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© (3) W. Regal
Moulagen einer Hand und eines Fußes mit dem Kaposi-Sarkom im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm in Wien.
© historische Abbildung

Moritz Kaposi, geboren als Moritz Kohn 1837 in der ungarischen Stadt Kaposvár.

© (3) W. Regal

Moulagen des Kaposi-Sarkoms, hergestellt vom Bildhauer, Maler und Arzt Carl Henning (1860 – 1917), dem Leiter der Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus.

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Moulagen des Kaposi-Sarkoms, hergestellt vom Bildhauer, Maler und Arzt Carl Henning (1860 – 1917), dem Leiter der Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus.

 
Leben 24. Oktober 2012

Pionier und genialer Nosograph

Am 23. Oktober wäre Moritz Kaposi 175 Jahre alt geworden.

„Sein“ Sarkom machte den Namen weltbekannt. „Sein“ deshalb, weil er die Eigenart hatte, bei Neubeschreibungen von Krankheiten das Wörtchen „mihi“ statt seines Namens dahinter zu setzen. Dabei war das Pigmentsarkom der Haut zum Zeitpunkt seiner Erstbeschreibung ein eher seltener Tumor. Berühmt und berüchtigt wurde das von Moritz Kaposi (1837–1902) 1872 beschriebene „Sarkoma mihi“ erst durch sein explosionsartiges Auftreten in Zusammenhang mit der durch das HI-Virus verursachten Immunschwächekrankheit Aids in den 1980er-Jahren. Offiziell erhielt der bösartige Tumor den Namen seines Erstbeschreibers 1912: Kaposi-Sarkom.

Moritz Kohn aus Kaposvár im südlichen Ungarn – den Familiennamen Kohn änderte er erst später auf Kaposi – beendete 1861 sein Medizinstudium an der Wiener Universität. Zwei Jahre arbeitete er an der syphilidologischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

Danach wurde er Assistent bei Ferdinand von Hebra (1816–1880), neben Karl Freiherr von Rokitansky (1804–1878) und Joseph von Skoda (1805–1881), Begründer der weltweit berühmten „2. Wiener Medizinischen Schule“. Bei Hebra habilitierte Kohn im Jahr 1866. Im Februar 1869 heiratete er Hebras Tochter Martha und so war der „Vater der Dermatologie“ jetzt auch sein Schwiegervater.

Änderung des Familiennamens in Wien

In biografischen Notizen wird oft erwähnt, dass Kohn seinen Namen beim Übertritt zum katholischen Glauben änderte. Der Medizinhistoriker und Hautarzt Karl Holubar ist aber sicher, dass es die Häufigkeit des Namens „Kohn“ war, die für die Änderung des Familiennamens verantwortlich war.

In Wien hießen damals hunderte Menschen Kohn. Allein an der Wiener Universität publizierten fünf Doktoren mit gleichen oder ähnlichen Familiennamen.

Um hier Verwechslungen und Missverständnisse zu vermeiden, stellte Kohn 1870 das „Ansuchen, dass ihm für sich und seine Familie gestattet werde, seinen bisherigen Familiennamen „Kohn“ gegen „Kaposi“ vertauschen zu dürfen“. Mit Kaposi wollte er auf seine ungarische Herkunft und seine Geburtsstadt Kaposvár hinweisen.

Die Änderung seines Namens erfuhr die wissenschaftliche Welt im zweiten Teil des Lehrbuchs von Hebra, den aber zum größten Teil Kaposi geschrieben hatte. Unter dem Titel steht: „Von Dr. Kaposi (Moritz Kohn), Docent an der Universität Wien“. Darunter in einer Fußnote: „Unser geehrter Mitarbeiter, Herr Dr. Moritz Kohn, hat diesen seinen in der wissenschaftlichen Welt wohlbekannten Namen in Kaposi umgeändert. Der Verl.“

Hervorragender Beobachter und Kliniker

In diesem Teil des Hebraschen „Handbuches der speziellen Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten“ festigte Kaposi das System von Hebra entsprechend den neuen histologischen Befunden und begann damit, auch die histopathologische Erforschung der Hautkrankheiten. Nach wie vor war Kaposi aber in erster Linie Kliniker und in der klinischen Betrachtung, Deutung und Abwägung der Symptome unzweifelhaft ein Schüler Hebras. Er hatte wie sein Lehrer den viel gerühmten „klinischen Blick“. Es gelang ihm, scheinbar mit Leichtigkeit, auch komplizierteste Fälle richtig zu diagnostizieren.

