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Leben 24. Oktober 2012

Wer fürchtet sich vorm weißen Mann?

Legere, bunte Arbeitsbekleidung scheint bei Patienten besser anzukommen, als steriles Weiß. Vielleicht werden aus den Göttern in Weiß ja einmal die Götter im Hawaii-Hemd.

So lange haben wir an unserem Image gebastelt, haben am Bild der „Götter in Weiß“ gemalt. Der Kittel ist mehr als nur Berufskleidung, er ist Berufungskleidung, fast schon ein religiöses Stück Leibesschmuck, das uns magische Heilkräfte verleiht. Pragmatischer gesprochen könnte man sagen, dass sich ein weißer Mantel aufgrund der Hygiene bewährt hat. Gerade bei Kollegen, die gerne und viel beim Blutabnehmen kleckern, sieht man Körperflüssigkeiten eben leichter auf strahlendem Weiß, denn auf einem bunten Hawaii-Hemdchen, bei dem sich das rote Blut kaum vom Bild einer Acerola-Kirsche unterscheidet.

In einer Studie aus dem steiermärkischen Leoben konnte man nun, zumindest bei Kinderärzten, die Frage klären, ob man im T-Shirt und in bunten Hosenträgern genauso vertrauenswürdig rüberkommt, wie im klassischen Doktor-Look. Und es scheint, als ob es den Patienten tatsächlich lieber wäre, wenn wir etwas legerer auftreten würden. Interessanterweise sind es nicht nur die befragten Kinder, die wahrscheinlich einen Arzt im Batman-Kostüm die höchste Kompetenz zuschreiben würden, selbst den kritischen Eltern scheint eine nicht traditionelle Ärztekluft lieber. Schließlich wird das typische medizinische Weiß eher mit Schmerzen und unangenehmen Situationen assoziiert. Dazu muss jedoch gesagt werden, dass auch der Apotheker oder sogar der Bäcker nebenan gerne im weißen Kittel herumläuft. Zwar kann ein hartes Brot durchaus Schmerzen zufügen, die Furcht der Kunden scheint sich jedoch hier in Grenzen zu halten. Umgekehrt verschlimmern sich Symptome sogar, wenn Patienten einen weißen Mantel zu Gesicht bekommen. Der Weißkitteleffekt beim Bluthochdruck ist bekannt.

Die Idee, dem weißen Mantel abzuschwören, hat etwas für sich. Es ist der Versuch, die viel zitierte gleiche Augenhöhe zwischen Ärzten und Patienten herzustellen. Gleiches Gewand – gleiches Recht. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, allen Patienten weiße Mäntel anzuziehen und ihnen lässig ein Stethoskop um den Nacken zu hängen. Dann hätten zwar auch alle dasselbe an, die Verwirrung im Krankenhaus wäre aber wohl zu groß.

Aber wahrscheinlich ist es egal, was wir anhaben. Denn was nützt ein freundliches Outfit, wenn die innere Einstellung auf Misanthrop geschaltet ist. Wird der Belegschaft in einem Amt das Tragen lustiger T-Shirts mit Smileys verordnet, so kann dies auch skurril wirken, wenn man als Bittsteller von einem grantigen Beamten mit Smiley zur Schnecke gemacht wird. Und auch ein als Patriarch agierender Arzt wird durch eine bunte Kleidung nicht partnerschaftlicher agieren. Daher ist für Patienten die Klärung der Frage, was der Arzt unter seinem Kittel trägt, weitaus interessanter.

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