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Leben 12. November 2012

Der Gang aufs Töpfchen

 

Bei aller Hightech-Medizin und dem Anspruch einer umfassenden bio-psycho-sozio-kulturellen Herangehensweise steht die Frage nach dem „großen Geschäft“ immer noch im Zentrum der Heilkunst im Spital.

Im Krankenhaus wird vielen Menschen oft erst bewusst, dass sie einen Körper besitzen, der auch Funktionen wahrnimmt. Vor allem wird ihnen bewusst, dass auch andere Menschen, die im selben Krankenzimmer liegen, Körperfunktionen haben. So viele, dass man sie gar nicht alle kennenlernen möchte.

Zudem lernt man dazu, dass die Ausscheidung wohl die wichtigste aller Körperfunktionen zu sein scheint. Darum dreht sich das Universum einer Station: wer, wie viel Pipi macht und wie erfüllend die Stuhlmengen sind. Patienten fühlen sich dann in die frühe Kindheit zurückversetzt, in der ein erfolgreicher Töpfchengang die Eltern in eine ekstatische Begeisterung versetzt, wie man sie von ihnen erst wieder bei der Überreichung der Promotionsurkunde zu sehen bekommt.

Im Spital spiegelt sich die Freude über das geglückte Häufchen in den Augen des Personals wider und man unternimmt alle Kraftanstrengungen, um die Pflegekräfte glücklich zu sehen. Ich habe mich immer schon gefragt, warum etwas derart profanes wie ein Ausscheidungsprodukt im Krankenhaus einen so hohen Stellenwert einnimmt. Die Antwort ist wie immer, ebenfalls profan. Denn es geht um das schlichte Quantifizieren von nicht einschätzbaren und daher unheimlichen Vorgängen.

Die Frage „wie geht’s Ihnen heute?“ wird von den Patienten nur sehr schwammig beantwortet. Das ist unbefriedigend, denn neben unserer hervorragenden Therapie spielen auch andere Parameter eine Rolle, wie die Zusammensetzung des Mittagsmenüs, die Zusammensetzung des Verwandtenbesuches oder die Zusammensetzung des abendlichen Fernsehprogrammes.

Die Quantifizierung von Körpervorgängen, das schlichte Abhaken von absolvierten Stuhlgängen und die Messung von Harnmengen, gibt uns wieder jene Sicherheit, die wir uns wünschen. Denn geht’s dem Stoffwechsel gut, geht’s uns allen gut.

Selbst auf psychosomatischen Abteilungen wird neben der Evaluierung der Gefühlswelt, einer empathischen Patientenführung und dem Versuch, mit Körpertherapien das Leib-Seele-Gleichgewicht wieder herzustellen die wesentlichste aller Fragen gestellt: „Und waren wir schon am Klo?“

Dass es sich, wie böse Zungen behaupten, um eine kollektive anale Fixierung des Klinikpersonals handelt, ist zumindest nicht bewiesen. Wer brav verdaut, dem kann im Krankenhaus nichts passieren. Der Rest wird mit einem Einlauf seiner Wahl belohnt.

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