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© Kunstkammer, Kunsthistorisches Museum Wien
Kühlkugeln Bergkristall 16./17. Jahrhundert
© Kunstkammer, Kunsthistorisches Museum Wien

Schriftmusterbuch frühes 17. Jahrhundert, Georg Bocsay, Schrift, Joris Hoefnagel, Miniaturen und Jan Vermeyen, Goldschmiedearbeiten

© Gary Regester

Ed Ruscha (Courtesy Gagosian Gallery)

© Kunstkammer, Kunsthistorisches Museum Wien

Bezoare

 
Leben 12. November 2012

Ein Wechselspiel der Beziehungen

Nach über 50 Jahren kam Ed Ruscha wieder nach Wien: in der Ausstellung „The Ancients stole all our great ideas“ präsentiert er seine ganz persönliche Sicht einer Wunderkammer.

Das Kunsthistorische Museum in Wien geht neue anregende Wege, um eine andere Art der Begegnung mit sehr bekannten wie auch selten ausgestellten Werken zuzulassen. Fortan werden von Jasper Sharp als Konzept-Verantwortlichem international renommierte Künstler eingeladen, um mit den Sammlungen des Kunsthistorischen Museum zu arbeiten. Der Auftakt dazu erfolgte nun mit Ed Ruscha.

In seinen Arbeiten bewegt sich Ed Ruscha seit Jahrzehnten immer auf mehreren unterschiedlichen Ebenen. Kein Wunder also, dass er für das Konzept einer individuellen Kunst- und Wunderkammer geradezu prädestiniert ist. Was zunächst als Wagnis erschien, geht in diesem Fall tatsächlich auf. Ruscha orientiert sich nämlich an der charakteristischen Einteilung der Wunderkammer in die vier Bereiche: exotica, naturalia, scientifica und artificialia. Das schafft die seltene Möglichkeit, um in einem Wechselspiel Kunstwerke höchsten Ranges, wie der „Kinderspiele“ von Pieter Bruegel d. Älteren oder dem „Sommer“ von Giuseppe Archimboldo, mit Naturformen oder Exponaten aus dem Bereich der Wissenschaft in Szene zu setzen.

Das Besondere finden

Bei seinen Streifzügen durch die Ausstellungsräume und Depots des Kunsthistorischen und des Naturhistorischen Museums im Beisein von Jasper Sharp und den Kuratoren beider Häuser hat Ed Ruscha eine Auswahl fernab aller gängigen hierarchisch-musealen Konzeptionen getroffen. Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die Fülle der Exponate und die schiere Menge an Möglichkeiten, die sich dadurch grundsätzlich eröffnet. Als roter Faden galt, dass alles, was schließlich aus dem Bestand der beiden Museen ausgewählt wurde, einen Bezug zu Ed Ruscha und seinen Werken haben sollte. Darum befindet sich unter den Ausstellungstücken auch ein 50.000 Jahre alter Meteorit aus Arizona. Eben dort lebt und arbeitet Ed Ruscha. Hinzu kommt, dass dieser Meteorit 1891 gefunden wurde, im Geburtsjahr von Ed Ruschas Vater und gleichzeitig im Eröffnungsjahr des Kunsthistorischen Museums.

Biografisches hat also einen gewissen Anteil an der Konzeption dieser Ausstellung. Zu dieser biografischen Ebene gehören auch die Klapperschlange und der ausgestopfte Kojote, beides Symbole des amerikanischen Westens. Den Bezug zum künstlerischen Schaffen Ed Ruschas bilden etwa die ausgestellten Musterbücher mit kunstvoll ausgeführten Porträt- und Schriftskizzen. Da die Lesbarkeit der Bilder für Ruscha eine wesentliche Rolle spielt, bezieht er Schrift als Gestaltungsmittel mit ein. Das einzige seiner Werke in dieser Ausstellung steht damit in direktem Zusammenhang. Es hat zudem einen direkten Bezug zu seinem ersten Aufenthalt in Wien.

Die Welt begreifen

Die Kunst- und Wunderkammern, auf die sich Ed Ruscha bezieht, wie jene auf Schloss Ambras in Tirol, sorgten an der Schwelle von der Renaissance zur Neuzeit für enormes Aufsehen. In ihnen wurde erstmals der Versuch unternommen, eine klassifizierende Ordnung zu schaffen. Ed Ruscha hat diese europäisch geprägte Sichtweise in sein eigenes Konzept übersetzt. Dabei spielen die Querverweise der einzelnen Exponate zueinander eine wesentliche Rolle. Einerseits wird so die Affinität zu europäischer Kultur- und Kunstgeschichte offenkundig. Andererseits ist hier noch weit mehr im Spiel: denn über die höfischen Kunst- und Wunderkammern des späten 16. Jahrhunderts hinaus ermöglichte die ausufernde Sammeltätigkeit im 18. und 19. Jahrhundert, im Rahmen groß angelegter naturkundlicher Expeditionen, ein tieferes und wesentlich umfassenderes Verständnis. Die Taxonomie, also die Qualifizierung und Quantifizierung, erlaubte als Basis nun einen weit umfassenderen Überblick. Dass Wunderkammern für Verwunderung und Staunen sorgen, gehört zu ihren besonderen Eigenschaften. Wie in allen Wunderkammern kommt das Wunderbare auch bei Ed Ruscha zur Geltung. So geraten „Bezoare“, deren Ursprung man streng wissenschaftlich erst durch veterinärmedizinische Erkenntnisse erklären konnte, in Beziehung zu Bergkristallkugeln aus dem 18. Jahrhundert. Letztere wurden zur Kühlung bei großer Hitze in der Hand gehalten und sollten, auf die Brust gelegt, auch Linderung bei Fieber verschaffen. Den Bezoaren sagte man nach, dass sie Gift unschädlich machen könnten. Und auch der bereits erwähnte ausgestopfte Kojote hat nicht nur biografische Bezüge. Im Kulturkreis der Prärieindianer ist er der Mittler zwischen den Gesetzmäßigkeiten der Natur und der Imagination. Schließlich ist eine festgesetzte Ordnung nie dauerhaft gültig. Das vermittelt – im mythologischen Sinn – der Kojote. Er symbolisiert das chaotische Element, das jede Ordnung infrage stellt. Und damit ist auch klar gestellt, dass die hier geschaffene Beziehung der Exponate zueinander nur eine temporäre sein kann. Das Besondere steht dabei im Mittelpunkt, ganz gleich ob es natürlich oder als Ausdruck künstlerischen Schaffens entstanden ist. Eine bildende, schaffende Kraft, ob evolutionären oder künstlerisch-gestaltenden Ursprungs liegt dem immer zugrunde. Ed Ruscha hat hier eine Ausstellung voller Weisheit und Inspiration geschaffen, die noch bis 2. Dezember 2012 zu sehen ist. Für das Kunsthistorische Museum ist dies im Hinblick auf die Wiedereröffnung der Kunstkammer des Hauses im Februar 2013 ein vielversprechender Auftakt.

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