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Instrumente der „Zahnbrecher“ zum Zähne ziehen
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Arbeitsplatz eines Zahntechnikers.

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Miswak, die traditionelle arabische Zahnbürste aus dem Zweig des Zahnbürstenbaums (Salvatora persica).

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Komplettes Ensemble einer Behandlungseinheit.

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Hölzener „Baderstuhl“ mit Nackenstütze

© historisch

Georg Carabelli Edler von Lunkaszprie (1887 – 1824), stellte in Österreich die Zahnheilkunde auf eine wissenschaftliche Basis.

 
Leben 3. November 2012

Vom Baderstuhl zum Kompaktarbeitsplatz

Das Linzer Museum für Geschichte der Zahnheilkunde und Zahntechnik stellt Exponate aus der Zeit um 1700 bis in die jüngste Vergangenheit aus.

„Der Zahnschmerz ist der heftigste und grausamste aller Schmerzen, die nicht zum Tode führen“, schrieb der berühmte französische Chirurg und Barbier Ambroise Paré (1510–1590) um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Den Kampf gegen dieses Übel und vieles, vieles mehr aus der Welt der Zahnmedizin und Zahntechnik präsentiert eindrucksvoll das neu gestaltete „Zahnmuseum Linz“ im Alten Rathaus am Hauptplatz in Linz.

Jahrtausende lang war es der Zahnwurm oder eine gottgewollte Prüfung, die für das schmerzhafte Bohren im erkrankten Zahn verantwortlich gemacht wurde. Halfen aber alle Stoßgebete zur heiligen Apollonia – der Patronin der Zahnkranken und Schutzheiligen der Zahnärzte – nichts, so blieb dem bedauernswerten Leidenden nur mehr der Weg zum „Zahnarzt“, besser gesagt zum Zahnreißer oder Zahnbrecher. Das waren mehr oder weniger geschickte Handwerker, die das öffentliche Zahnziehen unter dem Beifall des Volkes zu einem Schauspiel machten.

Die Angst vor Zahnärzte blieb bis heute

Schon Paré riet jenen, die sich Zähne ziehen lassen mussten, „lieber alte als junge Zahnbehandler aufzusuchen“, denn „es kann einem passieren, dass man drei Zähne aus dem Mund entfernt und den schlechten und faulen Zahn stehen lässt“. Kein Wunder bei jenen Instrumenten, die im Zahnmuseum an diese schrecklichen Zeiten erinnern. Auch heute noch beschert allein ihr Anblick – nicht nur sensiblen Gemütern – feuchte Hände und Schweißperlen auf der Stirn. Der Stand der reisenden, besser wohl reißenden, „Zahnärzte“ starb erst im 18. Jahrhundert allmählich aus. Nach und nach ließen sich die Wundärzte und Barbiere in den Städten nieder. Auch die Medizin begann sich zunehmend wissenschaftlich mit der Zahnheilkunde zu beschäftigen. Erste Kenntnisse über Anatomie, Physiologie und Pathologie der Zähne kamen auf.

Ersten Pioniere der Zahnheilkunde

Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete der französische Chirurg Pierre Fauchard (167–1761). Sein Interesse war nicht das Zahnziehen, er beschäftige sich mit feineren Techniken wie Bohren, Feilen, Herstellen von Prothesen, Transplantieren und Kieferchirurgie. In seinem 1728 erschienen Buch „Le chirurgien dentiste ou traité des dents“ (1733 erschien die deutsche Übersetzung) beschrieb er erstmals umfassend die wissenschaftlichen Grundlagen der Zahnheilkunde. Mit Fauchard bekam die Zahnheilkunde bereits den Charakter eines eigenen Fachgebietes. Besonderes Interesse für das neue Fach hatte man in den Vereinigten Staaten. Das erste Institut für zahnärztliche Fachausbildung entstand 1839 in Baltimore.

