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Leben 19. November 2012

Sport statt Mathe

Die zunehmende Trägheit unseres Nachwuchses erfordert Gegenmaßnahmen, wie die viel diskutierte tägliche Turnstunde.

Auch wenn es vielen in der Erinnerung nicht so vorkommt: Früher waren nur wenige Dinge wirklich besser. Vielleicht die Luft, die Qualität der Hosen oder das Fernsehprogramm am Nachmittag (Testbild). Was zweifelsfrei besser war: die Nachmittagsbeschäftigung der Kinder. Raus in den Wald, in den Hof, auf die Gstätten, wo man früher Banden gegründet und geheime Verstecke gebaut hat, heute jedoch der neue Wohnblock steht. Dort drin wohnen sie nun, die Kinder von gestern und deren Kinder gehen nun nach getanen Hausübungen raus in ihr Zimmer und schalten den Computer ein. Angeblich gibt es sogar ein Konsolenspiel, bei der man simulieren kann, ein Mitglied einer Bande auf der Gstätten zu sein.

Unterm Strich bewegen sich die durchschnittlichen Stadtkinder nachmittags kaum bis gar nicht. Manche sogar noch weniger. Die Zahl der besorgten Erwachsenen, die sich für eine tägliche Turnstunde in der Schule aussprechen, wird daher zunehmend größer. Kinder bräuchten Bewegung, Lehrer durch die Erschöpfung willenlos gemachte Schüler und Eltern verschwitzte Turnleibchen, weil sie sonst nicht wissen, was sie mit dem lieben langen Tag anfangen sollen, außer zu waschen.

Meine eigene Turnstunde, ich glaube, ich hab es an dieser Stelle schon mal erwähnt, bestand darin, nach drei Minuten schweißtreibenden Aufwärmens ein Turngerät herzurichten, in einer Reihe Platz zu nehmen und eine halbe Stunde darauf zu warten, bis man sich die Kniekehle am Reck durchscheuern durfte. Wer Glück hatte, kam kein zweites Mal dran. Wenn ich mir nun vorstelle, dass Schüler täglich eine halbe Stunde zusätzlich am Boden sitzen und einmal kurz am Reck baumeln müssen, erkenne ich nicht ganz den gesundheitsfördernden Effekt. Da macht man noch mehr Bewegung (und hat mehr Spaß daran) einmal ordentlich mit der Kreide auf einen Mitschüler zu werfen. Und das geht am besten im Klassenzimmer, in einem anderen Gegenstand.

Heute ist das alles hoffentlich anders und die Turnlehrer kennen sich nicht nur auch in Geografie aus, sondern ebenso in Pädagogik. Das heißt, sie können dem Nachwuchs die Freude am Sport vermitteln und bringen sie dazu, sich in der Turnstunde zu bewegen und zu verausgaben, bis die Endorphine sprudeln. Das macht die Kleinen für die darauf folgende Mathestunde zwar etwas aufgekratzt, aber wer braucht schon exakt gezeichnete Kurven, um sie zu diskutieren.

Wenn schon tägliche Turnstunde, dann aber für alle. Also auch für die Erwachsenen, die beruflich vor einem Computer, hinterm Steuer oder an einem OP-Tisch stehen. Völkerball im Operationssaal mit dem Anästhesisten als Freigeist oder Bowling in den langen Krankenhausgängen kann auch das Spital zu einem Turnsaal für die Belegschaft machen. Wir wollen schließlich nicht, dass unsere Kinder gesünder werden, als wir!

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher. , Ärzte Woche 47/2012

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