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© BHS Linz/Werner Harrer
Linz ist Österreichs erste Adresse für Kinder mit Problemen im Uro-Genitaltrakt: Dr. Christoph Berger beim Patientengespräch.
© BHS Linz/Kerschbaummayr

Marcus Riccabona (re.) übergibt die Leitung der Kinderurologie an Josef Oswald (li.).

 
Leben 24. Oktober 2012

20 Jahre Kinderurologie in Linz

Spezialisiert, zertifiziert und sozial engagiert.

In den vergangenen 20 Jahren wurde am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz die größte kinderurologische Abteilung Österreichs aufgebaut und etabliert. Mit Oktober übernimmt Doz. Dr. Josef Oswald die Abteilungsleitung.

In der Kinderurologie gibt es großen Bedarf an spezialisierten medizinischen Leistungen. Das wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass mehr als 30 Prozent der Patienten der Kinderurologie in Linz aus den Bundesländern und dem Ausland kommen. Die Abteilung ist auch Europäisches Ausbildungszentrum für Kinderurologen. Mediziner aus ganz Europa kommen nach Linz, um hier die neuesten Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie zu erlernen. Ebenfalls einzigartig in Österreich ist die in der Abteilung integrierte Blasenschule. Kinder mit Kontinenzproblemen werden hier von einer eigenen Kinder-Urotherapeutin betreut.

Welche Fehlbildungen oder Krankheiten werden behandelt?

Hodenhochstand. Nach der Geburt haben drei bis fünf Prozent aller Buben eine falsche Positionierung der Hoden an der hinteren Bauchwand, bei Frühgeborenen sind es sogar 30 Prozent. Während des ersten Lebensjahres wandern sie bei 99 Prozent der Buben noch an die richtige Stelle. Die anderen Knaben müssen behandelt werden.

Bettnässen. Kinder mit Kontinenzproblemen finden in Linz zum Beispiel eine Blasenschule und eine Kinder-Urotherapeutin.

Phimose. Die Vorhautverengung gehört zu den häufigsten Diagnosen, die Eltern mit Buben in die Kinderurologie führen. Oft löst das Wachstum dieses Problem: Im Alter von einem Jahr bei der Hälfte, mit zwei Jahren bei 80 Prozent der Knaben. Jeder Fünfte wird nach Ablauf dieser Frist ambulant behandelt.

Fehlbildungen. Die Kinderurologen korrigieren, was die Natur „vergessen“ hat: Wenn zum Beispiel die Harnröhre unvollständig angelegt wurde (Hypospadie). Immerhin zwei von 1.000 Kindern sind betroffen. In den vergangenen Jahren ließ sich ein Ansteigen der Fallzahl verzeichnen. Die Risikofaktoren sind bekannt: Umweltfaktoren, versteckte Gifte in der Nahrung, untergewichtige Frühgeburten oder In-vitro-Fertilisation.

Spina bifida. Der sogenannte „offene Rücken“ (MMC) wird immer wieder erfolgreich therapiert.

Infrastruktur der BHS Linz

Um eine Abteilung für Kinderurologie medizinisch erfolgreich und patientengerecht betreiben zu können, bedarf es aus medizinischen und organisatorischen Gründen eines entsprechenden Umfeldes. Eine eigene Ambulanz, die Blasenschule, eine Kinderstation und ein eigener Operationssaal stehen hier zur Verfügung. Des Weiteren sind alle relevanten Abteilungen im Haus angesiedelt und garantieren kurze Wege.

Abteilung für Pädiatrie. Kinderurologie ist nur mit und in enger Kooperation mit einer Abteilung für allgemeine Pädiatrie zu bewerkstelligen. Der Kinderarzt beurteilt täglich die OP-Tauglichkeit mehrerer Kinder und betreut täglich die tagesklinischen und stationären Patienten mit. Eine hohe Kompetenz in der Kindernephrologie ist unabdingbar und bei den Barmherzigen Schwestern gegeben. Eine fallweise Nachbetreuung von Kindern nach komplexen operativen Eingriffen auf einer Intermediate Care Unit (IMCU) ist postoperativ notwendig.