In fast allen seinen Publikationen beschrieb der hervorragende Beobachter bisher nicht bekannte Krankheiten, wie den Lupus erythematodes, Lichen scrophulosus, Framboesie und Hauttuberkulose. Aber auch schon bekannte Krankheitsbilder konnte er durch sein histologisches Wissen genauer einordnen.

Kaposi-Sarkom

„Sein“ Sarkom beobachtete Kaposi eigentlich recht selten, insgesamt bloß etwa fünfmal. Das auch heute noch seltene „klassische“ Sarkom betrifft vor allem ältere Männer, ist meist auf die Beine beschränkt, wächst nur langsam und metastasiert sehr selten. Diese Form kann chirurgisch oder strahlentherapeutisch meist gut beherrscht werden. Die weitaus häufigste und bösartigste Variante trat erstmals 1981 in den USA auf. Die epidemische, besonders aggressive, mit dem HI-Virus gekoppelte, meist rasch tödlich verlaufende Form des Kaposi-Sarkoms, deren Häufigkeit in kürzester Zeit rasant anstieg, war letztendlich für die weltweite Publizität des Namens Kaposi verantwortlich.

Dermatologische Hauptwerke

Im Jahr 1875 erhielt Kaposi schließlich den Titel „außerordentlicher Professor“ und nach dem Tod seines Lehrers und Schwiegervaters Hebra ernannte man ihn 1881 zu dessen Nachfolger an der I. Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Trotz der immer wichtiger werdenden Labormedizin und bakteriologischen Methoden hielt Kaposi am Leitsatz der Wiener Schule fest: „Die klinische Beobachtung, die Beherrschung des klinischen Materials, ist das erste an unserer Schule anzustrebende Ziel.“ Kaposis Hauptwerk „Pathologie und Therapie der Hautkrankheiten in Vorlesungen für praktische Ärzte und Studierende“ zählte zu den bedeutendsten Lehrbüchern der Dermatologie und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Seinen grandiosen, mit 242 chromolithografischen Tafeln ausgestatteten „Handatlas der Hautkrankheiten“ veröffentlichte er zwischen 1898 und 1902.

Aufbau einer Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus

Kaposi war schon am ersten Kongress für Dermatologie in Paris 1889 von den Krankheitsbildern aus Wachs, den Moulagen im Hôpital Saint Louis, derart beeindruckt, dass er sofort nach seiner Rückkehr mit dem Aufbau einer Moulagierwerkstätte im Allgemeinen Krankenhaus begann. Die Leitung des Ateliers übertrug er dem Bildhauer, Maler und Arzt Carl Henning (1860 – 1917). Mit seinen künstlerisch, technisch und medizinisch-wissenschaftlich höchst vollendeten Moulagen erregte Henning bald weltweites Aufsehen.

Am zweiten internationalen Kongress für Dermatologie 1892 in Wien – mit der Abhaltung des Kongresses in Wien wurde die Bedeutung der Wiener Schule auch international anerkannt – konnte Henning bereits zahlreiche, viel beachtete, Moulagen vorstellen. Hennings detailgetreue Wachsnachformungen krankhaft veränderter Hautpartien hatten höchste künstlerische und dokumentarische Qualität und waren bald als Lehr- und Studienmittel auf der ganzen Welt begehrt. Die Moulage des Kaposi-Sarkoms im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm stammt aus der Zeit der Erstbeschreibung.

Kaposigasse

Moritz Kaposi, der große Nosograph – „Krankheitsbeschreiber“ – der Wiener Schule, starb am 6. März 1902 in Wien. Er stellte die Dermatologie auf eine pathologisch-anatomische Basis und war nicht bloß Schüler Hebras, sondern auch Mitbegründer der neuen Wiener Schule der Dermatologie. Die Stadt Wien benannte nach dem Pionier und „größten Förderer der Dermatologie“ eine Gasse im 22. Wiener Gemeindebezirk.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 43/2012

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