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Leben 8. Oktober 2012

LKH Hollywood

Krankheiten und Therapien in der realen Welt haben nicht viel mit jenen Leiden zu tun, die uns oft im Kino präsentiert werden.

Würden wir unser medizinisches Wissen ausschließlich von Drehbuchautoren vermittelt bekommen, so wären wir von der Realität doch eher überrascht. Zu spektakulär werden in den Filmen die harmlosen Wehwehchen geschildert: Wenn man krank ist, dann aber richtig.

Umgekehrt sind die Protagonisten eines Spielfilms auch unglaublich zäh. Wenn der Titelheld nach einem Herzstillstand und erfolgreicher Reanimation fit wie ein Turnschuh aus der Bewusstlosigkeit aufspringt, einem Ganoven aus 30 Meter Entfernung in den Knöchel schießt und die Retterin im roten Badeanzug leidenschaftlich küsst, dann hat hier die schreiberische Kreativität die medizinische Basiskenntnis übertölpelt.

So gerne man den menschlichen Körper in der Filmwelt überschätzt, wenn das Zerschlagen einer Bierflasche auf dem Kopf nur zu einer kurzen Irritation des Opfers führt, so wenig traut man diesem Körper zu, mit schwereren Krankheiten fertig zu werden.

Eine aktuelle Studie an der Sapienza Universität in Rom konnte etwa zeigen, dass die Krankheit Krebs in den Filmen weitaus dramatischer dargestellt wird, als in der Realität. Die gezeigten Sachverhalte würden, so die Autoren, weit hinter den heutigen therapeutischen Möglichkeiten nachhinken.

Zum einen verwundert es nicht, dass eine solche Dolce-far-niente-Studie, bei der sich die Wissenschaftler einen Haufen Filme im Kino reinziehen, aus Italien stammt. Zum anderen muss man die Drehbuchautoren natürlich in Schutz nehmen. Denn will man eine Filmfigur in Lebensgefahr bringen, so greift man logischerweise eher auf Krankheiten zurück wie Krebs, Syphilis oder Aids, und nicht auf ein Furunkel auf der Nase, bei dem man nachgewiesenermaßen auch das Zeitliche segnen kann.

Der Schrecken, den eine onkologische Krankheit auslöst, begründet sich nicht zuletzt in jenen Bildern fiktiver Personen, die am Tag nach der Diagnosestellung die Radieschen bereits von unten sehen müssen. Dass Krebs ernst zu nehmen ist und dramatisch enden kann, muss man niemandem erklären. Aber es gibt auch viele Menschen, die über Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit dieser Krankheit leben – und mitunter gar nicht so schlecht. Nur lässt sich das ähnlich schlecht verfilmen, wie das Drama um einen eingewachsenen Zehennagel.

Drehbücher schildern Worstcase-Szenarien, in den Ordinationen haben wir es – gottlob – zumeist mit Routine zu tun. So ist der Alltag eines Hausarztes weniger von Heimlich-Manövern und notfallmäßigen Kehlkopfschnitten geprägt, denn von langen Gesprächen über die Sinnhaftigkeit, bei Diabetes auf die vierte Cremeschnitte zur Nachspeise zu verzichten. Der Alltag lässt sich vielleicht nicht ganz so spektakulär auf die Leinwand bringen, aber es würde die Dinge ein wenig zurecht rücken.

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