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Leben 5. November 2012

Götter mit heruntergelassenen Hosen

Eine medizinische Behandlung auf Augenhöhe kann man auf zwei Wegen erreichen: die Erniedrigung der Ärzte oder die Erhebung der Patienten.

Viel wurde geschrieben über den Wunsch der Patienten, von ihren Ärzten partnerschaftlich, also auf gleicher Ebene, behandelt zu werden. Die Praxis sieht bekanntlich anders aus. Bildlich gesprochen pilgern die Patienten in die Tempel der Heilkunst und stecken die E-Card in die Opferstöcke. Die Ebene ist mehr als schief. Um sie gerade zu rücken, also eine annähende Gleichberechtigung in die Arzt-Patienten-Beziehung zu bringen, bedarf es daher einiger Korrekturen.

Die Erniedrigung der Ärzte ist eine Möglichkeit, jedoch keine so gute Lösung. Wer lässt sich schon freiwillig downgraden? Zwar wird immer wieder versucht, die Mediziner mit der beliebten Trendsportart Ärzte-Bashing von ihren hohen Rössern zu holen, doch im Endeffekt sitzen die Basher dann doch wieder reumütig in den Wartezimmern der Ordinationen, wenn sie selbst mal was brauchen. Zudem gibt es bei den heutigen Arbeitszeiten und der mäßigen Entlohnung der Ärzteschichten in den Niederungen des Olymps nicht mehr allzu viel zu erniedrigen. Was würde es auch für einen Sinn machen, einen behandelnden Arzt mit einem lächerlichen Nachthemdchen auszustaffieren und stundenlang auf einen unbequemen Sessel vor das Röntgen zu setzen, nur um ihn auf die Augenhöhe unserer Patienten zu bringen?

Wir sollten also eher beginnen, unsere Patienten upzugraden und in den Stand der Halbgötter und Götter zu erheben. Zwar können wir sie heute bereits zumindest als „Götter mit heruntergelassenen Hosen“ bezeichnen, zur Aufwertung unserer Patienten in den überirdischen Olymp medizinischer Lichtgestalten braucht es jedoch mehr, als Wortspielereien.

Nach dem Motto: „Sei selbst dein kompetenter Arzt“ sollten wir unseren Patienten medizinische Kernkompetenzen beibringen, die sie allmählich auf Augenhöhe mit uns bringen. Natürlich ist das schwierig und erfordert neben einem Medizinstudium eine jahrelange Ausbildung. Aber es wäre mal ein guter Anfang, wenn unsere Klientel einmal begreift, dass Cholesterin nicht ansteckend ist (außer bei ungeschütztem Verkehr mit einem Schweinsbraten) oder der menschliche Organismus in der Regel nur eine Leber besitzt (und man nicht auf der Zweiten weitersaufen kann).

Wissen ist Macht und jeder sollte zumindest einmal einen kurzen Blick in die Betriebsanleitung seines eigenen Körpers, mit dem er schließlich ein Leben lang herumläuft, hineinwerfen. Dort erfährt man nämlich tatsächlich Erstaunliches und nicht nur Götter dürfen sie lesen. Selbst, wenn sie manchmal auf Latein verfasst ist.

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