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Leben 18. Oktober 2012

NebenWirkungen: Sprung aus der Stratosphäre

Wenn ein Mensch aus dem Weltall auf die Erde springt, tut er dies nicht nur zum Gaudium, sondern auch, um medizinische Erkenntnisse zu gewinnen.

Er hat es getan“, „Österreich ist Weltall“ oder „Niki Lauda wäre auch gerne gesprungen“ titelten zahlreiche Medien am Tag nach dem Sprung des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartner aus der Stratosphäre.

Per Ballon weit über jene Zonen, die uns das schlechte Wetter bringen, sprang der Österreicher quasi aus dem Weltall auf die Erde und durchbrach dabei die Schallmauer, bevor er mit einem Fallschirm sanft landen konnte. Der wissenschaftliche Nutzen, der von einer Salzburger Getränkemarke gesponserten Mission, wird mancherorts bezweifelt und auch die Internet-Postings zeugen von Neid: „Chuck Norris wäre ohne Fallschirm gesprungen.“ Dennoch sollten einige Fragen mit dieser Mission geklärt werden: Etwa, ob der menschliche Körper solche massiven Belastungen überhaupt standhält; ob ein nach Kaugummi schmeckender Energydrink tatsächlich Flügel verleiht; und wie viele Stunden man live über ein derartiges Ereignis berichten kann, ohne Luft zu holen. Tatsächlich wurde nicht nur der Heliumballon, sondern auch die Live-Berichterstattung ins Unermessliche aufgebläht.

Manche Dinge können wir freilich auch auf der Erde erleben: Das Gefühl, über lange Zeit in einer engen Kapsel ohne Frischluft eingesperrt zu sein, erlebt man täglich morgens in der U-Bahn. Die mangelnde Atmosphäre findet man in jedem zweiten Restaurant. Und auch einen langen und ungebremsten freien Fall kennen viele vom Arbeitsmarkt.

Doch was können wir von diesem Experiment für unsere Patienten lernen? Angenommen, es kommt bei der Auswertung der Daten dieses Sprunges heraus, dass es hier einen positiven Effekt auf Körper, Geist und Seele gibt: Sollen wir unsere Patienten nun ins All befördern? Bessern sich rheumatische Beschwerden in der Stratosphäre? Oder sollen wir Personen mit erhöhtem Cholesterinspiegel auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigen, damit die Fliehkraft das Cholesterin aus der Blutbahn herauspresst? Das Erreichen von Gesundheit darf uns nicht zu teuer und zu aufwändig sein. Und wenn wir uns schon riesige Apparate anschaffen, mit denen wir pro Jahr nachweislich zwei Patienten behandeln können, können wir wohl auch solche Therapiemöglichkeiten in unser Portfolio aufnehmen – mit Selbstbehalt, versteht sich.

Jeder in der Branche tätige Mensch hat zumindest einen Patienten, den er nur allzu gerne auf den Mond schießen möchte. Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Stratos-Sprung können wir dies nun auch medizinisch rechtfertigen.

R. Tekal-Teutscher, Ärzte Woche 42/2012

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