Abteilung für Erwachsenen-Urologie. Ein Teil der Infrastruktur wird gemeinsam genützt: das Uro-Röntgen für spezifische endoskopische Eingriffe und perkutane Ultraschall- und Röntgengezielte Eingriffe, die Steinmaschine für die Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie (ESWL), OP-Mikroskop, Holmiumlaser, diverses OP-Instrumentarium und Gebrauchsgüter (Katheter, Bougies, etc.) und der OP-Roboter da Vinci-System. Daneben hat sich ein regelmäßiger persönlicher Wissensaustausch und Konsultation bei schwierigen Fragestellungen bewährt. Vor allem in der Adoleszentenurologie benötigen Patienten mit komplexen kongenitalen Fehlbildungen mit diversen Problemen (chronischen Infekten, Inkontinenz, Steinbildung, Fertilität, Sexualität etc.) eine abteilungsübergreifende, interdisziplinären Betreuung.

Gynäkologie. In vielen Fällen erfolgt ein Austausch mit den Gynäkologen des Hauses. Beispielsweise ist man hoch spezialisiert bei der Versorgung von Kindern, die mit einem intersexuellen Genital geboren wurden. Hier bietet das Krankenhaus die einzige Abteilung in Österreich, die in diesen Fällen Versorgung anbietet.

Nuklearmedizin.Hier wurde ein auf die Bedürfnisse der Kinderurologie zugeschnittener Behandlungsprozess entwickelt. Täglich werden mehrere nuklearmedizinische Untersuchungen an Säuglingen und Kleinkindern benötigt. Diese bedürfen zum einen einer entsprechenden Expertise, zum anderen erfolgen diese Untersuchungen teilweise in Sedierung und Überwachung, deshalb sind kurze Transportwege notwendig.

MR-Urografie.Die MR-Urografie hat in der Kinderurologie das konventionelle Röntgen abgelöst. An speziellen Kindertagen werden diese Untersuchungen in Kooperation mit den Anästhesisten durchgeführt. Auch hier sind kurze Wege und anästhesiologische Überwachung notwendig.

Kinderanästhesie. Die operative Kinderurologie erfordert eine spezifische anästhesiologische Expertise in Kinderanästhesie einschließlich der regionalen Anästhesieverfahren (Epiduralblock, Epiduralkatheter etc.), gegebenenfalls mit intensivmedizinischer Nachbetreuung von Neugeborenen bis hin zu Pubertierenden.

Europäisches Ausbildungszentrum

Vor 22 Jahren wurde die Europäische Gesellschaft für Kinderurologie (ESPU) gegründet, 2002 wurde Kinderurologie als eigene Fachdisziplin in Brüssel anerkannt. Zeitgleich wurde die European Association of Paediatric Urology gegründet, deren Aufgabe es war, das Fachgebiet zu definieren, einen Syllabus zu erstellen, Kriterien zur Erlangung des Fellow of the EAPU zu konzipieren und die Voraussetzungen zur Zertifizierung als kinderurologisches Zentrum festzulegen.

Jeder Facharzt für Urologie oder Kinderchirurgie kann durch eine zweijährige Ausbildung (Fellowship) an einem zertifizierten Zentrum und anschließende schriftliche und mündliche Prüfung den Europäischen Facharzt für Kinderurologie (FEAPU) erreichen. Die Kinderurologie Linz wurde als sechste Abteilung in Europa zertifiziert. Sie ist heute eines von 17 europäischen Ausbildungszentren (Regensburg, Utrecht, Ankara, Kopenhagen, Prag, Linz, Warschau, Rom, Nijmegen, Madrid, London, Leeds, Gent, Göteborg, Istanbul, Paris, Zürich).

Soziales Engagement Hilfsprojekt in Eritrea

Das internationale Hilfsprojekt „Paediatric Urology Team Austria for Eritrea“ wurde 2005 ins Leben gerufen. Seither fährt das kinderurologische Team zweimal im Jahr für je eine Woche nach Eritrea, um Kinder medizinisch zu versorgen sowie Ärzte und Pflegepersonal vor Ort zu schulen.

