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Leben 29. Oktober 2012

Winterzeit

Die eine Stunde länger schlafen ist nur geborgt. Wir müssen sie im Frühjahr wieder zurückgeben.

Wenn es draußen dunkel wird, die Zirbeldrüse keine natürlichen Lichtsignale mehr erhält und sich die Herbstdepression nahtlos an die Frühjahrsmüdigkeit anschließt, dann ist es an der Zeit, die Uhren umzustellen und dafür zu sorgen, dass dieses Gefühl so richtig einfährt.

Bereits bei der Nachspeise des Mittagsmenüs beginnt es zu dämmern und spätestens beim nach Hause kommen wähnt man sich an einem Ort weit nördlich des Polarkreises. So bleibt einem oft nichts, als es sich in den eigenen vier Wänden vor dem gemütlich knisternden Fernseher gemütlich zu machen. Wärmende Bilder von Kliniken unter Palmen können aufmuntern, viele tendieren jedoch dazu, sich Sendungen über das Nomadenleben im nördlichen Sibirien anzusehen, um sich darüber zu freuen, dass es anderswo noch trister zugeht.

Viel wurde in den letzten Jahren über die Auswirkungen von Sommer- und Winterzeit auf den Organismus diskutiert. Die Chronobiologie weiß darüber zu berichten, wie nur eine einzige verschobene Stunde den Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Es wird einem Nichts geschenkt

Kurzfristig kann man sich ja über die Tatsache freuen, an einem Herbsttag eine Stunde länger schlafen zu dürfen, wenn die Uhren zurückgestellt werden. Doch wie es so ist im Leben wird einem Nichts geschenkt. Auch nicht diese Stunde. Vielmehr ist sie nur geborgt, wir müssen sie im Frühling wieder zurückgeben und bezahlen sie bitter mit massiver Müdigkeit. Ein schönes Gleichnis, das uns zeigt, dass Vieles im Prinzip nur auf Kredit erworben wird. Schließlich gehören Haus, Auto und auch das neue Gebiss anfangs zumeist der Bank. Vor lauter Freude über die jüngste Errungenschaft vergessen wir, dass wir sie auch irgendwann einmal zurückzahlen müssen.

Auch die weihnachtliche Völlerei ist im Prinzip auf Leasing begründet: Wir erwerben überschüssige Kilos, die wir jedoch später wieder mühsam abgeben müssen. Die Begeisterung über die Vanillekipferl hält, im Vergleich zu den Anstrengungen, mit denen wir die Gewichtsraten abstottern müssen, nur kurz an.

Die Wirtschaft verdient doppelt: Zuerst wird uns die neue Süßigkeit mittels flexibler Finanzierung schmackhaft gemacht (jetzt essen, erst später bereuen), dann verkauft sie uns Modelle, wie wir die Schuldenlast mittels Fitnesscenter, Diätpillen oder Fettabsaugung wieder abbauen.

Ein wenig mehr Weitblick wäre also hier angebracht, bevor man seine Cholesterin- und Triglyceridwerte auf Pump in die Höhe jagt. Frei nach dem Spruch der internationalen Umweltbewegung könnte man sagen: Wir haben den Körper von unseren Ärzten nur geborgt. Denn die nächste Blutabnahme kommt bestimmt.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 44/2012

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