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© W. Lübbers
Anwendung der Überall-Flasche am Hals

Inhalationsapparat mit Spiritusbrenner

 
Leben 26. November 2012

Gegen den Frosch im Hals

Vom Halskratzen und der Überall-Flasche.

Die Behandlung von erkältungsbedingten Halskrankheiten war schon immer eine Domäne der Selbstmedikation. In irgendeinem Badezimmerschränkchen fand sich immer irgendetwas zum Lutschen, Gurgeln oder Schleimlösen und im Notfall kam Großmutters Rezept für die Senf-Halswickel wieder zu hohen Ehren. Ärztliche Hilfe beschränkte sich in früheren Zeiten auf Einpinselungen mit obskuren „Lösungen“ oder empfahl langwierige Inhalationskuren.

Vor 60 Jahren bestand für das Kind eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes der besondere Reiz beim Besuch der väterlichen Praxis im Aufspüren von diesen herrlich roten, mit Zucker überzogenen Halspastillen aus Fruchtgelee in der ansonsten wohl gehüteten Arzneimusterkiste. Für drei Pastillen ließ sich auf dem Schulhof glatt ein Fußballer-Bildchen eintauschen. Selbst der HNO-Vater erlaubte diesen kritiklosen Süßigkeitskonsum, weil: „Was nicht hilft, das schadet auch nicht.“

Ein Großteil der Apothekerschaft scheint noch heute aus dem Verkauf dieser nicht verschreibungspflichtigen OTC-Mittel gegen Erkältungskrankheiten und Halsschmerzen einen erheblichen finanziellen Nutzen zu ziehen. Die abgeklärten ärztlichen Stellungnahmen dazu: „Das hilft dem Apotheker und nicht Dir“, oder „dauert mit Doktor eine Woche und ohne Doktor sieben Tage“. Alte Universitätsprofessoren der HNO-Heilkunde lehnten alle Therapieoptionen mit Lutschtabletten strikt ab, da das Halsgewebe und die Schleimhaut angeblich durch das andauernde Schlucken nur noch stärker mit den viralen Erregern durchmassiert würden. Selbst hatten sie aber alle irgendwelche Salbei- oder Pfefferminzbonbons in der Kitteltasche.

Zugegeben, symptomatische Medikamente mit einem Lokalanästhetikum und/oder einem Antiphlogistikum nehmen sicher den unangenehmen Schmerz. Ob die beigefügten Antibiotika und der Glukosesirup aber die Viren abtöten, mag fraglich bleiben. Da ist Mutters heiße Milch mit Honig schon besser, wenigstens für die Psyche, während die echten „Schleimer“ auf der Anwendung von Acetylcystein bestehen werden. Dabei dürfte der Therapieerfolg sicher auch durch das zum Tablettenschlucken genutzte Glas Wasser erheblich unterstützt werden.

Inhalationen

Der Volksglaube, dass unsichtbare Gase oder Flüssigkeitsnebel helfen, konnte durch medizinische Erfahrungen bestätigt werden. So wundert es nicht, dass insbesondere bei Halsbeschwerden das Einatmen aller möglichen Mittelchen angepriesen wurde. Ziel sollte es sein, die ausgetrockneten Schleimhäute anzufeuchten, um so den zähen festsitzenden Schleim zu lösen. Dabei wurde relativ spät erst das medizinisch-physikalische Problem der Teilchengröße erkannt. Gase, Duftstoffe, ätherische Öle und feinste Flüssigkeitsnebel schlagen sich nicht im Pharynx nieder, sondern werden im Alveolarbereich der Lunge aufgenommen. Für die Behandlung von Halserkrankungen sind also gröbere Partikel erforderlich, die sich in den oberen Atmungswegen niederschlagen, damit sie überhaupt wirksam werden können. Besonders nachdem Salzinhalationen als heilsam propagiert wurden, entstand eine ganze Kur- und Kurmittelindustrie, die den heute noch anhaltenden Bädertourismus nach sich zog. Vor allem um den „Frosch“ im Hals – etwa bei chronischen „Stimmkatarrhen“ – zu lösen, war und ist die Inhalationstherapie mit Solelösungen und/oder Dexpanthenol zur Schleimhautpflege noch immer der Goldstandard. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts blitzten in jeder gut ausgerüsteten HNO-Praxis Inhalationswände mit sechs Therapieplätzen und nebenher brodelte sicher auch noch irgendein „Bronchitiskessel“. Und jeder Arzt schwor auf seine eigene Inhalationslösung. Heute ist das „Inhalationsgewerbe“ in den HNO-Arzt-Praxen verkümmert, da es im Regelleistungsvolumen „versenkt“ wurde. Dies ist ein Beispiel dafür, wie eine an sich segensreiche Therapieoption nicht mehr angewandt wird, weil sie keinen finanziellen Segen mehr bringt.