Für 4,5 Millionen Eritreer stehen gerade 190 Ärzte zur Verfügung, die Hälfte dient militärisch an der Front zu Äthiopien. Für die 2,5 Millionen Kinder gibt es nur drei einheimische Kinderärzte, einen Urologen, keinen Kinderchirurgen. Kinder- und Müttersterblichkeit sind unverhältnismäßig groß: Nur drei bis fünf von zehn Kindern erreichen das zehnte Lebensjahr, 44 von 1.000 Müttern sterben bei der Geburt, oft als Spätfolge der genitalen Beschneidung. Fieberhafte Harnwegsinfekte und die dort häufigen Nierensteine enden oft tödlich in Ermangelung an Antibiotika und spezifischen Therapiemöglichkeiten. Komplexere Fehlbildungen wie Hypospadie oder Blasenekstrophie stigmatisieren unbehandelt die Betroffenen. Sind diese mit einer Harninkontinenz vergesellschaftet, so sind die Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen und in der eigenen Familie zur Wertlosigkeit degradiert.

Im größten Spital des Landes, in der Hauptstadt Asmara, werden die Kinder am International Operation Center abgeklärt, operiert und nachbehandelt. Diese Einsätze werden vor allem durch Charity-Aktivitäten des Rotary-Clubs Linz-Altstadt und andere österreichische und deutsche Rotary-Clubs finanziert. Hinzu kommen großzügige Spenden aus dem privaten Freundeskreis, der Bevölkerung und mehreren medizinischen Firmen. Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz unterstützt die Einsätze durch Dienstfreistellung und Bereitstellung von medizinischem Verbrauchsmaterial und Medikamenten, womit die jeweiligen Kosten für eine Einsatzwoche deutlich abgesenkt werden können.

In einer Woche werden an fünf Operationstagen durchschnittlich 50 Kinder mit angeborenen Fehlbildungen am Urogenitaltrakt, Verletzungen, Nieren- und Blasensteinen operativ versorgt, die sonst keinerlei Chance auf spezifische medizinische Hilfe hätten. Ein ebenso wichtiges Ziel ist es, einheimische Ärzte und Schwestern schrittweise auszubilden, damit diese in einigen Jahren ihren Kindern selbst medizinisch helfen können und auf unsere Hilfe nicht mehr angewiesen sind. Kinder mit sehr komplexen medizinischen Problemen, die letztlich in Eritreanicht oder nur mit hohem Risiko gemanagt werden können, werden über Patenschaften nach Linz gebracht, hier operativ versorgt und dann wieder in ihre Heimat überstellt. Die dafür anfallenden Kosten werden vom Sozialfonds des Ordens der Barmherzigen Schwestern getragen. Während der 14 Einsätze von 2005 bis 2012 wurden 594 Kinder operiert und 1.948 behandelt. 28 Kinder wurden nach Linz zur Operation gebracht.

Über den österreichischen gemeinnützigen Verein Allianz für Kinder mit Sitz in Steyr kommen seit vielen Jahren regelmäßig Kinder aus Albanien zur Abklärung und operativen Versorgung an die Abteilung. Weiteres werden auf Einzelinitiative bzw. Projekten von Ärztinnen und Ärzten in diversen Entwicklungsländern Kinder in Linz versorgt.

Neuer Leiter Josef Oswald

Der künftige Leiter der Abteilung für Kinderurologie Doz. Dr. Josef Oswald (53) absolvierte nach dem Studium der Humanmedizin in Graz den Turnus am KH der Barmherzigen Schwestern Linz. 1995 absolvierte der die Prüfung zum Facharzt für Urologie. Die Abteilung für Kinderurologie in Linz konnte er in den Jahren 1995 bis 2001 bereits als Stellvertreter seines damaligen Lehrmeisters Doz. Dr. Marcus Riccabona kennenlernen. Im Anschluss wechselte Oswald an die Universitätsklinik für Urologie in Innsbruck, wo er zuletzt als leitender Oberarzt der Urologischen und der Kinderurologischen Abteilung tätig war.

Oswald hat zahlreiche postgraduale Ausbildungen sowie akademische Aufenthalte im In- und Ausland absolviert und ist in der kinderurologischen Grundlagenforschung tätig. 2004 erfolgte die Habilitation an der Medizinischen Universität Innsbruck, an der Oswald die Lehrbefugnis als Universitätsdozent für Urologie besitzt. Er ist Leiter des Arbeitskreises für Kinderurologie der Österreichischen Gesellschaft für Urologie (ÖGU) und gemeinsam mit Primarius Riccabona seit Jahren bei den humanitären Hilfseinsätzen in Eritrea engagiert.

 

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