In Österreich war es der Mediziner Georg Carabelli Edler von Lunkaszprie (1887–1824), der die Zahnheilkunde auf eine wissenschaftliche Basis stellte. In der ehemaligen militärärztlichen Akademie im Josephinum in Wien hielt er ab 1821 die ersten Vorlesungen über Zahnheilkunde. Akademisch ausgebildete Zahnärzte waren aber weiterhin eine Seltenheit und der Ruf der Zahnärzte war schlichtweg miserabel.

Ruf der Zahnärzte war lange Zeit sehr schlecht

Wie schlecht, zeigt diese Anekdote: Carabelli wollte einen jungen talentierten Mediziner überreden, bei ihm Assistent zu werden. Moriz Heider (1816–1866), der junge umworbene Mediziner, soll seinem Lehrer auf das Angebot geantwortet haben: „Ein honetter Mensch, der etwas gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden.“ Erfreulicherweise wurde Heider aber nicht nur Zahnarzt, sondern 1843 sogar auch Carabellis Nachfolger.

Heider gilt heute als Pionier der wissenschaftlichen und technischen Zahnheilkunde – er war lange Zeit der einzige Zahnarzt im deutsch- sprachigen Raum, der die neue Methode der gehämmerten Goldfüllung praktizierte – und Kämpfer für das gesellschaftliche Ansehen des Zahnärztestandes. In Österreich führten seine Aufbauarbeit der Adolphe Zsigmondy (1816–1880), der berühmte Zahnarzt Kaiserin Sisis und der auch das internationale Zahnschema entwickelte, und dessen Sohn Otto (1860–1917) weiter.

Exponate aus der Zeit um 1700

Ausgestellt sind im Museum Exponate aus der Zeit um 1700 bis in die jüngste Vergangenheit. Die ältesten Exponate sind ein Zahnschlüssel, wie er um 1730 gebräuchlich war, und eine hölzerner „Baderstuhl“ mit Nackenstütze, ein Vorläufer der später immer aufwendigeren Behandlungseinheiten. Aufgebaut in Nischen präsentiert die Sammlung komplette Ensembles von Behandlungseinheiten mit entsprechender Technik und Instrumentarium von der „Altwiener Nobelpraxis“ um 1900 bis zum Kompaktbehandlungsplatz der Firma Siemens aus dem Jahr 1983. Dieser Behandlungsplatz stand bis 1997 im Programm und wurde mehr als 30.000 Mal verkauft.

... im Wandel der Zeit

Das Zahnröntgen im Wandel der Zeit ist hier ebenso dokumentiert wie der Arbeitsplatz eines Zahntechnikers und Apparate der Zahntechnik, vom ersten Keramikbrennofen bis zum Computer für softwaregesteuerte Porzellaninlays aus dem Jahr 1985.

Als kuriose Raritäten der Sammlung imponieren der Miswak, die traditionelle arabische Zahnbürste aus dem Zweig des Zahnbürstenbaums (Salvatora persica), dessen hoher Fluoridgehalt die Effizienz der Oralprophylaxe unterstützt und ein sogenannter „Mastikator“, ein kleines Gerät zum Zerbröseln von hartem Brot. Vermischt mit Wasser, konnte so auch ein Zahnloser Brot zu sich nehmen.

Videos über die Geschichte der Zahnheilkunde und verwandte Themen runden die einzigartige und mit viel Liebe zusammengetragene und präsentierte Schau rund um die historische Zahnmedizin und Dentalpraktiken ab. Der Eintritt ist frei.

Ausstellung

Linzer Museum für Geschichte der Zahnheilkunde und Zahntechnik Im Alten Rathaus der Stadt Linz, 4010 Linz, Hauptplatz 1
Anmeldung für Führungen im „Museum Genesis“
Tel: 0732/7070 1920
www.zahnmuseum-linz.at

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 09.00–13.00 Uhr und 14.00–18.00 Uhr
Donnerstag bis 21.00 Uhr
Eintritt frei!

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 44/2012

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