familien in Wien hat die höhere Schulbildung und berufliche Eigenständigkeit der Töchter generell begünstigt. Der Wunsch nach beruflicher Selbstbestimmung ließ sich beispielsweise durch die Ausbildung zur Fotografin erfüllen. Zwar war Mitte des 19. Jahrhunderts der Beruf des Fotografen weder besonders angesehen noch finanziell einträglich, mit der Gründung der „Photographischen Gesellschaft“ 1861 in Wien, begann sich dies nach und nach zu ändern. Damit war die notwendige Basis für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie gelegt.

Jüdische Fotografinnen wie Julia Haftner und Adele Perlmutter gehörten schon früh der „Photographischen Gesellschaft“ an. Adele Perlmutter war bereits seit 1868 K.k. Hoffotografin, ein Titel, den in der Folge Rosa Jenik, Olga Bacynska sowie die Familie Weitzmann für sich in Anspruch nehmen durften. Die Wiener Weltausstellung 1872 und der Aufstieg Wiens zur Metropole begünstigten die weitere Entwicklung. So wurde 1888 mit der „K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproductionsverfahren in Wien“ die weltweit erste Ausbildungsstätte für Fotografen gegründet. Einige der 40 in dieser Ausstellung repräsentierten Fotografinnen, darunter etwa Dora Kalmus, die mit ihrem Atelier Madame D´Ora international erfolgreich war oder Trude Fleischmann haben dort die technisch-handwerklichen Grundlagen der Fotografie erworben.

Zeit-Zeugnisse

Die Verbesserung der reproduktions- und drucktechnischen Verfahren begünstigte an der Wende zum 20. Jahrhundert die Fotografie. Außerdem kam zum kommerziell erfolgreichen „Carte de Visite“-Format das repräsentative größere Cabinet-Format“. Hinzu kam, dass Fotografien schon vor dem Ersten Weltkrieg ohne qualitative Verluste in Zeitschriften gedruckt werden konnten. Zusammen mit der ansteigenden Postkarten-Produktion erschlossen sich für professionelle Fotostudios interessante und vor allem lukrative Geschäftsfelder. Die Fotoateliers hatten regen Zulauf. Literaten, bildende Künstler, Schauspieler, erkannten schon vor der Jahrhundertwende das Potenzial dieses Mediums. Professionelle Studios, wie das von Dora Kalmus geführte „Madame D`Ora“, wurden in der Folge eine der ersten Adresse für Porträt- und Modefotografie. Die Kultur-Prominenz kam und ließ sich fotografisch porträtieren. So entstanden beeindruckende Porträts im Studio „Madame D`Ora“ von Gustav Klimt, Peter Altenberg und Adolf Loos, diese wurden von Trude Fleischmann und Ilse Pisch aufgenommen, Felix Salten etwa wurde von Edith Barakovic im Bild festgehalten. Aber auch Show-Stars wie Josephine Baker oder Louis Armstrong sind in dieser Ausstellung verewigt. Das Foto Martha Feins von Egons Schiele auf dem Sterbebett und jene Aufnahme Trude Fleischmanns von Stephan Zweig im Garten seines Hauses in Salzburg gehören zu den berührendsten Motiven, die fotografisch dokumentiert wurden. Das gesellschaftliche Prestige der Fotografie und der jüdischen Fotografinnen, die das kulturelle Leben in der Zweiten Republik im Bild festhielten, hatte durch diese Entwicklung deutlich gewonnen.

Beendete Unabhängigkeit

Die berufliche Unabhängigkeit der jüdischen Fotografinnen endete jedoch jäh. Schon unter der Regierung Dollfuß begann sich ihre berufliche Situation zu verschlechtern. Nicht allen war es möglich, rechtzeitig vor dem Anschluss zu emigrieren. Einige der 40 in der Ausstellung repräsentierten Fotografinnen wurden in der Folge Opfer des Nationalsozialismus. Von anderen verliert sich nach dem erzwungenen Weggang aus Österreich die Spur im Ausland. „Über ihr weiteres Leben und Werk ist nichts bekannt“, steht lakonisch und schonungslos nüchtern formuliert als Abschluss ihrer Biografie. Was blieb sind ihre Fotografien als erhaltene Zeugnisse ihres Schaffens. Der Weg jener, die nach der Emigration einen neuen Anfang in einem anderen Teil der Welt gewagt und erfolgreich bestanden haben, ist in dieser Ausstellung ebenso dokumentiert. In einigen, wenigen Fällen führte er wieder zurück nach Österreich.

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