Kälteflaschen

Aus diesen unbefriedigenden medikamentösen Therapieoptionen versuchte auch die medizintechnische Industrie ihre Vorteile zu ziehen. Der Hilfsmittelmarkt blühte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geradezu auf, da statt der teuren ärztlichen Beratung nun ein schneller Heilerfolg durch Selbstanwendung von technischen Medizinprodukten versprochen wurde. Dazu gehört auch die „Überall-Flasche“, die sich angeblich wegen ihrer beiden durch ein Scharnier verbundenen halbrunden Metallflaschen ideal zur Kältetherapie am Hals eignete.

Begleitet wurden diese Produkte von angeblichen authentischen und sehr persönlich verfassten Heilungsberichten: „Sehr geehrter Herr, Ihre gelenkige Wärme- und Kühlflasche hat einem Gliede meiner Gemeinde gute Dienste getan. Ich bin überzeugt, daß sich dieser Apparat bewähren wird. Da ich gern einen solchen Apparat verschenken möchte, bitte ich, mir per Nachnahme einen solchen zuzusenden. H.R., Pfarrer.“

Die Diskussion um die Nützlichkeit von Wärme- oder Kälteanwendungen an der Außenseite des Halses wird seit Generationen geführt. So mancher Kollege wird sich dankbar an die so „hoffnungsvoll“ angewandte Eiskrawatte erinnern, wenn der frisch tonsillektomierte Patient nicht so ganz „trocken“ den OP-Tisch verlassen hatte. Herr Prof. Iro, Erlangen, hat darauf hingewiesen, dass von äußerlicher Kälteanwendung am Hals nur eine geringe reflektorische Engstellung der Blutgefäße zu erwarten sei. Er empfahl daher zur innerlichen Anwendung das Lutschen von Eiswürfeln.

In unserer Praxis hat sich bei banalen Halsschmerzen die Empfehlung zur Selbstherstellung von Eiswürfeln aus starkem Salbeitee mit etwas Süßstoff bewährt. Der Patient weiß, was drin ist, es kostet nichts, riecht nach Medizin und es kühlt so schön. Damit ist wenigstens eine Kälteanästhesie erreicht. Bei Kindern kann man sich durch die Verordnung von „Wassereis“ à la „Capri Sonne“ beliebt machen, das immer noch besser helfen soll als ein warmer Schal um den Hals.

Ein weiterer nichtmedizinischer und auch sicher nicht ernst zu nehmender Tipp zur äußeren Behandlung von Halsschmerzen stammt aus den Zeiten des Ersten Weltkrieges: Bei Frauen soll das Umlegen einer langen, dicken Perlenkette helfen, bei Männern dagegen das Umhängen eines militärischen Ordens. Heute würde man das als „Gender Medicine“ bezeichnen.

Literatur bei den Verfassern

Der Originalartikel von den beiden HNO-Fachärzten Dr. Wolf Lübbers und Dr. Christian W. Lübbers ist erschienen in den HNO Nachrichten 2012; 42 (5): 72-73.

W. Lübbers und C.Lübbers, Ärzte Woche 48/2012

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